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Prager Frühling „Ich war immer antikommunistisch“

Ein Gespräch mit dem Grünen-Mitbegründer Milan Horácek über seinen Wandel vom Fundi zum Reformer und warum die AfD in unserer kapitalistischen Demokratie keine Chance auf eine Mehrheit hat.

Prager Frühling
Prag im August 1968: Protestierer stehen mit einer Fahne der Tschechoslowakei auf einem umgekippten Militärfahrzeug. Foto: dpa

Eigentlich hätten Sie zu einem uneingeschränkten Anhänger des Systems in der Bundesrepublik werden müssen. Warum sind Sie statt dessen ein engagierter Kritiker der herrschenden Verhältnisse geworden?
Ausschlaggebend war das politische Milieu in Frankfurt. Ich hatte schon bald Daniel Cohn-Bendit kennengelernt. Die Spontis haben mir umgekehrt die Frage gestellt: Warum bist Du so antikommunistisch? Denn ich war immer auch klar antikommunistisch. Das heißt für mich insgesamt: anti-autoritär.

Sind Sie in der Szene in Frankfurt auch dafür angegriffen worden, dass Sie antikommunistisch waren?
Ja, aber selten. Weil ich mich zwischen Leuten bewegt habe, die antiautoritär waren. Die hatten Verständnis für mich.

Sie haben sich dann für den parlamentarischen Weg entschieden, haben Unterschriften gesammelt für die Kandidatur der neuen Partei Die Grünen, während Joschka Fischer das ablehnte. Es gab eine berühmt gewordene Szene in einer Frankfurter Kneipe, als Fischer die Unterstützer-Unterschrift verweigerte.
Schon für uns in der Tschechoslowakei war ein Mehrparteiensystem erstrebenswert gewesen. Und natürlich ging es um die Menschenrechte, die in Deutschland weitgehend gewährleistet waren.

Als die erste Fraktion der Grünen mit Ihnen 1981 in den Frankfurter Römer einzog, sind Sie von Rechts auch als Ausländer beschimpft worden.
Das setzte sich 1983 im Bundestag fort. Ich war der erste Ausländer, der dort am Mikrofon aufgetreten ist. Viele waren schockiert. Ein paar liberale Sozialdemokraten haben mich begrüßt. Und Johnny Klein von der CSU und Peter Glotz von der SPD haben mich zum Stammtisch der Sudetendeutschen eingeladen. Als ich dahin kam, haben sich demonstrativ ein paar CSUler weggesetzt.

Können Sie sich an Beschimpfungen erinnern?
Sicher. In Erinnerung ist mir geblieben: Man hat vergessen, Dich zu vergasen. Es gab auch üble Postkarten. Ich habe 1981 im Römer die erste Rede eines Grünen überhaupt gehalten. Da gab es Zwischenrufe: Was haben Sie hier zu suchen?

Haben Sie sich bei den Grünen damals als Reformer verstanden?
Nein, anfangs nicht, ich war lange harter Fundi.

Waren Sie froh, als die Radikalökologen 1991 die Grünen verlassen haben?
Radikalökologen ist schon der falsche Begriff. Diese Selbstdefinition täuscht vor, dass sie die einzigen und echten Grünen sind. Das war schon die Auseinandersetzung damals im Atelier von Beuys gewesen. Rudi Dutschke protestierte damals: Wir können doch nicht nach einer Farbe heißen! Wir müssen etwas inhaltlich im Namen tragen: Ökologisch, radikal. Aber das Grüne ist ehrlicher.

Zu was haben Sie sich entwickelt vom Fundamentalisten aus?
Ich war lange Zeit auch radikalpazifistisch, das war der Fundi in mir.

Durch welche Ereignisse beeinflusst haben Sie diese Position verlassen?
Ich wurde mit Realitäten konfrontiert. Das, was geschehen ist in Srebrenica im jugoslawischen Krieg, als Tausende von Menschen durch die Serben ermordet wurden. Zehn Jahre später war ich dabei, als Hunderte von Särgen beigesetzt wurden und nur Frauen und Kinder hinter den Särgen gingen. Man muss auch manchmal in eine Auseinandersetzung mit Gewalt hineingehen.

Würden Sie sagen, Sie sind ein Linker?
Ja. Das bezieht sich auf das Soziale und meine Ideale.

Welche?
Eine bessere Gesellschaft, in der sich der Mensch verwirklichen kann und dennoch soziale Verantwortung trägt.

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