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Prager Frühling Die Geräusche der Nacht

Sibylle Plogstedt war 24, als sie in den Wirren des Prager Frühlings verhaftet wurde. Die psychische Folter, die sie als politische Inhaftierte in der Zelle erleben musste, hat sie ihr Leben lang beschäftigt – in einem Gedichtband arbeitete Plogstedt das Erlebte auf.

21.08.2018 07:52
Sibylle Plogstedt
50 Jahre Niederschlagung Prager Frühling
Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21. August 1968. Foto: dpa

Was ich wissen will ist, ob meine Zeit mit Marta psychische Folter war. Drei Monate lang Tag und Nacht, 24 Stunden lang kein Ausweichen, keine Korrektur durch Gespräche mit anderen. Ich bin Marta ausgesetzt, immer nur Marta. 

Im Gefängnisarchiv gibt es ein Dokument, das Martas Vorstrafen auflistet. Fast ihr gesamte Leben hat Marta im Gefängnis verbracht. Mehr als 13 Mal hat sie gesessen wegen Betrugs. Nur beim ersten Mal war es versuchte Republikflucht. Als Marta bei der Holzfällerin Mirka gelebt hat, ist sie aus dem Gefängnis geflohen. 

Als Marta im Jahr 1970 aus der Haft entlassen wurde, hatte sie noch eine Bewährungsstrafe offen. Die musste sie nicht absitzen. Das spricht dafür, dass Marta belohnt wurde. Die Bezahlung für Spitzeldienste erfolgte nicht in Geld, sondern in Freiheit. Es gibt also etwas während unserer gemeinsamen Haftzeit, wofür Marta entlohnt wurde. 

Oder gehörte Marta der Stasi an? War sie ein Zellen-IM? Der Jurist Pavel Bret war zuständig für Aufklärung der Verbrechen aus der Zeit des Kommunismus. Er erklärte, dass die tschechisch-slowakische Stasi erst ab dem Jahr 1974 regulär dokumentiert hat, wie sie arbeitete. Davor galten Gesetze aus dem Jahr 1968, nach denen Zellen-IMs verboten waren. Wenn es sie gab, wäre das illegal gewesen. Schon deshalb wurde nichts schriftlich festgehalten. 

In der Zelle. Marta steht vor der Heizung. Die Heizung zischt und faucht. Marta ist bleich: „Gas“ stammelt sie. Ich halte den Atem an, um mich zu schützen. Um gleich darauf tiefer einatmen zu müssen. Marta spricht von Menschenexperimenten mit Gas. 

Kurz darauf ging es um Radioaktivität. Aus der Nachbarzelle kommt ein Kassiber, Pferd sagten wir zu den von Zelle zu Zelle gependelten Nachrichten. Der Text war voller Tippfehler. 53 zähle ich mit meinem mangelhaften Tschechisch. Auch in Martas Antwort fehlen Buchstaben. 

Marta behauptet, meine Mutter habe derselben Untergrundgruppe angehört wie sie. In der Zeit vor 1945. Marta ist 20 Jahre älter als ich. Marta nimmt eine Zeitschrift, zeigt auf einen blühenden Zweig. Der sei ein Zeichen. Kurz darauf werde ich von einem Wärter abgeholt. Ich habe unangemeldet Besuch von meiner Mutter. Die bringt mir einen blühenden Kirschzweig. Der Zweig, das Zeichen, zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Ich darf ihn mit in die Zelle nehmen.

Als ich sie in der Zelle befragen will, hat Marta sämtliche Tuben aus meinen Paketen geöffnet. Sie behauptet, vergiftet worden zu sein. Ich flöße Marta Tubenmilch ein. Sie liegt wie ein Baby in meinem Arm. Was das mit dem Kirschzweig auf sich hatte? Zu der Frage komme ich nicht mehr. 

Petr Uhl, mein damaliger Partner, hat die Suche nach Marta intensiv unterstützt. Er erzählt mir, auf welche Weise unser Richter Kašpar Karriere gemacht hat. „Vor unserem Verfahren war er ein einfacher Richter auf dem Land. Er kam nicht einmal aus Prag. Ihm wurde gesagt: Übernehmen Sie den Prozess gegen Petr Uhl und die anderen und Sie werden Gerichtspräsident. Er wurde Gerichtspräsident. Er hat nicht einmal selbst die Akten gelesen. Das übernahm sein Stellvertreter Zelenka. Ein paar Jahre später hieß es wieder: Wir haben hier wieder Petr Uhl. Der zweite Hauptangeklagte war Václav Havel. Verurteilen Sie die und Sie werden Minister. Und er verurteilte beide und wurde Justizminister.“ Petr hat mehr als neun Jahre im Gefängnis gesessen. 

Petr Uhl und ich gehen durch das Gerichtsgebäude. „Wir Frauen – das waren Petruška Šustrová und ich – sind damals in einem Auto von Ruzyne zum Gericht gebracht worden. Ihr Männer wurdet gefesselt.“ Petr stimmt ein: „Und als wir da gefesselt saßen, sagte Pavel Šremer: ‚Und jetzt haben wir nichts zu verlieren wie unsere Ketten.“

Jirina Šiklová, meine Mentorin am Soziologischen Institut der Akademie der Wissenschaften, an der ich 1968/69 ein Praktikum mache, hat unseren Prozess verfolgt. „Durch euren Prozess fingen wir an zu verstehen, dass die Okkupation dauerhaft sein würde. Und als wir sahen, dass die meisten von euch nur ein oder zwei Jahre Haft bekamen, haben viele von uns gesagt: Dieses Risiko können wir eingehen.“ Die „Bewegung der Revolutionären Jugend“ gibt den Anstoß zu einer Oppositionsbewegung, die weiter geht mit der Charta 77 bis zum Jahr 1989, bis zur Samtenen Revolution.

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