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Fotografie „Ein Teil des Geschehens“

Frankfurts Museum Giersch ehrt die Fotografin und engagierte Chronistin Inge Werth mit einer Ausstellung.

Joan Baez
Im April 1966 fotografierte Inge Werth Joan Baez bei der Ostermarsch-Kundgebung vor dem Frankfurter Römer. Foto: Inge Werth

Am Ende ist ja die Revolte auch in Frankreich insofern gescheitert, als es nicht gelungen ist, die Regierung zu stürzen. 
Ich bin nicht mehr lange in Frankreich gewesen. Nach dem Scheitern des Mai ’68 löste sich alles in heftige Debatten der Gruppen untereinander auf. Der Mann, mit dem ich lebte, wurde dabei oft sehr scharf attackiert. Malte Rauch wurde aus Frankreich ausgewiesen. Ich bin dann auch gegangen. 

Für Sie war das Jahr 1968 in Paris der Einstieg zu einer künstlerischen Karriere, die Sie durch die ganze Welt führte. Sie haben immer wieder an politischen Brennpunkten gearbeitet. 
Ich hatte schon 1964 in Ost-Berlin gearbeitet. Das war sehr schwierig. Die Arbeitsbedingungen waren sehr eingeschränkt. Ich durfte auf bestimmten Straßenseiten nicht fotografieren und bestimmte Dinge überhaupt nicht zeigen. Ich hatte Aufpasser. Ich habe mehrfach in Polen gearbeitet, aber auch in London und Israel. 1975 habe ich die Nelken-Revolution in Portugal dokumentiert, die Situation nach dem Sturz der rechten Diktatur. Ich denke noch heute an ein bestimmtes Foto. Es war in Lissabon. Zwei alte Herren standen in einem Buchladen und studierten mit Begeisterung das neue Angebot. Oder ich erinnere mich an die Hoffnung in den Augen der Landbevölkerung im Norden Portugals. 

Gab es für Sie Grenzen als Fotografin? Haben Sie in bestimmten Situationen gesagt: Nein, das fotografiere ich jetzt nicht?
Ja, sicherlich. Ich erinnere mich an eine Situation in Haiti. Dort hatte ich sehr viel Elend gesehen. Eine Frau hatte sich ein behelfsmäßiges Kleid nur aus Lumpen zusammengesteckt. Ich habe diese Frau nicht von vorne gezeigt, sondern nur von hinten, um sie nicht bloßzustellen. Ich habe immer versucht, das Einverständnis der Menschen zu erreichen, die ich aufgenommen habe. Wo es mit Englisch nicht mehr weiterging, durch Handbewegungen, durch die Augen. Wenn die Menschen abwinkten, habe ich nicht fotografiert. Manchmal haben die Menschen so flehentlich geblickt, dass ich nicht fotografiert habe. Andererseits: Wenn Polizisten prügelten und es war mir möglich, das festzuhalten, habe ich es getan. 

Könnte man sagen: Sie haben die Opfer schützen wollen? 
Das ist mir zu großspurig. Wie verstehen Sie das? 

Indem Sie eben bestimmte Situationen nicht gezeigt haben.
Wissen Sie, das waren oft ganz normale Menschen, die einfach nur versucht haben, zu überleben. Man muss doch Rücksicht auf diese Menschen nehmen. Sie kennen doch die Touristen, die heute einfach durch Städte und Landschaften stürmen und keine Rücksicht nehmen. 

Sie haben auch soziale Umbrüche in Ihrer Heimatstadt Frankfurt dokumentiert, auch das wird nun in einer Ausstellung im Museum Giersch zu sehen sein. 
Ich habe immer wieder die Arbeitskämpfe festgehalten, zum Beispiel im Auftrag der IG Metall. Ich habe sehr viel für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gearbeitet. Und dann natürlich im Auftrag der FR. Da ging es dann zum Beispiel um die Porträts von Künstlern. Oder um Ausstellungen im Frankfurter Kunstverein. Ich habe die Aktionen des österreichischen Künstlers Otto Muehl gezeigt. Eine ganz wichtige Sache für mich waren die Proteste der Frauenbewegung, bei denen ich dabei war, die unter dem Motto standen: Mein Bauch gehört mir. Oder ich habe Obdachlose besucht, die am Main unter den Brücken schliefen. Oder Suppenküchen: Alles, was von der sozialen Situation in der Stadt erzählte. 

Was war Ihr Antrieb bei Ihrer Arbeit? 
Wenn man etwas gut machen will, dann muss man persönlich involviert sein. Sonst kann die Arbeit nicht gelingen. Es geht nicht ohne Engagement. Und das war bei mir vorhanden. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert 

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