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Erziehung „Wir 68er können kein Vorbild mehr sein“

Die Revolte von damals war bei aller Politik zunächst ein Aufstand gegen die Eltern: Mit dem Ende der autoritären Erziehung hat sich auch dieses Feindbild erledigt.

Familienidyll in den 1950er Jahren
Die 1950er-Jahre in Deutschland: „In diesem Nazinebel verbrachten wir unsere Kindheit.“ Foto: istock

Wenn hier von der Chiffre „68“ die Rede ist, dann ist damit neben den 68ern selbst auch deren Elterngeneration gemeint – und die Generation ihrer Kinder. Wie sehen sie auf die damaligen Träume ihrer Eltern, auf deren grandioses Scheitern, als die herbeigewünschte Allianz von Revolte und Utopie zerbrach? Welche Schlüsse haben sie für sich daraus gezogen in einer Welt, die keinesfalls besser geworden ist im Vergleich zu der, welche uns 68er vor 50 Jahren dazu bewegt hat, den Aufstand zu wagen? 

Um zu beantworten, wie sich diese drei Generationen gegenseitig geprägt haben, müssen wir mit der Spurensuche in den 50er Jahren beginnen, die die 68er Generation in ihrem Denken und Empfinden so nachhaltig geprägt haben.

„Lebende Gespenster“ im Nachkriegsdeutschland

1950, als viele 68er gerade geboren waren, besuchte Hannah Arendt Deutschland. In ihrem „Bericht aus Deutschland“ schreibt sie darüber, wie die Menschen dort wie „lebende Gespenster“ herumlaufen, Menschen, die man „mit Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann“. Sie stellt eine dieser Generation zugrundeliegende „Taubheit“ fest, ihre stillschweigende Solidarität mit den Tätern und das Verschweigen der Opfer. Einen „allgemeinen Gefühlsmangel“ und die „tief verwurzelte, hartnäckige und gelegentliche brutale Weigerung, sich dem tatsächlichen Geschehen zu stellen“. 

In diesem Nazinebel verbrachten wir 68er unsere Kindheit. Aber das war nicht alles. Denn die meisten unserer Eltern, die Erzieherinnen in unseren Kindergärten und Lehrerinnen und Lehrer übernahmen mehr oder weniger die Erziehungsprinzipien, die ihnen im „Dritten Reich“ verschrieben worden waren. Zuerst von ihren eigenen Eltern und dann immer mehr beeinflusst von den Erziehungszielen der NS-Diktatur. 

Deren Ratgeber-Ikone hieß Johanna Haarer, und es ging ihr nicht mehr bloß um die Prinzipien einer autoritären Erziehung, wie sie schon in der Kaiserzeit üblich waren. Jetzt galt es vielmehr, die Mütter zum offenen Bruch mit der Bindung zu ihren eigenen Kindern aufzufordern, um sie dem Nationalsozialismus und seinen politischen Zielen dienstbar zu machen. 

In ihrem millionenfach gelesenen Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ schrieb Johanna Haarer ihre Grundsätze nieder. Im Befehlston empfahl sie den Müttern, sich ihre Kinder bloß auf Distanz zu halten. Keinesfalls dürften sich „Verzärtelung“ und „Verwöhnung“ breitmachen. Nicht länger sollten Mütter „mitleidvolle Seelen“ sein. Um jede Bindung zu verhindern, darf das Kind weder getröstet noch soll ihm mit Blicken und Worten das Gefühl vermittelt werden, als eigenverantwortliche Person anerkannt zu werden. Ziel sei es vielmehr, dass es sich ganz in den Dienst der „Volksgemeinschaft“ stellt. 

Sprach- und gefühllose Beziehungen zu den Eltern

Im Dunstkreis dieser Erziehungsmaximen, die Ziele des Nationalsozialismus einmal weggelassen, wuchsen wir 68er auf. In sprach- und oft gefühllosen Beziehungen zu den Eltern. Wir wurden im Kindergarten in den Besenschrank gesperrt, wenn wir nicht gehorchten, und in der Schule „auf Vordermann“ gebracht. 

In unserer unmittelbaren Nachbarschaft waren wir von alten Nazis umgeben, die sich in den 50er Jahren nach und nach wieder aus der Deckung trauten. Wenn wir über die Stränge schlugen, wurden wir je nach Aussehen wahlweise als Polacken, Zigeuner oder Juden beschimpft, die man in Auschwitz vergessen habe zu vergasen.

Sicher, unser Aufstand, der in der Mitte der 60er Jahre konkrete Formen annahm, war politisch motiviert. Aber als unser Protest begann, waren wir mit unseren Gedanken und unseren Herzen zunächst näher an den Existenzialisten als an Marx und bezogen unsere Stärke paradoxerweise gerade aus jener Bindungslosigkeit, der wir überall begegnet waren. Daraus, dass wir das Gefühl hatten, nichts verlassen zu müssen, was es uns wert war, zu bleiben. 

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