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Heinrich Trosch Ein kritischer Geist in der Kirche

Heinrich Trosch studierte in Frankfurt, als die Proteste begannen. Ein Gespräch über 1968 und die katholische Kirche, heimliche Treffen in Ost-Berlin und die Frage der politischen Verantwortung der Kirchengemeinden.

Heinrich Trosch
Heinrich Trosch, hier in seinem Wohnzimmer, hätte nach 1968 gerne bei einem katholischen Bildungsträger gearbeitet. Aber als kritischer Geist? „Keine Chance.“ Foto: Peter Jülich

Heinrich Trosch lädt in den Garten seines kleinen Hauses am Rande von Bornheim ein. Auf dem Tisch stehen Aktenordner, in denen der 77-Jährige viele Erinnerungspartikel an sein Leben in der katholischen Kirche verwahrt. Seit seiner Zeit als 68er-Student ist der Sozialdemokrat ein kritischer Geist in der Kirche geblieben – unter anderem als Mitglied einer Basisgemeinde. Sein Urteil über Papst Franziskus: „Ich sehe ihn positiver als seinen Vorgänger.“

Herr Trosch, die 68er-Revolte hat damals auch die katholische Kirche erfasst. Und Sie waren federführend dabei.
Ja. Ich zählte zur katholischen Studenten-Gemeinde an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Das war sehr spannend. Denn ich kam 1964 aus einer katholischen Kirchengemeinde an die Uni, war herkömmlich sozialisiert und traf dann auf große Veränderungen. 1962 hatte das Zweite Vatikanische Konzil begonnen, eine Öffnung der Kirche hin zu Reformen. Und dann kam der politische Umbruch von 1968, der noch viel härter war.

Sie stammten aus einer katholischen Familie. Hat man damals von der neuen Zeit schon in der Gemeinde etwas gemerkt?
Nein. Meine Gemeinde war die Heilig-Kreuz-Gemeinde in Bornheim. Da hat man gar nichts von Veränderungen bemerkt. Das war ein großer Gegensatz zur Atmosphäre an der Universität mit ihren Demos und Teach-Ins. Es war für uns junge Katholiken eine ungeheure Befreiung, die wir erlebt haben. Wir wurden von unseren Studentenpfarrern unterstützt, Gott sei Dank. Die haben das inhaltlich mitgetragen.

Wie viele katholische Studentenpfarrer gab es damals an der Frankfurter Universität?
Wir hatten vier. Der bekannteste war Ottmar Dessauer, er war der Senior mit sehr guten Verbindungen in der Stadtgesellschaft. Wir haben uns damals Themen zugewandt und Veranstaltungen organisiert, die es vorher nie gab. Wir waren ganz sicher 150 bis 200 Mitglieder in der Studentengemeinde. Besonders stark vertreten waren die Philosophie-Studenten, die Lehrer werden wollten. Dann gab es viele Juristen sowie Studierende im AfE-Turm und wenige Mediziner. Die Studentengemeinde, das Alfred-Delp-Haus, lag nicht weit von der Universität in der Beethovenstraße.

Sie studierten Wirtschaftswissenschaften.
Ja. Zu uns gehörten damals auch noch die Soziologen. Wir haben ethische Themen aufgegriffen, die nie vorkamen in der Kirche. Zum Beispiel das Thema Armut. Das war uns ungeheuer wichtig. Wir haben uns für die Dritte Welt engagiert. Dann gab es noch etwas von Bedeutung: Der Kontakt zu den jungen Katholiken in der DDR. Wir hatten einen Arbeitskreis, der alle vier Wochen nach Berlin geflogen ist und sich in Ost-Berlin mit jungen Katholiken getroffen hat.

War das nicht ein absolutes Tabu in der Kirche?
Die ganze Sache wurde getarnt. Es existierte in der Diözese ein sogenannter „Sozial-Arbeitskreis“, der hielt Kontakte zu katholischen Gemeinden in der DDR.

Sie sind dann tatsächlich nach Ost-Berlin gefahren?
Ja. Wir haben in einem Haus der Caritas in West-Berlin gewohnt, sind aber morgens um sechs Uhr nach Ost-Berlin aufgebrochen. Und abends um 23.30 Uhr kamen wir wieder zurück. Das war tatsächlich möglich. Wir gingen natürlich davon aus, dass die DDR-Staatssicherheit von unseren Kontakten wusste. Uns war es aber wichtig, ein antiautoritäres Zeichen zu setzen.

Haben Sie später mal überprüft, ob die Staatssicherheit tatsächlich Bescheid wusste?
Ich habe mir nach der Wende meine Stasi-Akte angeschaut. Da waren diese Treffen nicht verzeichnet. Aber das will nichts heißen. Wenn sich in Ost-Berlin Studentenpfarrer aus Ost und West trafen, wusste das die Stasi mit Sicherheit. Wir waren bis zu 40 Leute, die da regelmäßig zusammenkamen.

Worüber haben Sie gesprochen?
Ein großes Thema waren die Reformen in der Kirche. Es sind aber auch Ehen entstanden zwischen jungen Katholiken in Ost und West. Wir hatten ja auch Studentinnen unter uns. Wir haben junge Katholikinnen und Katholiken aus dem Osten, die sich verliebt hatten und heiraten wollten, über Ungarn und Jugoslawien in den Westen geholt. 1968 haben sich die Auseinandersetzungen an der Frankfurter Universität dann sehr zugespitzt. Ich wollte aber unbedingt meine Abschlussprüfung machen. Und die Prüfungen fanden dann tatsächlich unter Polizeischutz auch statt.

