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Prager Frühling Die Geräusche der Nacht

Sibylle Plogstedt war 24, als sie in den Wirren des Prager Frühlings verhaftet wurde. Die psychische Folter, die sie als politische Inhaftierte in der Zelle erleben musste, hat sie ihr Leben lang beschäftigt – in einem Gedichtband arbeitete Plogstedt das Erlebte auf.

21.08.2018 07:52
Sibylle Plogstedt
50 Jahre Niederschlagung Prager Frühling
Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21. August 1968. Foto: dpa

Bis zum Berufungsverfahren will ich durchhalten. Mit Marta gelingt das nicht. Der Druck ist zu groß. „Wollen Sie das wirklich bis zum Ende treiben,“ fragt der Vernehmer. Meine Angst vor der politischen Psychiatrie wächst. Ich unterschreibe die Ausweisung. Der Preis ist die Beziehung zu Petr. 

Marta ahnt, dass ich entlassen werde. Sie schreibt:

Inserat!
Tausche eine große Wohnung
Gegen zwei kleinere.
Tausche die Lüge, die dem Glück ähnelte,
gegen die Wahrheit der Einsamkeit,
gegen das Ausschneiden von Fotos aus dem Album.
Ich biete komfortablen Sonnenschein,
ein Dreizimmer-Leben. 
Im ersten klirren die Gläser,
lächelt mein Brautschleier, 
im zweiten suche ich die Kinder und 
finde Falten,
im dritten schweigen zerschlagene Teller. 
Ich biete eine große Wohnung
gegen zwei kleine.
Ich biete denjenigen Hoffnung, 
die Liebe in diese Wohnung bringen,
Sie sollen wissen: Nach zwei Seiten 
dürfen sie sich nicht bedienen,
können nicht alles haben wollen,
weil dann selbst eine große Wohnung 
eng wird.
Und dann biete ich Träume,
die wegen des Zeitmangels nicht 
verpacke,
die hier herumhängen, und die Sie 
finden werden.
Ich biete Küche, Bad und Zentralheizung
Und Gas vor dem ich flüchten muss. 

Damit ich nach 30 Jahren auch innerlich aus dem Gefängnis entlassen werde, muss ich Marta treffen. Sie stellt die Bedingung, dass ich keine Fragen stelle. Damit wird die Aufklärung zur Farce. Marta drückt mein Handgelenk, bis es weiß wird.  Sie liest: „Für Dich, Sibylle“:

Liebe!
Damit die Welt lebe
das Beste vom Leben.
Gott allein kann uns retten
und halten in der Welt.
Gesundheit.
Die Erfüllung deiner Wünsche,
vor allem Liebe.
Greif mit beiden Händen nach ihr.
Schenk sie weiter,
schütze und pflege sie
wie eine seltene Blume.
In Liebe sollen nicht nur wir beide leben
sondern die ganze Welt. 
Liebe
durchleuchte deine Lebensjahre.
Öffne dein Herz und geh auf sie zu. 

Und der tschechische Staat? 10 000 Kronen gibt es für mögliche gesundheitliche Schäden als Entschädigung. Die Haftentschädigung reicht, um mir in Prag einen Fotoapparat zu kaufen. Erteilt wird auch die politische Rehabilitation. Und die politische Anerkennung? Die Diskussion um 1968 und den Widerstand hat in Prag bis heute noch immer nicht begonnen. Leider!

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