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Osterunruhen 1968 Brennende Kaufhäuser - beginnende Revolte

Die Tage vor Ostern 1968 sind dramatisch: In Frankfurt brennen Kaufhäuser, in den USA wird Martin Luther King erschossen, eine Woche später in Berlin das Attentat auf Rudi Dutschke verübt.

Ausgebrannte Verkaufsräume des Kaufhofs
3. April 1968: Die ausgebrannten Verkaufsräume des Kaufhofs in Frankfurt. Als Grund für den Anschlag wurde der Kampf gegen den „Konsumterrorismus“ genannt. Foto: dpa

Osterunruhen – das war der Begriff, unter dem in den Monaten und Jahren danach die Bilder jener Tage von massiven Konfrontationen rebellischer Jugendlicher mit den Kräften der Polizei subsumiert wurden. Das war nicht heute vor 50 Jahren. Ostersamstag fiel 1968 auf den 13. April.

Am 11. April hatte der 1944 geborene Rechtsradikale Josef Bachmann den bekanntesten Sprecher der radikalen Studentenbewegung Rudi Dutschke, geboren am 7. März 1940, auf dem Kurfürstendamm vor dem Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes niedergeschossen. Dutschkes „Genossen“ gaben die Parole aus „Bild schoss mit“ und versuchten in zahlreichen deutschen Städten, die Auslieferung der „Bild“-Zeitung zu verhindern. 

Ich war damals einundzwanzigjährig in Frankfurt am Main dabei. Es war das erste Mal, dass ich einen Schlagstock spürte. Ich war überrascht: Er tat kaum weh. Das habe ich nicht vergessen. Ich weiß auch noch, wie ich mit einem Freund, als die Polizei mit Wasserwerfern und Pferden gar zu energisch gegen uns vorging, die Flucht ergriff und wie leicht auch das war. Kurz davor hatte uns ein „Genosse“, der sieben, acht Jahre älter war als wir, erklärt: „Das ist erst der Anfang. Diesmal schaffen wir es noch nicht. Aber wir werden lernen und beim nächsten Mal werden wir es schon besser machen.“  

Augenblick  und Erkenntnis

Ich vergaß das nicht, weil ich mit einem Mal begriff, dass wir uns in einem Prozess befanden. Ich war von Teach-in zu Teach-in, von Demonstration zu Demonstration geeilt. Alles war wichtig. Wichtiger als mein Studium, wichtiger sogar als eine Freundin zu haben oder nicht zu haben. Ich hatte keine. Ich lebte in diesen Augenblicken. In ihnen schien eine Erkenntnis zur Tat zu werden. Oft war es so, dass ich erst bei der Tat die Erkenntnis hatte. Die Ungeheuerlichkeit des Vietnamkrieges, der Notstandsgesetze wurden mir klar, indem ich gegen sie demonstrierte. 

Der ältere „Genosse“, dessen Äußerung ich bis heute nicht vergessen habe, war in meiner sehr brüchigen Erinnerung Horst Karasek, der jüngere, ebenfalls schreibende, aber schon lange einer tödlichen Krankheit erlegene Bruder von Hellmuth Karasek. Sein winziger Vortrag nahm mich damals und setzte mich auf ein Gleis, in einen Zusammenhang, in dem ich nicht nur sehen konnte, was mit der Welt, sondern auch, was mit mir geschah. Ich sah mich als einen, der lernte, die Revolution zu machen. Die stand nicht auf der Tagesordnung, insofern hatte ich Zeit zu lernen, aber „Revolution“ war das Wort, das damals am lautesten gerufen wurde. 

Gleichzeitig machte mir dieser Blick auch klar, dass ich damit nichts zu tun hatte. Ich war kein Revolutionär. Ich wusste nicht, was zu tun war. Ich war nur überwältigt von dem Gefühl, dass die Zeiten sich änderten und dass ich mich in ihnen änderte. Mal begeistert mitrennend, mal mich in einem Kino verkriechend. Im Februar war in den USA Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ in die Kinos gekommen, eine himmelstürmende Meditation zur Rolle der Gewalt in der Weltgeschichte. 

Ein Film in der Tradition der Grand Opéra wie auch Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“, auch ein 68er. Jedes Jahr kamen damals neue Filme von Robert Altman, Michelangelo Antonioni, Ingmar Bergman, Luis Buñuel, Federico Fellini, Jean-Luc Godard, Alexander Kluge, Pier Paolo Pasolini, Eric Rohmer und Francois Truffaut in die Kinos. Wir nahmen das für selbstverständlich. 

Wir stellten den Reichtum, aus dem auch der kulturelle kam, infrage. Wir sprachen uns aus gegen den Konsumismus und doch waren wir seine Produkte, die Kinder von Karl Marx und Coca-Cola eben. Wir begannen darüber nachzudenken, ob wir das sein wollten. Aber noch bevor wir nachdachten, rebellierten wir dagegen – ohne freilich aufzuhören, es zu sein.

„Burn, warehouse, burn!“

Am 2. April legten ein paar eigens aus Berlin angereiste „Genossen“ Brandsätze in den Frankfurter Kaufhäusern Schneider und Kaufhof. Was ist ein brennendes Kaufhaus gegen brennende Kinder in Vietnam? Hörte man als Argument. Der Anschlag war lange geplant. Auch wer nichts davon wusste, hatte doch davon gehört, dass mit so etwas jetzt ganz real zu rechnen sei. Für surreale Literatur hatten noch im Mai 1967 Philosophen und Literaturwissenschaftler der Freien Universität Berlin in einem Gutachten ein Berliner Flugblatt erklärt, das den Brand eines Kaufhauses in Brüssel mit den Sätzen kommentierte: „Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht. Genauso wenig wie beim Überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China. Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: Burn, warehouse, burn!“

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