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Prager Frühling „Ich war immer antikommunistisch“

Ein Gespräch mit dem Grünen-Mitbegründer Milan Horácek über seinen Wandel vom Fundi zum Reformer und warum die AfD in unserer kapitalistischen Demokratie keine Chance auf eine Mehrheit hat.

Prager Frühling
Prag im August 1968: Protestierer stehen mit einer Fahne der Tschechoslowakei auf einem umgekippten Militärfahrzeug. Foto: dpa

Wir kennen uns seit 1981. Damals zog der gebürtige Tscheche Milan Horacek mit fünf anderen Parteimitgliedern der Grünen ins Frankfurter Stadtparlament ein. Er musste sich damals wüste Beschimpfungen der CDU anhören. Dreizehn Jahre zuvor, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, war Horacek nach Frankfurt geflohen. Im Interview in der Redaktion der FR in Frankfurt sprechen wir mit dem Mitbegründer der Grünen über die Hoffnungen und Enttäuschungen von 1968. Wir erfahren, wie Joseph Beuys den Grünen ihren Namen gab und hören, warum sich Horacek mit Angela Merkel gegen Rechts verbünden würde.

Herr Horácek, Sie sind aus der Tschechoslowakei geflohen, nachdem der Prager Frühling am 21. August 1968 von Truppen des Warschauer Pakts abgewürgt worden war.
Es gab für mich zwei Motivationen. Meine Mutter und meine Schwestern lebten schon seit 1966 in Deutschland. Ich war bei einem Strafbatallion als politisch Unzuverlässiger. Ich hatte als 18-Jähriger öffentlich gesagt, dass wir in einem großen Gefängnis leben und die Deutschen vertrieben wurden – das kann man in meiner tschechischen Staatssicherheitsakte auch nachlesen. Ich spielte damals in einer Beatgruppe, natürlich die Musik der Beatles und der Rolling Stones…

…welches Instrument?
Natürlich Schlagzeug. Ich habe schon immer Krach gemacht. Ein Freund wurde zu den Grenztruppen eingezogen, studierte dabei die Sicherheitsanlagen und fand heraus, wie die Flucht gelingen könnte.

Sie sind dann nachts über die Grenze zuerst nach Österreich und dann nach Bayern gegangen.
Das war Anfang September 1968. Als die Delegation von Generalsekretär Dubcek aus Moskau zurück war, wo sie gezwungen worden war, in dieser schändlichen Erklärung die Intervention des Warschauer Pakts gutzuheißen, sagte mein Freund: Ich komme mit Dir.

Was hatten Sie sich erhofft in Deutschland?
Meine Schwestern hatten mir die Platte „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher zugeschickt. Wir haben das bei den Bausoldaten gespielt und sind dazu marschiert. Vollkommen gaga. Wir hofften auf eine andere Welt hinter dem großen Gefängnis. Es musste eine andere Welt geben.

Sie sind dann recht schnell nach Frankfurt am Main gekommen. Haben Sie die andere Welt dann dort gefunden?
Ja. Ich bin zu vielen Konzerten in der Festhalle und in der Jahrhunderthalle gegangen. Das Beste, was die Musik angeht, war aber dann das Konzert der Rolling Stones 1990 in Prag. Ich war in der Präsidenten-Loge zusammen mit Václav Havel, der eine Bomberjacke trug als Fan. Da hat sich für mich ein Traum erfüllt.

Sie waren 1980 beim Gründungs-Parteitag der Grünen in Karlsruhe dabei…
…den habe ich gemeinsam mit Lukas Beckmann organisiert. Ich war schon bei der Sonstigen Politischen Vereinigung vorher auf einer Liste für das Europaparlament, gemeinsam mit Joseph Beuys. Ich habe Beuys fünf Jahre nach dem Prager Frühling kennengelernt. Wir haben über Freiheit und Menschenrechte debattiert. Bei Beuys im Atelier haben wir mehrfach über die Gründung der Grünen diskutiert. Im Herbst 1977 waren dann auch Rudi Dutschke dabei, Petra Kelly, Otto Schily, der spätere SPD-Bundesinnenminister, und Jürgen Engel, der dann in Frankfurt die Grünen mitgegründet hat. Beuys hat uns ganz klar erklärt, dass wir Grüne heißen und die Sonnenblume als Symbol haben sollten. Einerseits wegen der Farbenlehre von Goethe, andererseits war bei der Sonnenblume auch ganz klar: Sie nimmt Sonnenenergie auf und gibt diese auch ab.

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