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Gretchen Dutschke „Unser Protest konnte tödlich enden“

Gretchen Dutschke hat an der Seite ihres Mannes Rudi für eine freie, solidarische Gesellschaft gekämpft. Hinter der „antiautoritären Rebellion“ steht sie bis heute.

Gretchen Dutschke
„Wenn Frauen überhaupt gewagt haben, etwas zu sagen, haben die Männer gelacht“, sagt Gretchen Dutschke über die Kommunarden. „Da war ich richtig schockiert.“ Foto: Lune Dutschke

Gretchen Dutschke-Klotz ist an diesem Morgen gut drauf und hochkonzentriert. Die 76-jährige Witwe des Studentenführers Rudi Dutschke lebt seit 2010 wieder in Berlin. Dort hatte sie auch 1967/1968 die Jahre der Revolte miterlebt und mitgeprägt. Wir reden am Telefon als Erstes über den Mythos 1968. 

Frau Dutschke, wie lebt es sich als Teil eines Mythos? 
Einerseits ist es ein bisschen viel manchmal. Wenn ich aber dann merke, dass die junge Generation gar nichts über 1968 weiß, dann denke ich, dass ich eine Aufgabe habe. Es geht darum, dass nicht vergessen wird, was damals geschah. 

Geht es auch um Aufklärung?
Ja, sicherlich. 

Haben Sie den Eindruck, dass viele junge Menschen nicht wissen, was damals geschah?
Wir haben mal eine Veranstaltung an der Freien Universität in Berlin gemacht und haben dort die jungen Leute gefragt und zwei Drittel haben nichts davon gewusst. Das ist ziemlich viel. 

Die Revolte fing recht harmlos an. Zum Beispiel mit einer Demonstration in Berlin im Dezember 1964 gegen den kongolesischen Sezessions-Politiker Moise Tschombe, da waren weder die Demonstranten noch die Polizei auf Auseinandersetzungen vorbereitet. 
Das stimmt. Es gab damals schon Demonstrationen, die waren aber sehr organisiert und sind immer schön auf der vorbereiteten Route geblieben. Da gab es nichts Überraschendes. Bei Tschombe sind wir dann von der geplanten Route abgewichen, das war neu. 

Hat es nicht anfangs einfach Spaß gemacht, die Polizei zu provozieren? 
Am Anfang schon. Doch dann wurden die Auseinandersetzungen immer aggressiver. Das war dann nicht mehr so lustig. 

Für den Protest hat auch die Musik eine große Rolle gespielt. Was war Ihre Musik damals, was haben Sie gehört? 
Für mich als US-Amerikanerin waren Bob Dylan und Joan Baez und der Blues, Nina Simone und Janis Joplin sehr wichtig. Die hatte ich noch in den USA in den Clubs gehört. Die Musik kam damals auch nach Deutschland. Ich bin allerdings in Deutschland nicht mehr in Clubs gegangen, da gab es keine Zeit mehr dafür (lacht). Rudi hörte ganz andere Musik, er hörte damals die Arbeiterlieder der 20er Jahre, das war schon ziemlich ungewöhnlich. Später hörte er die Lieder von Wolf Biermann. 

Die beiden haben sich dann angefreundet. 
Ja. Ich habe ihn damals auch ein paar Mal gesehen. Aber Rudi hat sich oft in Ost-Berlin mit Biermann getroffen. 

Sie sagten, die Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden dann härter. 
Die Polizei wurde aggressiver. Ich erinnere mich an eine Demonstration zu Weihnachten 1966, bei der Dieter Kunzelmann und andere sich über Ulbricht und US-Präsident Johnson lustig machten. Die hatten am Kranzlereck in Berlin Bilder von beiden auf einem Weihnachtsbaum verbrannt und dazu Weihnachtslieder gesungen. Das war inmitten der Leute, die Weihnachtseinkäufe machten. Dann kam die Polizei und fing an, Leute zu verhaften. Und sie verhafteten natürlich auch Leute, die nur einkaufen waren. Mich wollten sie auch mitnehmen, da habe ich Englisch geredet und sie ließen mich wieder laufen (lacht). Und dann kam die Spaziergang-Demo ...

... die war auf dem Kudamm. 
Ja, genau. Rudi hatte einen Karton mitgenommen, auf den er sich stellen wollte, um zu reden, er hatte Flugblätter dabei und alle Teilnehmer hatten was zu essen und zu trinken. Die Polizei konnte wieder nicht unterscheiden, wer demonstrierte und wer beim Weihnachtseinkauf war. Nur Rudi haben sie schon erkannt. Die haben ihn verhaftet und mich auch kurz danach. Ich hatte Wein dabei. Im Gefängnis saß ich mit vielen anderen Frauen in einer Art Käfig. Und da ich den Wein dabeihatte, habe ich gesagt: Lasst uns das feiern. Dann haben wir die zwei Flaschen leer getrunken (lacht). 

1966 haben Sie Rudi geheiratet, das galt eigentlich als verpönt und bürgerlich. 
Die Mehrheit von uns war zwar nicht verheiratet, aber etliche schon. Die Familie galt als Widerspiegelung der autoritären Gesellschaft, das wussten wir natürlich. Aber Rudi und ich haben eine Liste gemacht: Was spricht für die Heirat, was dagegen? Wir haben uns vorgenommen, es anders zu machen, nicht mit autoritären Strukturen. Die Idee von mir war, in einer Kommune die kleinbürgerliche Familie zu überwinden. 

