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Martin Luther King Was von Dr. King bleibt

Vor 50 Jahren wurde der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. In Zeiten von Trump ist sein Vermächtnis so aktuell wie nie. Eine Reise auf seinen Spuren.

Martin Luther King Jr
Charismatischer Anführer einer Bewegung: Martin Luther King Jr. kämpfte ein Leben lang gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Foto: Getty

Leider hat er die dunklen Anzüge nicht aufgehoben. „Dr. King war immer sehr schick angezogen“, erinnert sich Jackson Smith. Als Jugendlicher half der heute 71-Jährige bei kleineren Arbeiten im Haus von Martin Luther King und mähte dessen Rasen. Damals hatte er die gleiche Kleidergröße wie der nur 1,68 Meter große Hilfspfarrer der Ebenizer Baptist Church in Atlanta, der Anfang der 1960er Jahre längst eine Berühmtheit war und von Anhängern im ganzen Land mit Geschenken überhäuft wurde. Die überzähligen Jacketts und Hosen gab er an Smith weiter. Heute kämen sie ins Museum.

Smith ist ein Mann mit feinem Humor und fesselnder Erzählweise. Für den Spaziergang über die Auburn Avenue im ehemaligen afroamerikanischen Zentrum von Atlanta hat er sich an diesem Frühlingstag einen Hut aufgesetzt. Sein Wintermantel aber bleibt offen. „Hier stand die Tankstelle meines Vaters“, deutet er auf einen Parkplatz mit ein paar Geschäften. Smith wuchs buchstäblich im Schatten der backsteinroten Kirche auf der anderen Straßenseite auf, in der King und dessen Vater predigten.
 

Das schlichte Gotteshaus wurde inzwischen in ein Museum umgewandelt. Auf den dunkelbraunen Holzbänken drinnen hört man eine Rede des wohl bedeutendsten schwarzen Bürgerrechtlers – vom Band. Smith hat den Vorkämpfer des gewaltlosen Widerstands, der 17 Jahre vor ihm in der Auburn Avenue geboren wurde, persönlich erlebt, wenn dieser auf seinen rastlosen Kampagnen-Reisen mal in der Heimat Station machte. „Dann waren oft mehr auswärtige Besucher als Gemeindemitglieder da“, erinnert er sich: „Die Kirche war rappelvoll.“ In der Ebenizer Church testete King viele seiner später legendären Reden vor Publikum. Und Smith wurde Zeuge ihrer Entstehung: „In seinem Arbeitszimmer gab es eine Kommode mit ganz viel Schubladen voller handschriftlicher Notizen. Da zog er zu jedem Anlass das Richtige heraus.“

Eine dieser heute berühmten Predigten hielt King am 4. Februar 1968. Manchmal, gestand er, denke er über den Tod nach und darüber, was er in der Grabrede über sich hören möchte. „Sie sollen nicht erwähnen, dass ich den Friedensnobelpreis erhielt. Das ist nicht wichtig“, sagte der 39-Jährige damals: „Ich möchte, dass Ihr sagt: Er versuchte die Menschheit zu lieben und ihr zu dienen.“ Exakt zwei Monate später, am 4. April, wurde er erschossen.

Eine Reise fünfzig Jahre nach dem Attentat durch den amerikanischen Süden vom Geburtsort Atlanta über die Industriestadt Birmingham, dem einstigen Zentrum der Rassenkonflikte, bis nach Memphis, wo ein weißer Kranz vor dem Zimmer 306 im ersten Stock des Lorraine Motels an die letzten Stunden des prominenten Gastes erinnert, führt eindrucksvoll vor Augen, was Martin Luther King erreicht hat – und was nicht. Im Zeitalter von Donald Trump wirken die gesellschaftlichen Fortschritte besonders fragil. Zugleich aber erhält der Bürgerrechtler durch die Anti-Waffen-Proteste eine ungeahnte Aktualität. „Mein Großvater hatte einen Traum“, rief die neunjährige Yolanda Renee King am vorigen Wochenende den hunderttausenden Demonstranten in Washington zu: „Er wollte, dass seine Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Ich habe den Traum von einer Welt ohne Waffen.“

Für Smith ist der Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit wahr geworden. In seiner Jugend hat er die strikte Rassentrennung in den Südstaaten noch erlebt, gegen die King aufbegehrte: In Bussen und Zügen gab es unterschiedliche Sitzplätze für Schwarze und Weiße. Die Schulen waren getrennt, und bestimmte Restaurants, Toiletten, Trinkbrunnen und selbst Parkbänke waren für Weiße reserviert. Erst 1964 unterzeichnete Präsident Lyndon B. Johnson im Beisein von King den Civil Rights Act und beendete damit die gesetzliche Diskriminierung. Damals besuchte Smith mit einem Freund triumphierend eine ehemals weiße Bar in Atlanta, bestellte ein kostenloses Glas Leitungswasser, trank es genüsslich aus und ging wieder.
 

