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Frauenbewegung Vom Tomatenwurf zur #MeToo-Debatte

1968 war der Startschuss für eine neue Frauenbewegung, die die bundesrepublikanische Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Doch manche Kämpfe sind noch immer nicht gewonnen – und müssen neu geführt werden. Ein Resümee.

Frauendemonstration
Frauen protestieren in Frankfurt gegen das Abtreibungsverbot, März 1974. Foto: Ullstein Bild

Wie revoltiert man innerhalb einer Revolte? Möglichst lautstark und mit einer Aktion, die Eindruck hinterlässt. So wie einige Frauen, denen 1968 angesichts der Ignoranz ihrer männlichen Genossen der Kragen platzte. Obwohl bei vielen Demonstrationen und Aktionen dieser Zeit Frauen führend beteiligt waren und sie auch innerhalb des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) mitwirkten, spielten die Probleme der Frauen, auf denen weiterhin die alleinige Verantwortung für Haushalt und Betreuung der Kinder lastete, bei den „Helden der Bewegung“ praktisch keine Rolle. 

Das sollte sich im September 1968 auf dem SDS-Delegiertentreffen in Frankfurt ändern. Dort hielt Helke Sander als Delegierte des „Westberliner Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ eine Rede, in der sie den männlichen SDS-Mitgliedern vorwarf, die Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich zu tabuisieren. Als die Männer nicht bereit waren, ihre Thesen zu diskutieren, griff die Berliner Aktivistin Sigrid Rüger zu den Tomaten und bewarf damit zielsicher die Männer am SDS-Vorstandstisch. Der Skandal war perfekt, die neue Frauenbewegung nicht mehr aufzuhalten.

Es waren weniger die Tomaten, die den darauffolgenden Tumult auslösten, als vielmehr die Tatsache, dass dieser Protest nicht gegen das „Establishment“ gerichtet war, sondern den Kopf eines bewunderten SDS-Theoretikers traf. Die Rede von Helke Sanders und der durchaus nicht von allen gebilligte Tomatenwurf führten noch am gleichen Tag zur Gründung von „Weiberräten“ durch Frauen der verschiedenen SDS-Landesverbände. Frauengruppen in vielen Städten und auf dem Lande folgten. Sie forderten gleiche Rechte ein, machten Gewalt gegen Frauen und Kinder zum Thema und stritten für das Recht auf Selbstbestimmung bei unerwünschter Schwangerschaft. Mit dem Slogan „Das Private ist politisch“ entwickelten sie ein völlig neues Politikverständnis.

Für viele Frauen begann eine Zeit des hoffnungsvollen Aufbruchs und der Veränderung. Aus der Kritik an der konservativen Familienideologie der 1950er und 1960er Jahre, an dem auch in der linken Praxis nicht eingelösten Gleichheitsversprechen und der autoritären Kindererziehung entstanden Wohngemeinschaften und Kinderläden. Einig waren sich die frauenbewegten Frauen in ihrem radikalen Einspruch gegen die wenigen, engen, für Frauen bis dahin vorgesehenen Lebenswege. Ein wesentliches Merkmal war die internationale Gleichzeitigkeit des Aufbruchs. 

Eine Massenbewegung formierte sich in den Kampagnen gegen den Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch. Sie wurde zum bindenden und solidarisierenden Element der Frauenbewegung. Von Solidarität getragen war auch die Aktion im Magazin „Stern“ 1971, bei der 374 Frauen bekannten: „Wir haben abgetrieben“. Ein Bekenntnis, das aus den Bewegungen zur Liberalisierung des Abtreibungsrechts entstand und von Alice Schwarzer aus Paris übertragen wurde. 3000 Frauen, egal ob sie abgetrieben hatten oder nicht, schlossen sich der Kampagne an, 86.100 Solidaritätsunterschriften folgten und forderten die ersatzlose Streichung des Paragrafen 218.

Wir – bewusst benutze ich das kollektive „Wir Feministinnen“, obwohl ich weiß, dass nicht alle die gleichen Interessen hatten und haben – waren damals überzeugt: Wir erleben noch, dass die Welt anders und besser wird, dass Frauen selbst über ihr Leben und ihre Körper bestimmen können. 

Heute, fast 50 Jahre später, hat sich diese Hoffnung nicht bestätigt. Der Paragraf 218 steht immer noch im Strafgesetzbuch, auch wenn seit 1976 eine Fristenlösung mit Zwangsberatung gilt, die Abbrüche in den ersten zwölf Wochen straffrei stellt. Weiterhin in Kraft ist auch der Paragraf 219a, der bereits die bloße Information, dass ÄrztInnen Abbrüche vornehmen, als „Werbung“ für Schwangerschaftsabbrüche bestraft. Dieses Gesetz, das in der Zeit des Nationalsozialismus in Kraft trat, nutzen militante Lebensschützer als Steilvorlage, um ÄrztInnen, die Abbrüche vornehmen, mit Klagen zu überziehen und einzuschüchtern. 

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