Wie haben Sie Ihren katholischen Glauben mit der Revolte in Einklang gebracht, bei der es ja auch um die Umwälzung des politischen und wirtschaftlichen Systems ging?
Unser Glaube war damals tatsächlich reduziert. Wir haben uns wirklich auf die Kontakte in die DDR konzentriert. Es gab aber damals auch die internationale Paulus-Gesellschaft, gegründet von dem Jesuiten Erich Kellner, die sich vorgenommen hatte, den katholischen Glauben und den Marxismus zusammenzuführen. Da war ich auch aktiv. Prominente Theologen wie Karl Rahner unterstützten diesen Dialog zwischen Kirche und Linken. Ich erinnere mich an Veranstaltungen zum Beispiel in Münster.

Sind Sie denn während des Protests von 1968 auch noch regelmäßig zur Messe gegangen?
Aber sicherlich. Zur Studentengemeinde gehörten auch Räume, in denen die Studentenpfarrer regelmäßig Gottesdienste abhielten.

War das nicht ein großes Spannungsverhältnis?
Ja, sicherlich. Wir gingen von der Demonstration zum Gottesdienst. Aber wir haben darüber nicht groß nachgedacht. Es war selbstverständlich für uns junge Katholiken, den Protest zu unterstützen, auch wenn wir nicht jede Parole des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes mitgetragen haben.

Wollten Sie auch das System stürzen?
Bei den meisten jungen Katholiken gab es keinen revolutionären Ansatz. Aber empfanden eine große Befreiung. Wir konnten plötzlich über alles diskutieren.

Haben Sie in Wohngemeinschaften gelebt?
Ich persönlich habe noch bei meinen Eltern gewohnt. Aber es gab katholische Studentenhäuser, da lebten viele.

Damals wurde die freie Liebe propagiert und die Beziehung vor der Ehe, war das nicht für Katholiken ein großes Problem?
Tatsächlich war das nicht unser großes Thema. Wir kämpften darum, dass alle gleichberechtigt an der Eucharistiefeier im Gottesdienst teilnehmen konnten, in einem großen Kreis. Wir kämpften um konkrete Veränderungen in der katholischen Praxis.

Haben Sie Druck bekommen von der Kirchenführung des Bistums in Limburg?
Nein. Wir besaßen damals einen großartigen Bischof, das war Wilhelm Kempf. Er hatte einen Weihbischof an seiner Seite und die beiden haben die Situation 1968 sehr souverän bewältigt. Das heißt: Sie haben sich zwar berichten lassen, über das, was wir taten. Aber Sie haben den Studentenpfarrern keine Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Hatten Sie eigene Transparente, eigene Losungen als junge Katholiken?
Bei der Katholischen Deutschen Studenten Einigung gab es das. Das war der Dachverband der Katholischen Studentengemeinden in Deutschland, dessen Vorsitzender ich dann von 1969 bis 1971 war gemeinsam mit Klaus Lang. Wir saßen in Bonn. Klaus Lang ging später zur IG Metall als Sozialexperte. Ich war im Dachverband wieder für die katholischen Studentengemeinden in der DDR zuständig. Ich bin weiter oft in die DDR gereist.

Wie hat die Katholische Bischofskonferenz auf Ihre Aktivitäten reagiert?
Sehr misstrauisch. Für uns war Kardinal Jäger aus Paderborn zuständig, ein alter, sehr konservativer Mann. Wir mussten häufig bei ihm antanzen und uns rechtfertigen. Und 1973 hat dann die Bischofskonferenz die gesamte Studentenorganisation aufgelöst. Das Geld wurde gestrichen, das waren 300 000 Mark im Jahr.

Was waren Ihre wichtigsten Ziele als Studentenverband?
Ein zentrales Thema war die politische Verantwortung der Gemeinde. Und dann natürlich die Liturgie, die Praxis des Gottesdienst, die wir liberalisieren wollten. Es gab dann auch die ersten Veränderungen, der Pfarrer stand zum Beispiel nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde.

Wollten Sie Frauen stärker in den Gottesdienst einbeziehen?
Ja, natürlich. Und wir haben das auch praktiziert. Die Frauen haben bei uns mit großem Engagement mitgemacht und das nicht nur im Gottesdienst.

Wie ging es für Sie weiter nach der Zeit an der Spitze der katholischen Studenten?
Ich habe versucht, bei einem katholischen Bildungsträger angestellt zu werden. Aber das scheiterte. Klaus Lang und ich waren persona non grata in der katholischen Kirche. Wir hatten keine Chance bei einer katholischen Organisation.

Ist der Funke der Revolte später übergesprungen auf die Gemeinden?
Teilweise. Einer von uns wurde Arbeiterpfarrer und Betriebsratsvorsitzender bei Neckermann in Frankfurt. Ein anderer aus unserer Generation war Franz-Walter Nieten, der Pfarrer im Frankfurter Gallusviertel wurde und dort die Arbeiter etwa von den Adlerwerken unterstützt hat.

Also hat die Revolte von 1968 etwas bewirkt in den Gemeinden?
Ja. Es gibt heute viele Basisgemeinden in der katholischen Kirche. Das sind häufig eingetragene Vereine und unterliegen nicht den Regeln der Kirchengemeinden. In Frankfurt existieren heute zwei Basisgemeinden. Das ist eine konkrete Folge von 1968. Eine tolle Sache. Und es gibt in allen Gemeinden kritische Mitglieder wie mich. Leider ist die Wahlbeteiligung für die Pfarrgemeinderäte sehr gering. 1968 sind in der katholischen Kirche viele Aufbrüche versucht worden. Aber viele sind auch gescheitert. Insgesamt bleibt der Prozess der Veränderung in der katholischen Kirche schwierig und langwierig.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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