Eigentlich wollte Smith Schlagzeuger werden, doch der strenge Pastor King senior verschaffte dem Nachbarsjungen ein Stipendium für das Morehouse College, die einzige schwarze Universität im Süden. „Bis dahin hatte ich noch nie ein Buch gelesen“, gesteht Smith: „Jetzt musste ich Erfolg haben.“ Die Mischung aus Druck und Förderung wirkte: 1968 schloss er sein Betriebswirtschaftsstudium ab und bekam einen Job bei der Fluggesellschaft Eastern Airlines. Dort musste er zunächst die Reifen der Maschinen säubern. Doch mit Zähigkeit und Fleiß brachte er es bis zum Abteilungsleiter der regionalen Flughafensicherheit. Stets war er der erste Schwarze, der den Posten bekleidete. Als er 2005 in Ruhestand ging, dankten ihm viele jüngere schwarze Kollegen, die er ins Unternehmen geholt hatte. Doch Smith wehrte ab: „Ich habe geantwortet: ‚Ihr habt den Job nicht durch mich bekommen, sondern weil Dr. King für Euch gekämpft hat.‘“

Drei Autostunden westwärts in Birmingham erinnert ein rosafarbenes Herz aus Rosen daran, wie hoch der Preis für die Überwindung der Unterdrückung war. Das Gesteck steht an der Seite der Sixteenth Avenue Baptist Church, wo am 15. September 1963 eine Bombe vier schwarze Mädchen zerfetzte. „Hierher kommen sie alle“, berichtet Pfarrhelferin Betty Davis. Barack Obama war da. Der schwarze Kongressabgeordnete John Lewis hat hier kürzlich auf einer Konferenz geredet. Und schräg gegenüber im Park steht eine Statue von Martin Luther King, der damals die Traueransprache hielt.


Der Bundesstaat Alabama galt stets als reaktionärste Ecke der USA. In der beschaulichen Landeshauptstadt Montgomery hatte der charismatische Jungpfarrer King 1955 den großen Busboykott organisiert, der zur Geburtsstunde der Bürgerrechtsbewegung wurde. Doch nirgendwo wurden die Konflikte zwischen den privilegierten Weißen und den Schwarzen so gewaltsam ausgetragen wie in der Industriestadt Birmingham, das bald „Bombingham“ genannt wurde.


Gegen die brutale Härte des rassistischen Polizeichefs Eugene „Bull“ Connor startete Martin Luther King im Frühjahr 1963 einen friedlichen Aufstand. Er bildete schwarze Demonstranten im gewaltfreien Widerstand aus und organisierte gemeinsam mit dem örtlichen Pfarrer täglich Demonstrationen, Sitzstreiks und Boykottaktionen. Die folgenden massenhaften Verhaftungen waren einkalkuliert, um die Staatsgewalt zu demaskieren. Am Karfreitag wurde King selbst festgenommen. Acht weißen Geistlichen, die ihn als „Extremist“ bezeichnet hatten, antwortete er mit dem leidenschaftlichen „Brief aus dem Gefängnis in Birmingham“, den er auf Zeitungsecken und Toilettenpapier schreiben musste, weil man ihm Schreibblätter verweigerte. Im Civil Rights Museum unweit der Sixteenth Avenue Church vermitteln Ku-Klux-Klan-Masken, ein ausgebombter Bus und die eiserne Gittertür, hinter der King eingesperrt war, einen Eindruck von der hasserfüllten Stimmung dieser Tage.

Das Fernsehen übertrug die Bilder der Proteste ins ganze Land. Nachdem sich Präsident John F. Kennedy persönlich eingeschaltet hatte, wurde die Rassentrennung für Toiletten und Trinkbrunnen in Birmingham abgeschafft. Doch die Stadt war längst noch nicht befriedet. Im September musste King bei der Beerdigung der vier getöteten Kinder reden. „Das unschuldige Blut dieser kleinen Mädchen mag sehr wohl zur erlösenden Kraft werden, die neues Licht in diese dunkle Stadt bringt“, machte er den Zuhörern Mut.


Inzwischen hat Birmingham einen jungen, schwarzen Bürgermeister, und bei der Senatorenwahl im vergangenen Dezember hat der Demokrat Doug Jones – wenn auch denkbar knapp – über den ultrarechten Bewerber Roy Moore gesiegt. Jones hatte sich als Staatsanwalt einen Namen gemacht, als er 40 Jahre nach dem Attentat den längst zu den Akten gelegten Bombenanschlag auf die Sixteenth Avenue Church noch einmal aufrollte und die Attentäter, drei weiße Rassisten, hinter Gitter brachte. Bei der Siegesfeier am Wahlabend wandelte der 63-Jährige ein Zitat von Martin Luther King ab: „Heute haben wir den Bogen des moralischen Universums ein bisschen in Richtung Gerechtigkeit verschoben.“

Ein kleines Stück vielleicht. Aber nicht genug, findet Terri Freeman. „Natürlich wurden Fortschritte erzielt“, sagt die 57-jährige Afroamerikanerin, „aber gemessen an der langen Zeit ist das zu wenig.“ Die Frau mit dem wilden Lockenkopf ist ungeduldig, und sie hat gerade wenig Zeit. 240 Meilen nordöstlich, in Memphis, leitet sie das Bürgerrechtsmuseum, und in den Tagen vor dem King-Jubiläum jagt ein Termin den nächsten. Mehr als 300 000 Besucher werden dieses Jahr in dem Bau erwartet, der um das Lorraine Motel errichtet wurde, dem Todesort des Friedensnobelpreisträgers.

