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Sexuelle Revolution Vom Zwang der Selbstbefreiung

Natürlich lebte unsere Autorin Ende der Sechziger Jahre in einer WG, diskutierte in Arbeitskreisen über die sexuelle Revolution und genoss das Leben in vollen Zügen. Bis sie erkannte, dass ihr das alles doch zu viel war.

Uschi Obermaier und Rainer Langhans
West-Berlin, November 1969: Die Speerspitze der 68er-Bewegung – Uschi Obermaier (2. v. r.) und Rainer Langhans (3.v.r.) mit Kommunarden in der Kommune 1 – bei der Arbeit, die vor allem darin bestand, bloß nicht zu werden wie die eigenen Eltern. Foto: Klaus Mehner (Ullstein Bild)

Wie streng wir damals waren. Wie gnadenlos. Mit uns selbst. Mit unseren Eltern. Mit den alten Strukturen, die wir unbedingt demolieren wollten. Was auch notwendig war. Und wohl nicht anders ging als streng, hart, unnachgiebig. Außerdem waren wir genau das ja gewöhnt. Unsere Eltern waren so gewesen, streng, hart, unnachgiebig. Woher sollten wir irgendetwas Anderes kennen?

Unsere Mütter waren Hausfrauen (jedenfalls die meisten), hatten sich nicht getraut, ihre Männer zu verlassen – egal wie trostlos die Beziehung war. Wo sollten sie auch hin? Geschiedenen Frauen stand kaum etwas zu an Geld. Da konnten sie sich gleich verabschieden von ihrem gesellschaftlichen Status. 

Genau dieses Elend wollten wir, ihre Töchter, nicht wiederholen. Lasen Betty Friedans Buch über den „Weiblichkeitswahn“, der die traditionelle Rolle von Müttern und Hausfrauen vehement infrage stellte. Konfrontierten unsere Mütter damit, die Staubwischen, Wäschewaschen, Putzen und Kochen zu ihrem Lebensinhalt gemacht hatten. Und versuchten uns in der neu gefundenen Freiheit. 

„Wer einmal mit dem Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“ bläuten wir, die Töchter dieser Frauen, uns gegenseitig ein. Und schliefen mit jedem, der in etwa unserem Geschmack entsprach. Was soll’s, sagten wir uns. Man muss nichts unversucht lassen. Außer ein paar Trichomonaden holten wir uns weder Beständigkeit noch Emotionen. 

Wie streng wir damals waren. Wie gnadenlos. 

Aber dennoch hat es auch Spaß gemacht. Oft jedenfalls. 

In Arbeitskreisen über Wilhelm Reichs sexuelle Revolution staffierten wir uns mit dem theoretischen Rüstzeug aus, um unseren Feldzug gegen ein bleiernes Land, ein verkrustetes Leben zu rechtfertigen. Im Recht waren wir ja. Den alten Nazis kehrten wir den Rücken, versuchten sie in den eigenen Familien zu entlarven. Saßen privat über sie zu Gericht. Den Gerechtigkeitsfeldzug, den die Justiz versäumte, hatten wir übernommen. 

Ansonsten machten wir genau das, was die vorherige Generation sich nie getraut hätte. Wir jungen Frauen, wir waren die Kinder der Pille.

Ich habe es genossen! 

Jahrzehnte später wurde ich mal von einem Freund gefragt, ob ich in meinem Leben schon mit vielen Männern zusammen gewesen sei. Und wenn ja, ob ich mich noch an alle erinnere. Ob er sie wirklich alle wissen wolle, erkundigte ich mich irritiert. Ja, gerne, sagte der Gute in aller Unschuld, um dann meinen Redefluss nach kurzer Zeit mit dem Einwurf zu unterbrechen, das reiche jetzt, er habe einen Eindruck bekommen. 

Wenn es doch mal schiefging, wenn eine von uns schwanger wurde, hörte der Spaß allerdings auf. Über unserer neuen Freiheit schwebte der § 218, der Abtreibungen verbot. Also blickte man in die liberaleren Nachbarländer. Ich hatte neben meinem Telefon eine Liste von Abtreibungskliniken in Holland und London liegen. Mich riefen viele Frauen an, verzweifelt, ratlos. Plötzlich war unser munteres Treiben, unsere neue Freiheit an ihre Grenzen gestoßen. 

Was das emotional mit den Frauen so machte, konnte ich mir damals nicht vorstellen. 

So wie mir auch die Fantasie fehlte für so etwas Biederes wie eine Kleinfamilie. Nein, ich musste in einer WG, einer Wohngemeinschaft, leben. Selbstverständlich. Was Anderes kam nicht infrage. Auch wenn das nervig war. Es gehörte sich einfach so in meinen emanzipatorischen Kreisen. 
Zu der Zeit arbeitete ich schon als Journalistin. Hatte einen anspruchsvollen Job. Und wenn ich dann abends hungrig nach Hause kam und ausgerechnet der Mitbewohner Kochdienst hatte, der zuerst einmal gemütlich die Kartoffeln aufsetzte, dann in Ruhe das Gemüse putzte, um sich zu guter Letzt dem Braten zuzuwenden – dann packten mich schonmal Verzweiflung und Hunger am Schopf. Stunden später dann saßen wir alle, plaudernd und wunderbar vereint und aßen die zerkochten Zutaten, das längst nicht gare Fleisch. 

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