Ist das gelungen? 
Es gab eine Diskussion. Rudi fand die Kommune auch eine gute Idee. Ich lud die Männer ein, von denen ich dachte, dass sie keine Macho-Männer sind, und die Frauen. Aber es hatte sich schnell rumgesprochen, dass wir eine Kommune gründen wollten. Und dann kam Dieter Kunzelmann aus München nach Berlin. Da habe ich zu Rudi gesagt: Das wird eine Katstrophe. Kunzelmann hat dann die Kommune-Idee in eine andere Richtung gedreht. Ich wollte, dass die Frauen gleichberechtigt sein sollten in der Kommune, das waren sie aber dann nicht. 

Waren viele 68er-Männer tatsächlich Machos?
Ich war ja dann im SDS und da war es für Frauen sehr schwierig. Wenn Frauen überhaupt gewagt haben, etwas zu sagen, haben die Männer gelacht. Da war ich richtig schockiert. Ich fand das total unmöglich. 

Wie sind Sie selbst behandelt worden von den Männern? 
Mein Deutsch war damals nicht so gut, also habe ich meistens geschwiegen. Dann haben wir 1966 eine Frauen-Gruppe gegründet, zu der Männer nicht zugelassen waren. Wir haben „Die Frau und der Sozialismus“ von Bebel gelesen und darüber diskutiert. 

Der 2. Juni 1967 mit der Ermordung von Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras hat dann alles grundsätzlich verändert, oder? 
Ja. Wir merkten, dass unser Protest tödlich enden konnte. Andererseits ist die Bewegung sehr gewachsen und hat viel Sympathie durch die Bevölkerung bekommen. Aber einige von uns fragten sich: Was können wir gegen die Gewalt des Staates tun? Wir haben überlegt, in Berlin neue Strukturen aufzubauen, neue Regierungsformen wie etwa Räte. 

Rudi hat damals von „organisierter Gegengewalt“ gesprochen und erklärt, es brauche eine städtische Guerilla-Bewegung. 
Da meinte er aber nicht, in den Untergrund zu gehen und sich zu bewaffnen. Er zielte auf nicht genehmigte Demonstrationen und Gewalt gegen Sachen unter bestimmten Umständen. Gewalt gegen Menschen war nie angestrebt, niemals. Diese städtische Guerilla sollte eine ganz andere sein als die in Lateinamerika mit Che Guevara. 

Rudi hat damals gesagt, Reformen bedeuteten nur die Verbesserung der Gefängniszellen. 
Ja, aber Rudi hat auch zum langen Marsch durch die Institutionen aufgefordert. Er hat dialektisch gedacht. 

Viele 68er haben später den Marsch durch die Institutionen angetreten. Sind also die Hoffnungen von Rudi Dutschke zum Teil erfüllt worden? 
Ich denke, vieles hat sich erfüllt. Es war eine antiautoritäre Rebellion und sie hat zu einer antiautoritären Kultur in Deutschland geführt. Das ist sehr gelungen. 

Es gab die Hoffnung der Studenten im Mai 1968, dass die Situation in Deutschland so werden könnte wie in Frankreich, wo zur gleichen Zeit Millionen von Arbeitern gestreikt haben. Warum ist das in Deutschland nicht gelungen, warum ist der Funke nicht übergesprungen? 
Ich denke, die Arbeiter in Deutschland waren zufrieden. Es ging ihnen immer besser und sie haben nicht das Bedürfnis gehabt, sich gegen das System aufzulehnen. Die Arbeiter haben sich auch an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert, in der sie brutal unterdrückt wurden, und wollten kein Risiko eingehen. 

Sie haben Rudi damals immer wieder davor gewarnt, dass ihn selbst die Gewalt auch treffen könnte. Er wollte das aber nicht wahrhaben, oder? 
Als die Gewalt gegen Rudi anfing, hatte ich Angst. Die Leute schrieben Parolen an die Wände, wo wir gewohnt haben und verschmierten alles mit Scheiße.

Als im April 1968 tatsächlich ein Attentat auf Ihren Mann verübt wurde, war es dennoch ein großer Schock. 
Es war alles sehr irreal. Es geschah alles so schnell. Ich kam überhaupt nicht zum Nachdenken. Ich konnte nur reagieren. 

Es gab aber auch große Solidarität, bis hin nach Italien. Sie wurden dort vom Komponisten Hans Werner Henze aufgenommen. 
Wir wollten nicht in Deutschland bleiben. Die Aggressionen gegen Rudi hörten nicht auf. Rudi war sehr schlimm verletzt. Es gab Solidarität in Deutschland. Tausende von Menschen haben uns Geld geschenkt. Es waren kleine Summen, aber sie haben uns ermöglicht zu leben und auch, dass unser Freund Thomas Ehleiter seine Arbeit aufgeben konnte, um jeden Tag bei Rudi zu sein und ihm wieder das Sprechen beizubringen. 

Der Untertitel Ihres neuen Buches heißt: Worauf wir stolz sein dürfen. Worauf sind Sie stolz? 
Ich bin stolz darauf, dass die absolute Mehrheit der Menschen in Deutschland heute für die Demokratie eintritt, was Anfang der 50er nicht der Fall war. Das ist die Folge unserer Kulturrevolution von 1968. Heute sind in vielen Ländern rund um Deutschland herum rechtsextremistische und rassistische Strömungen sehr stark. Deutschland aber bleibt resistent dagegen. 

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