Ein Rundgang durch die Ausstellung vermittelt einen Eindruck der dramatischen Geschichte der Bürgerrechtsbewegung, die keineswegs nur aus King bestand. Tatsächlich geriet der international hochgeschätzte Pfarrer in den eigenen Reihen nach 1965 zunehmend unter Druck. Junge, radikale Schwarze wollten den Kurs der Gewaltlosigkeit nicht länger unterstützen. Manchen war der eloquente Intellektuelle zu elitär. Andere kritisierten seine klare Positionierung gegen den Vietnamkrieg.

Plötzlich steht der Besucher – durch eine Glaswand getrennt – vor dem Motelzimmer, in dem King seine letzte Nacht verbrachte. Der Vorhang ist halb aufgezogen, die Nachttischlampe leuchtet, und auf einem Hocker neben dem Bett stehen zwei Kaffeetassen. King war nach Memphis gekommen, um vor 1300 streikenden Müllarbeitern zu reden. Eine erste Demonstration lief völlig aus dem Ruder: Es gab einen Toten, zahlreiche Verletzte, Plünderungen und Brandstiftungen. Am 5. April 1968 sollte ein neuer Anlauf für einen friedlichen Protest unternommen werden. Am Vorabend trat der 39-Jährige kurz auf seinen Balkon, als um 18.01 Uhr ein einzelner Schuss fiel. Durch das Museumsfenster sieht man das Haus, aus dem der Killer James Earl Ray die tödliche Kugel abfeuerte.

 

„Als ich hier 2014 anfing, war ein paar Wochen zuvor Michael Brown von einem Polizisten erschossen worden, und ein Geschworenengericht beschloss, keine Anklage gegen den Beamten zu erheben“, berichtet Freeman. Bald sei ihr klargeworden: „Wir kämpfen immer noch mit denselben Problemen, möglicherweise in anderem Umfang, aber das Museum ist aktueller als je zuvor.“ Da konnte sie noch nicht ahnen, dass zwei Jahre später ein Mann zum US-Präsidenten gewählt würde, der Polizisten zu Übergriffen bei Festnahmen ermuntert, schwarze Baseballspieler wegen ihres Protests gegen solche Rechtsbrüche verhöhnt und unter marodierenden Neo-Nazis „feine Leute“ vermutet.

 



So fällt Freemans Bilanz von Kings Erbe durchwachsen aus: „Eine Reihe von Dingen sind besser geworden. Es gab eine kritische Auseinandersetzung mit der Sklaverei. Wir haben Museen, die sich auf die afroamerikanische Geschichte konzentrieren. Wir hatten einen schwarzen Präsidenten. Das alles hätte es sonst nicht gegeben“, urteilt die Wissenschaftlerin. Wirtschaftlich habe sich die Kluft zwischen Schwarz und Weiß jedoch eher vergrößert: „Immer noch werden Afro-Amerikaner deutlich schlechter bezahlt. Und trotz aller Fortschritte im Bildungswesen gibt es weiter zu viele junge Schwarze, die keine vernünftige Schule besuchen können oder trotz einer guten Ausbildung keinen angemessenen Job finden.“

Und schließlich: Trump, der Afrika als „Drecksloch“ bezeichnet. Droht jetzt ein historischer Rückschlag? Freeman zögert kurz. Dann sagt sie: „Wir sollten positiv denken.“ Aber offenkundig sei sich die afroamerikanische Gemeinschaft des Erfolgs zu sicher gewesen. „Wir dachten, mit Obama haben wir es geschafft. Die Millenials sind nicht zur Wahl gegangen. Wir haben nicht genug Druck gemacht“, kritisiert sie.

Keine Frage: „Dr. King wäre nicht glücklich damit, wie die Dinge laufen“, sagt im fernen Atlanta auch Jackson Smith. Aber der vierfache Großvater erinnert sich noch, wie sein großes Idol gepredigt habe, dass in jeder Entwicklung auch etwas Gutes stecke.

Etwas Gutes? In Trump?

Smith bemerkt die Verwunderung seiner Gesprächspartner. „Ich hoffe“, erläutert der Rentner mit ernster Stimme, „er wird die anständigen Weißen aufrütteln“.

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