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Peter Schneider zur 68er-Bewegung „Mit einem Urmisstrauen erwachsen geworden“

Der Schriftsteller Peter Schneider spricht im Interview über die Rebellion von 1968, den Deutschen Herbst sowie intellektuelle Verbrechen.

Frankfurter Römerberg
30. Oktober 1966: Kundgebung auf dem Frankfurter Römerberg gegen die geplanten „Notstandsgesetze“, die am 30. Mai 1968 vom Deutschen Bundestag verabschiedet wurden. Foto: epd

Herr Schneider, die Jahrestage des Deutschen Herbstes 1977 kehren in unerbittlicher Regelmäßigkeit wieder. Wie hat sich Ihre eigene Perspektive als Aktivist und Zeitzeuge über die Jahrzehnte verändert?
Meine erste – literarische – Reaktion auf 68 war ja meine Erzählung „Lenz“ von 1973, die also noch in die Zeit vor dem Deutschen Herbst fiel. Diese Aufarbeitung ist mir damals ziemlich schwer gefallen, und wenn ich den „Lenz“ heute in die Hand nehme, weiß ich auch, warum: Bis in die Sprache ist das noch durchsetzt von den Versatzstücken der damals virulenten Ideologie. „Der Sand an Baaders Schuhen“ hieß ein früher Aufsatz von mir im Kursbuch 51 von 1978. Darin habe ich mich vielleicht als erster darüber gewundert, wie Baaders Selbstmord im Gefängnis Stuttgart-Stammheim 1977 – genau wie Ulrikes Tod 1976 – zu einem kollektiven Tabu werden konnte. Dass die Stammheimer sich nicht selbst getötet hätten, sondern umgebracht worden seien, das war das Dogma einer ganzen Generation – fast wie der katholische Glaube an die unbefleckte Empfängnis.

Sie sprechen von den RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Warum nennen Sie den einen mit dem Nachnamen, die andere beim Vornamen?
Mit Ulrike Meinhof, einer wirklich klugen Frau, war ich gut befreundet. Baader habe ich immer für einen kleinkarierten, dummen Schläger gehalten, der mit seinem forschen Auftreten aber eine Sogwirkung auf seine ganze Umgebung hatte. Wenn sich in einer Gruppe einer hinstellt und in einer aufgeheizten Situation nur überzeugend genug skandiert, „wir müssen jetzt was tun!“, dann bringt er alle anderen in Zugzwang. So konnte auch ein Rabauke und Nichtsnutz wie Baader zum Star werden und eine Frau wie die ihm intellektuell himmelhoch überlegene Ulrike Meinhof unter sein Kommando bringen. Wenn später gesagt wurde, Baader habe auf seine Art doch auch etwas Imponierendes gehabt, habe ich nur lauthals lachen können. Und dass Jean Paul Sartre ausgerechnet ihn in Stammheim aufgesucht hat, empfinde ich bis heute als peinlich.

Demnach war Ihr Rückblick auf den Deutschen Herbst in den ersten Jahrzehnten danach eher an den Akteuren und den Geschehnissen selbst orientiert? Immerhin kannten Sie die RAF-Terroristen der ersten Generation alle persönlich.
Von einer ersten bis dritten Generation innerhalb nur weniger Jahre zu sprechen, kommt mir ja etwas skurril vor. Aber wenn man schießwütig ist, geht es vielleicht schneller. Schon 1985 jedenfalls habe ich durch meinen in Buchform veröffentlichten Briefwechsel mit Peter-Jürgen Boock versucht, jemandem aus der RAF eine Chance zu geben, der gesagt hatte, „ich schmeiß die Knarre weg und gestehe ein, es war falsch“. Später habe ich – wie viele Leser – enttäuscht feststellen müssen, dass Boock mich für seine Prozess-Strategie benutzt hat. Als er mir mitteilte, was ich ihn absichtlich nie gefragt hatte, dass er nämlich „nie jemanden umgebracht und auch niemanden je dazu aufgefordert“ habe, war mir klar: Er lügt, und er lügt für seine Position vor Gericht. Das habe ich ihm übelgenommen.

Warum? War das aus seiner Sicht nicht naheliegend?
Ich habe darüber schon merkwürdige Streitgespräche mit linken Freunden geführt. Die argumentierten ähnlich wie Sie und sagten, „nun hab dich mal nicht so, du auf deinem hohen Schriftsteller-Ross!“ Ich finde aber, es gibt auch eine Gangster-Ehre. Boock und ich hatten einen Deal. Der lautete: Ich gebe im Vertrauen weiter, was du mir sagst. Also, bescheiß mich nicht! Das aber hat er getan, und das habe ich ihm nicht verziehen.

Wie ist Ihre eigene Reflexion der Geschehnisse dann weitergegangen?
Lassen Sie mich zunächst sagen, dass sich die Perspektive auf den Deutschen Herbst erschreckend langsam verändert hat. Erst in den vergangenen zehn Jahren sind die Opfer in den öffentlichen Blick geraten. Ich fand es immer skandalös, dass die Täter für die Öffentlichkeit interessanter zu sein schienen als ihre Opfer. Ich habe auch nie zu denen mit der „klammheimlichen Freude“ über die RAF-Attentate gehört. Bei Schleyers Entführung und Ermordung habe ich nie übersehen, dass die RAF auch vier seiner Begleiter umgebracht hatte. Ich bin ohnehin überzeugt, dass der Schleyer-Mord nicht nur ein brutales Verbrechen, sondern auch – wenn man es einmal so betrachten will – unter dem Aspekt der politischen Propaganda ein kapitaler Fehler der RAF war.

Das müssen Sie erklären!
Nun, schon in den 70er Jahren war Schleyers vormalige SS-Mitgliedschaft hinlänglich bekannt, auch die in unterwürfigem Ton gehaltenen Briefe an seinen Vorgesetzten waren veröffentlicht. Was wäre das für ein Coup gewesen, ihn in eine SS-Uniform aus dem Kostümverleih zu stecken, ihm ein Bekenntnis zu seiner Nazi-Vergangenheit abzuverlangen und ihn dann freizulassen! Es wäre die Bestätigung für den Generalverdacht gewesen, den ja nicht nur wir 68er hegten: dass die deutsche Gesellschaft bis in ihre Spitzen von Alt-Nazis durchsetzt war. Schleyers Vergangenheit war keine Rechtfertigung für einen Mord, aber sie war ein Skandal! So sehe ich das bis heute. Deswegen habe ich auch Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger verstanden. Die galt doch gar nicht so sehr der Person Kiesinger, sondern einem politischen System, das es nicht geschafft hatte, Alt-Nazis von höchsten Staatsämtern fernzuhalten. Aus 60 Millionen Deutschen jemanden zu finden und zum Kanzler zu machen, der nicht in der NSDAP war – war das zu viel verlangt?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 1968er-Bewegung

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