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Ein amerikanisches Trauma

Vietnamkrieg und Protest in der amerikanischen Kunst: Zwei New Yorker Ausstellungen fassen heiße Eisen der jüngeren US-Geschichte an.

04.01.2018 14:09
Miloš Vec
Vietnam 1966
Amerikanische Soldaten im Kriegseinsatz in Vietnam. Foto: National Archives at College Park

Geschichte ist immer ein Schlachtfeld für die Deutungen der Gegenwart. Zwei aktuelle New Yorker Ausstellungen wagen Blicke in die jüngere Vergangenheit der USA und begeben sich in ein Minenfeld anhaltender politischer Auseinandersetzungen. Aber was wäre auch anderes zu erwarten, wenn Museen sich Krieg und Protest widmen? Die Herangehensweise der Ausstellungen und die Besucherreaktionen weichen gravierend voneinander ab, was wohl an den verschiedenen Zielgruppen liegt. Genau jene Diskrepanz regt aber zum Nachdenken über die Bedingungen von künstlerischem Protest an.

Die New-York Historical Society ist ein ehrwürdiger Verein, am Rande des Central Parks an der Upper West Side gelegen. Das von ihr betriebene Museum wagt sich durchaus  auf heikles Terrain vor. Nicht nur schwierig, sondern bislang ungelöst sei jene Geschichte, die „The Vietnam War: 1945-1975“ erzähle, sagt Louise Miller, Präsidentin der Gesellschaft. Viel weiter unten in Manhattan,  im  pulsierenden Meatpacking District, zeigt das Whitney Museum of American Art aus seinen eigenen Beständen Kunst zwischen 1940 und 2017, deren oft leidenschaftliches und parteiisches Anliegen politischer Protest war.

Mit Händen zu greifen ist das Bemühen der New-York Historical Society, eine ausgewogene und politisch möglichst unanfechtbare Geschichte des Vietnamkriegs zu erzählen. Der Lohn dafür ist historische Nüchternheit, verkörpert in der Neigung zu Zahlen und Daten, Fakten und Objekten. Die Ausstellung führt die Besucher chronologisch durch die Etappen des Krieges. Nacherzählt werden militärische Hoffnungen und politische Illusionen, zivile Opfer und die schematische Weltsicht des Kalten Krieges.

Am Ende findet der Besucher drei dicht gefüllte Gästebücher vor, in denen sich die Zerrissenheit der Deutungen nochmals abbildet. Allein in der Drei-Staaten Region New York, New Jersey und Connecticut leben 1,4 Millionen Veteranen und Veteraninnen amerikanischer Kriege. In den Augen der amerikanischen Besucher ist am Gezeigten wenig anzufechten, ihre Einträge bringen meist den verständlichen Wunsch nach Frieden zum Ausdruck. Mancher hinterlässt aber auch eine zornige Notiz, der Vietnamkrieg sei doch zu gewinnen gewesen, und evoziert einen bitteren Beigeschmack von Dolchstoßlegende.

Die historische Ausstellung thematisiert zwar mit dem Vietnamkrieg ein außenpolitisches Ereignis und eine militärische Operation, sie hat aber eine zivilgesellschaftliche Ausrichtung auf die Gegenwart: Ihr Zweck ist die innere Verständigung der amerikanischen Gesellschaft, womöglich eine Aussöhnung mit sich selbst. Denn das sprichwörtliche „Vietnam-Syndrom“ – die amerikanische Angst vor weiteren Militäroperationen im Ausland – war jene politische Krankheit, die die Polarisierung des Landes hervorgebracht hatte und die aus konservativer Sicht immer noch geheilt werden muss. Der Vietnamkrieg begründete auch ein amerikanisches Trauma, dessen Diagnose so umstritten ist, dass mancher harmonisches Schweigen vorzieht. Dafür entrichtet The Vietnam War: 1945–1975 einen doppelten Preis.

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