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Documenta Weit mehr als verpackte Luft

Eine Installation von Christo und Jeanne-Claude wurde 1968 zum Wahrzeichen der Documenta.

Christo
Der Künstler 1968 vor seinem Objekt. Foto: pa

Es war am 3. August 1968 um vier Uhr nachts, als die Wurst endlich in den Himmel ragte. Beim vierten Versuch hatte es schließlich geklappt. Das 85 Meter hohe Wahrzeichen der Documenta IV richtete sich über der Karlswiese in Kassel auf. Eigentlich heißt das Kunstwerk von Christo und seiner Frau Jeanne-Claude (die damals allerdings nirgendwo als Mit-Urheberin erwähnt wurde) „5600 Cubic Meter Package“, aber so nannte es damals keiner. Wer nicht Wurst dazu sagte, sagte Monster-Zigarre oder Super-Salami. Verpackte Luft wäre zwar korrekter gewesen, aber es gehört nun mal zu den Eigenschaften von Wahrzeichen, dass die Bevölkerung für sie eigene Namen erfindet. Und Wurst traf die Optik des Objektes allemal besser als die Wort-Kreation des Wochenmagazins „Der Spiegel“, das neckisch von einem „Über-Phall“ sprach.

Was der Künstler mit seiner temporären Skulptur genau sagen wollte, wusste damals keiner so recht und eigentlich war es auch gar nicht wichtig. Interessanter waren die Umstände ihrer Entstehung und der Eindruck, den der Künstler machte. „Aus einem Kasseler Hotel musste Christo ausziehen. Gäste hatten sich über die langen Haare des 1935 in Bulgarien geborenen und in New York lebenden Künstlers beschwert“, schrieb die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) in einem Vorbericht. Auf Fotos sieht man, dass die Haare gerade mal den Hemdkragen im Nacken berühren. Damals wurde das noch als Protest gegen das Establishment aufgefasst.

Eigentlich stellt man es sich ziemlich leicht vor, Luft mit einer Umhüllung zu versehen. Luftballons sind schließlich kein Hexenwerk. Doch das Christo-Projekt war ein logistischer Kraftakt. Ob es überhaupt gelingen würde, stand lange Zeit in den Sternen. Dreimal misslang der Versuch, die Wurst pünktlich zur Eröffnung der Documenta am 26. Juni zu errichten. Mehrmals platzte die Plastikpelle. Dabei hatte man extra eine Spezialhülle aus den USA besorgt.

„Christos ,Bockwurst‘ platzte. Füllung endete mit Knalleffekt – documenta ohne Wahrzeichen?“ titelte die HNA. Der leere Ballon lag insgesamt fünf Wochen schlaff auf dem Boden. Schließlich probierte man es mit einem Treviraschlauch der Kaufunger Firma Wülfing. Trevira, das ist ein schwer entflammbarer Kunststoff, der sonst für Autositze oder Funktionskleidung verwendet wird. Für die Wurst wurden 2000 Quadratmeter mit PVC beschichtet. Beim vierten Versuch waren auch die Kasseler Feuerwehr und die Rheinarmee vor Ort. Fünf Kräne hielten den mit 3500 Metern Seil umwickelten Mega-Schlauch in Position. Zwei davon – die größten in Europa – waren 70 Meter hoch und wogen 200 Tonnen. Sie mussten eigens aus Frankreich und Hamburg angeliefert werden. Die eigentliche Aufrichtung dauerte dann neun Stunden.

Eine Windmaschine pustete Helium und Luft in den Schlauch. „Wie von Furien gehetzt umkreist Christo (33, in roter Jacke und brauner Hose) nervös das Gebilde. Mal in kurzen, dann in weiten Kreisen“, berichtete damals die HNA. „Ihm geht es nicht schnell genug. (…) Und Frau Christo (in Netzstrümpfen und rotem Hütchen) drückt auf den Auslöser ihres Fotoapparats, wenn sie sich nicht auch wie ihr Mann gerade mit jemandem ,in der Wolle hat‘.“ Der Schlauch hielt, die Anspannung fiel.

Das Luft-Paket war damals die höchste Plastik der Welt – obwohl es beim Kasseler Regierungspräsidenten als „stationäres Luftfahrzeug“ registriert war. Ob es sich um ein sexuelles Symbol handele, fragte damals ein Reporter den Künstler. Wenn das für ihn so aussehe, vielleicht, antwortete dieser kryptisch.

Dem Künstlerpaar ging es aber in Wirklichkeit um etwas völlig anderes. Es ging darum, etwas sichtbar zu machen, das man vorher übersehen hat. Das konnten Bürostühle oder Dosen sein, die durch die Verpackung dem Blick entzogen und dadurch wieder interessant waren. Oder eben Luft, deren Masse durch die Umhüllung erst greifbar wurde. Mit den Jahren nahmen die Projekte von Christo und Jeanne-Claude, einer gebürtigen Marokkanerin, immer größere Dimensionen an.

Später ließen die beiden ganze Gebäudekomplexe (etwa den Berliner Reichstag) oder Parkwege verpacken. 1983 umsäumte das Paar sogar elf Kleinstinseln in der Biscayne-Bucht vor der Küste von Miami mit rosa irisierenden Plastikhüllen – immer unter eigener Regie und auf eigene Kosten.

Nach etwa zwei Monaten war es mit dem Wurst-Werk vorbei. Das ist vielleicht das Allerschönste an Christos Werken, dass sie einfach so verschwinden und nur in den Köpfen der Menschen weiterexistieren.

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