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Frankreich Die Rechte drängt in die Offensive

Die Mobilisierung einer Gegenrevolution: Als Frankreichs Rechte 1968 aus der Defensive kam - und wie sie heute nach vorne drängt.

Place de la Bastille anno 1968
Paris, Place de la Bastille am 1. Mai 1968. Foto: afp

Nach einem Monat schönster (und schaurigster) Anarchie hatte sich die Macht in Frankreich am 31. Mai 1968 wieder gefangen. Charles de Gaulle löste tags zuvor die Nationalversammlung auf und setzte Neuwahlen an; sein Premierminister Georges Pompidou, der an der zeitweiligen Abwesenheit und durchgängigen Apathie des Gründers der Fünften Republik fast verzweifelt war, nahm das Ruder in die Hand. 

Zigtausende Konservative waren mit großem Tremolo und Pathos von der Place de la Concorde zum Triumphbogen marschiert. Einen Monat später ließ sich die Partei der Angst mit satter Mehrheit als Partei der Ordnung vom Volk bestätigen, 1969 trat Charles de Gaulle nach einem gescheiterten Referendum zurück, Pompidou trieb als sein Nachfolger die Modernisierung des Landes voran. Es gab wieder Benzin an den Tankstellen, die Elitehochschule ENA und die Edelstripperinnen im Folies Bergères nahmen den Betrieb auf, im bestreikten Peugeot Werk von Sochaux wurden zwei Arbeiter getötet. 

Nicht zu vergessen ist die Nacht des 2. Juni, als im Pariser Viertel Belleville jüdische Tunesier und algerische Muslime wegen einer Lappalie aufeinander losgingen und in den Tagen darauf Geschäfte in Flammen aufgingen und eine Synagoge zerstört wurde. 

Die parlamentarische Linke hatte die Chance zur Machtübernahme vertan, die außerparlamentarische Opposition klagte Wählen als Verrat an, die Mai-Kämpfer verliefen sich im Sommer oder verhärteten zu autoritären Betonköpfen. Bis 1981 rauften sich die Linke noch einmal zusammen und brachte François Mitterrand an die Macht, doch das hoffnungsvolle sozialistische Experiment endete als sozialdemokratische Nachaufführung, die sich unter François Hollande als Farce wiederholte. Der französischen Rechten ist das bei weitem nicht genug. Sie will Mai 68 immer noch „ausschalten“ und die kulturelle Hegemonie zurückerobern. Denn weiterhin sehen in Umfragen darin zwei von drei Franzosen und noch mehr Französinnen ein „positives Ereignis“, das Frankreich verbessert hat. 

Diesen Kulturwandel will die Rechte ungeschehen machen und ihre Spaltung in „gemäßigte“ Republikaner aus der gaullistischen Erbmasse und „Extreme“ aus der politischen Familie der Anti-Gaullisten und Nostalgikern des französischen Kolonialreichs überwinden. Die Versöhnerin heißt Marion Maréchal, die als 22jährige Senkrechtstarterin im Front National abgetreten war und nun ihren vom Großvater Jean-Marie geerbten und von der Tante Marine besetzten Beinamen „Le Pen“ abgelegt hat. 

Nachdem sie sich 2017 aus der ersten Linie zurückgezogen hatte, kehrte sie jetzt als Gründerin und Chefin einer in Lyon angesiedelten Denkfabrik (Issep) wieder. Die Zeitschrift „L’Incorrect“, die den Kampf gegen PC im Titel führt und im Untertitel auffordert, der Linken den Stecker zu ziehen, versammelt die einschlägigen Themen: die unerwünschte Einwanderung und die „Umvolkung“ durch Muslime, den angeblichen Gender-Wahn und die Restauration des traditionellen Familienbildes, die Ablehnung der Homo-Ehe und die Bekräftigung der katholischen Tradition des laizistischen Frankreich. Herausgeber ist der 39-jährige Jacques de Guillebon, der Homosexualität für eine Krankheit hält, Finanzier der umtriebige Geschäftsmann und Opus-Dei-Mitglied Charles Beigbeder.

In dieser Grauzone treffen sich Souveränisten, die gegen die EU und den Euro wettern, mit Identitären, die ein weißes Patriarchat zurücksehnen und dabei keine Scheu haben, auch mal handgreifliche 68er Methoden anzuwenden. Und einer jungen Blondine zu huldigen, die es auch spielend in die „Gala“ schafft und womöglich auch in einem linken Souveränisten wie Jean-Luc Mélenchon einen Bruder im Geiste erblickt. Vor ihrem Auftritt in Paris erfreute sie die US-Konservativen und deren Guru Steve Bannon mit ihrem Besuch. 

Der Anspruch, erst einmal die kulturelle Hegemonie zu erobern, bevor man dann auch ordentlich rechts regieren wird, kommt einem bekannt vor: Alain de Benoists Denkfabrik GRECE entstand nicht zufällig ab Juni 1968, als weitsichtige Rechtsintellektuelle einsahen, wie tief der Geist des Mai 68 in die Gesellschaft eingedrungen war. Soeben ist ein Erinnerungsheft der Magazinbeilage des konservativen „Figaro“ erschienen, die an die Gründung des „FigMag“ vor 40 Jahren erinnert, als Rechtsintellektuelle schon einmal den Anspruch erhoben, die gemäßigte Rechte „metapolitisch“ aufzumischen. GRECE war ein heidnischer Verein, der auf Sprachspiele der überwiegend deutschsprachigen Autoren der „Konservativen Revolution“ zurückgriff, Marion Maréchal hingegen setzt auf die Mobilisierung einer katholischen Gegenrevolution, die Angst vor dem Islam, das Gedankengut der protofaschistischen Action Française des Charles Maurras – sowie ein stockreaktionäres Bürgertum, dessen Vorfahren 1968 an der Place de la Concorde oder in Marseille an der Canebière, mitten im roten „Feindesland“, zu besichtigen waren. In der Kaderschmiede in Lyon (eine ähnliche gibt es bereits im 16. Pariser Bezirk) sollen die 20- bis 30-jährigen Funktionäre der wiedervereinten Rechten ausgebildet werden, die den Mai „ausknipsen“ und Macron mit einer rechten Bewegung aus dem Elysée vertreiben sollen. 

Den Leitartikel der ersten Nummer von „L’Incorrect“ verfasste Charles Million, Chiracs Verteidigungsminister, der noch in Ungnade fiel, als er die Allianz mit den rechten Ultras propagierte. Es wird sich zeigen, ob die (christ-)demokratische Rechte standhaft bleiben oder solchen Koalitionen öffnen wird. Übrigens nicht nur in Frankreich...

Der Autor, Jahrgang 1950, ist Politologe. Er lehrte im In- und Ausland, seit dem Jahr 2015 hat er die  Ludwig-Börne-Professur an der Gießener Justus-Liebig-Universität inne. 

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