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G20 „Radikale Kämpfe sind bitter notwendig“

Emily Laquer von der „Interventionistischen Linken“ spricht über das Erbe der 68er und warum ein Tomatenwurf die Welt verändern kann.

Demonstration in Berlin, 1968
Berlin 1968. Der Widerstand formiert sich. Foto: imago

Demonstrationen auf den Straßen, Proteste in den Hörsälen, Aufruhr weltweit: Die   Ereignisse von 1968 haben sich vielen Menschen ins Gedächtnis gebrannt. Aber wie ist das für diejenigen, die damals noch gar nicht auf der Welt waren, aber heute gegen den Kapitalismus auf die Straße gehen? Ist 68 bloß Nostalgie auf vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos oder Protesttradition mit Vorbildcharakter? Wir haben mit Emily Laquer über ihr Verhältnis zu 68 und den 68ern gesprochen. Die 30-Jährige ist in der linksradikalen „Interventionistischen Linken“ (IL) aktiv, die zuletzt mit dem Aufruf, das Treffen der G 20 in Hamburg zu blockieren, für Aufmerksamkeit und Kritik sorgte. 

Frau Laquer, die Bilder der 68er-Revolte prägen in Deutschland bis heute die Vorstellung von Rebellinnen, Aktivisten, politischer Aktion. Auch Ihre?
Ja, ich habe in meiner Jugend sogar eine Art Trauer verspürt, weil ich nicht Teil der 68er war, diese Zeit nicht erlebt habe. Das hat sich geändert, als ich selbst Aktivistin und Teil einer kämpfenden Bewegung wurde. Da habe ich begriffen: 68 ist auch irgendwie heute. Die vielfältigen globalen Proteste unserer Zeit setzen die Kämpfe von 68 gegen Autoritäten, gegen Kapitalismus und Unterdrückung heute fort.

Haben Sie also jetzt mehr Distanz zu den 68ern, oder haben Sie eine größere Nähe entdeckt?
68 ist Teil unserer linken Geschichte. Das Bleibende daran ist, dass der uralte Traum einer befreiten Gesellschaft in den Köpfen und Herzen von Millionen Menschen zur realen Möglichkeit wurde. Aber dieses geschichtliche Potenzial wurde nie eingelöst. Ein Beispiel: Die 68er haben ja nicht dafür gekämpft, dass mehr Frauen in Aufsichtsräten sitzen, sondern zugleich für deren Abschaffung und für das Ende des Patriarchats, für die Zerschlagung männlicher Herrschaft über weibliche Körper. Da ist auch heute noch viel zu tun, wenn wir etwa auf Morde an Frauen weltweit blicken, die Notwendigkeit der #MeToo-Bewegung oder das Recht auf Abtreibung, das auch hierzulande immer noch nicht durchgesetzt ist. 68 wollte nicht nur ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei. Der Traum ist bis heute nicht verwirklicht. Wir müssen noch immer dafür kämpfen.

Sind die 68er nicht auch ein Beispiel dafür, dass man mit revolutionären Zielen letztlich Reformen erreicht – und mehr nicht?
Zumindest wurden viele der Träume der 68er neoliberal eingehegt und pervertiert. Während es 68 um Autonomie ging, wurden daraus flexible, aber unsichere Arbeitsverhältnisse, aus Selbstverwirklichung mehr Selbstausbeutung. Wir sehen auch an Figuren wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder, wie die freiheitlichen Ideen von 68 neoliberal absorbiert wurden. Fischer war ja einst Sponti, aber er hat mit Schröder den Neoliberalismus in Deutschland derart durchgedrückt, wie es Konservativen nie gelungen wäre.

Wird es Ihnen nicht genauso gehen, dass Sie mit radikalen Forderungen allenfalls Reformen anstoßen?
Reiner Reformismus bringt gar nichts. Wer nicht kämpft und mutig träumt, wird nichts erreichen. Radikale Kämpfe sind ein Motor des Fortschritts und auch heute noch bitter notwendig. Trotz der neoliberalen Einhegung hat 68 ja die Gesellschaft so fundamental verändert, dass es der Rechten immer noch Schaum vor den Mund treibt.

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