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Prager Frühling Die Geräusche der Nacht

Sibylle Plogstedt war 24, als sie in den Wirren des Prager Frühlings verhaftet wurde. Die psychische Folter, die sie als politische Inhaftierte in der Zelle erleben musste, hat sie ihr Leben lang beschäftigt – in einem Gedichtband arbeitete Plogstedt das Erlebte auf.

21.08.2018 07:52
Sibylle Plogstedt
50 Jahre Niederschlagung Prager Frühling
Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21. August 1968. Foto: dpa

Durch eine dunkle Gasse gehen, 
angeschmiegt an dich – träumen. 
Sie würde wenig verlangen
nur dir nahe sein wollen. 
Verlöre ich dich,
würde ich mich selbst verlieren. 

Das Gedicht einer Mitgefangenen. Erinnerungen steigen auf. Mit Marta werde ich in eine Zelle gelegt, kurz vor unserem Prozess gegen die „Bewegung der Revolutionären Jugend“ im Frühjahr 1971. Ich spüre sofort: ‚Mensch ärger dich nicht-spielen, sonst üblich im Gefängnis, ist nicht Martas Welt. Mit ihr stehen andere Spiele auf der Tagesordnung. Harte Spiele. Nichts ist harmlos an den Gedichten von Marta. 

Sehnsüchtig brennend, 
blind, blind, 
eine Balance auf dem Seil
beinahe 
auf jedem Wort ausrutschend 
deine Zeit verfehlend 
auf dem Friedhof schlafend
bringst du mir Mut bei, 
Schwester meiner Bangigkeit. 

Endlich will ich erfahren: War Marta verfolgt, oder war es der Wahnsinn, der Regie führte? War ihr Verhalten borderline? Ich fahre nach Böhmen, um sie zu finden. Mit der Erinnerung steigt die Angst hoch. Wie damals. 

Marta behauptet, sie werde nachts abgeholt und gefoltert. Irgendwann versuche ich, wach zu bleiben. Doch mir fallen die Augen zu. Am nächsten und übernächsten Morgen behauptet Marta: „Sie kommen, wenn du schläfst.“ Martas Gedicht:

Sich selbst überwindend wird man Sieger.
Nicht an einem Tag,
auch nicht nach einer schlaflosen Nacht früh am Morgen. 
Im Kampf mit sich, gibt es viel zu untersuchen, 
bis man die Wirklichkeit kennt und nicht nur den Traum. 
Bei jedem Erwachen erfährt man sie unverändert, 
redet sich ein, 
dass das Böse nicht da sei,
und führt ein Leben in falschen Sicherheiten. 
Lieber die Wahrheit sehen und ihr etwas abgewinnen.

Empfindlich geworden durch den Schlafentzug, beginne ich zu kontrollieren und verstärke, was mir zu schaffen macht. Ich entwickele Verfolgungsgefühle. Die Marta, die ich heute sehe, sieht anders aus, als die von gestern. Was, wenn es zwei Martas gäbe? Wenn die eine gegen die zweite vertauscht würde? Die von gestern hatte eine Goldkette. Wo ist die bei der Marta von heute? Gestern ging sie mit fettigen Haaren schlafen. Heute sind ihre Haare frisch. Wir haben nur alle sieben Tage einen Duschtag. 

Bei Nacht sind die Geräusche in Gefängnissen andere. „Zwangsjacken“, flüstert Marta im Bett neben mir. 

Nein, nicht diesen Weg, den ich jeden Tag genommen habe. 
Ich suche einen anderen,
der vertraut schien und bekannt, 
doch dann kam die Angst.
Es war kein Traum, 
aus dem ich morgens früh erwachte
und erkannte, dass ich verloren habe,
ich möchte, dass du meinen Namen – Marta – kennst
und nie glaubst, ich könnte dich verraten. 

In Südböhmen treffe ich die 80-jährige Mirka. Vier Jahre lang hielt sie Marta in ihrem Hof versteckt. Mirka sagte sie, dass sie sich vor ihrem Ehemann verstecke. Die Holzfällerin tat alles, um Marta zu schützen. Doch Marta zerriss ihre Familienfotos. „Da sehen Sie, was für ein teuflisches Frauenzimmer sie ist.“ 

Haarbüschel liegen auf Martas Kopfkissen. Ihre Augen reagieren auf Licht. Ihre Lider zucken, Schmerz durchfährt ihren Körper, sobald ich eine Zigarette anzünde. Sie steigt auf die doppelstöckigen Betten, strebt unaufhaltsam dem Licht entgegen. Angstvoll rufe ich sie an. „Was ist, wenn die Wärter dich dort oben erwischen?“ „Ich muss der Kraft des Lichts folgen!“

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