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Frankreich 1968 Es war einmal im Mai

Feiern oder lieber nicht? Mit dem 68er-Jubiläum hat Frankreichs Präsident Macron sichtlich Schwierigkeiten. Er fürchtet auch 50 Jahre danach zwischen die Fronten zu geraten.

Paris 1968
Wären damals sicher nicht für Macrons Reformen gewesen: Studenten und Arbeiter in Paris 1968. Foto: afp

Macron ist ein „Nachgeborener“. 1977 auf die Welt gekommen, verspürt der bürgerlich erzogene Eliteschulabsolvent nur eine beschränkte Nähe zu jenem Studentenaufstand, der im Frühling 1968 von Paris aus Schockwellen durch ganz Frankreich und weit darüber hinaus geschickt hatte. Das würde ihn an sich nicht daran hindern, eine große Gedenkzeremonie zu inszenieren: Frankreichs Staatspräsident mag solche Auftritte, an denen er sich als junger und doch geschichtsbewusster Einiger der Nation über Parteigrenzen hinweg präsentieren kann. Auch der 1948 geborene Sozialhistoriker Pascal Ory sagt: „Wir sind alle Kinder von Mai 68. Eine Gedenkfeier zu diesem Gründungsereignis versteht sich da von selbst.“

Doch Macron zögert. Und je länger desto mehr. Denn Mai 68 bleibt in Frankreich ein heißes Eisen. Das Ereignis liegt ein halbes Jahrhundert zurück, doch in Paris wird darüber zum Beginn des Jubeljahres mit einer Heftigkeit debattiert, als wären die Studenten und streikenden Arbeiter erst gestern auf die Straße gegangen. Mai 68 fegte nicht nur eine alte Gesellschaftsordnung hinweg, sondern verankerte den Rechts-Links-Gegensatz fest in der französischen Konfliktkultur.

Als die sozialistische Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo jüngst Che Guevara als „romantische Ikone“ einer Gratisausstellung feierte, wurde sie von der Gegenseite mit Nettigkeiten wie „68er-Linksfascho“ bedacht. Der konservative Politiker Maël de Calan schob nach: „Mai 68, das ist der Sieg des Individuums über die Familie, das Kollektiv, die Autorität, die Regeln.“ Nicolas Sarkozy hatte seine ganze Präsidentschaftskampagne 2007 unter das Motto gestellt, er wolle „das Erbe von Mai 68 liquidieren“; damit appellierte er an die gleiche schweigende Mehrheit, die im Juni 1968 den Wahltriumph der französischen Rechten gegen die Studenten und Streikenden ermöglicht hatte.

Macron wird sich erst langsam der Gefahr bewusst, noch 50 Jahre danach zwischen die Fronten zu geraten. Er mag jung und liberal sein, doch er tritt er auch für die Autorität des Staates ein. Sein „vertikales“ Staatsverständnis ist das ziemliche Gegenteil studentischer Selbstbestimmung.

Um sich von Sarkozy abzugrenzen, hatte er noch im vergangenen Herbst erklärt, er könne sich sehr gut vorstellen, das Jubiläumsfest Mai 68 zu begehen. Damals habe ja ein ähnlicher Geist wie im Prager Frühling des gleichen Jahres geweht.

Mit dieser Bemerkung zog sich der Präsident aber nur den Zorn der Rechten auf sich: Sie sagen, die Tschechen hätten sich gerade auch gegen jene Kommunisten erhoben, die in Paris auf die Straße gegangen seien. Die Linke wiederum wirft Macron vor, er wolle Mai 68 für seine Zwecke vereinnahmen, so wie er sich im Präsidentschaftswahlkampf der Unterstützung der 68er-Ikone Daniel Cohn-Bendit versichert habe.

Die geballte Kritik von allen Seiten macht die Elysée-Berater vorsichtig. Einer von ihnen erklärte, noch sei gar nicht sicher, der „Mai-Tage“ in irgendeiner Form zu gedenken. Man wolle „nicht einfach Cohn-Bendit einen goldenen Pflasterstein überreichen“. Hinter diesem Sarkasmus verbirgt sich auch eine zunehmende Unsicherheit. Wie soll die Nation Proteste zelebrieren, die ein ziemliches „chienlit“ – wie de Gaulle das Chaos im Pariser Sorbonne-Viertel nannte – verursachten? Und was wäre vorrangig zu feiern – eher der damalige Spontigeist („Es ist verboten, zu verbieten“) oder das sozialpolitisch bedeutsame Grenelle-Abkommen, das dem Generalstreik von Mitte Mai folgte?

Für Macron stellt sich im Besonderen die Frage, wo er sich situiert. Seine Mühe, sich festzulegen, offenbart die Ambivalenz seiner ganzen Regierungslinie. Er will zwar bei der Linken nicht als „Präsident der Reichen“ durchgehen, setzt aber selbst alle Hebel in Bewegung, um Streiks und Massendemonstrationen gegen seine eigenen Reformen zu vermeiden. Der trotzkistische Ex-Präsidentschaftskandidat Alain Krivine meint bitterböse, Macron solle doch „die Arbeiterdemo des 13. Mai und die reaktionäre Gegendemo des 30. Mai zelebrieren“.

Elysée-Insider berichten, der Präsident scheine mehr und mehr gewillt, die ganze 68er-Sause im Mai sein zu lassen. Erkennbar wurde das Ende Januar, als das Institut de France in diversen Kulturzentren eine „Nacht der Ideen“ organisierte, um analog zu einer 68er-Devise, „die Fantasie an die Macht“ zu bringen. Monatelang vorbereitet, wurde die Operation zum Schluss diskret und gänzlich unpolitisch umgesetzt. Macron glänzte durch Abwesenheit. Um die heutigen Studenten nicht auf dumme Ideen zu bringen?

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