Lade Inhalte...

Die 68er Weder Heldenverehrung noch Veteranen-Bashing

Was sagt uns die Revolte der 68er 50 Jahre danach? Wenn es gut geht, eine Menge über unsere Gegenwart - sogar über die AfD.

Prag
Männer und Frauen in Prag umringen sowjetische Soldaten auf deren Panzern am 21. August 1968. Foto: afp

Der Politologe Claus Leggewie hat schon 2005 geschrieben: „Rote Großväter sollten nicht länger vom Barrikadenkampf schwadronieren, bei dem die meisten ohnehin nur nachträglich zugegen waren.“ Recht hat er, und nein, liebe Nachgeborene: Wenn die Frankfurter Rundschau sich in diesem Jahr ausführlich mit den „68ern“ beschäftigt, wird es weder um Heldenverehrung noch um Veteranen-Bashing gehen.

Nachwirkungen von „68“

Sicher, auch Zeitzeugen kommen zu Wort. Aber 50 Jahre danach ist es Zeit, dass die Definitionsmacht langsam auf die nachfolgenden Generationen übergeht. Zeit, dass die historischen Ereignisse in Berlin oder Berkeley, in Paris oder Prag aus gegenwärtiger Perspektive betrachtet und auf ihre andauernden Wirkungen hin beleuchtet werden.

In Deutschland lassen sich für die Nachwirkungen von „68“ zwei Zeugen nennen, die man hier vielleicht nicht erwartet: Richard von Weizsäcker und – auch wenn sich das im selben Atemzug eigentlich verbietet – Jörg Meuthen.

Von Weizsäcker, 1920 geboren, war natürlich kein 68er. Eher gehörte er der Vätergeneration an, deren Schweigen über den Nationalsozialismus und die eigenen Verstrickungen zu den wichtigsten Auslösern der bundesdeutschen Revolte gehörte.

Am 8. Mai 1985 sprach der zum Bundespräsidenten aufgestiegene Sohn eines wegen Nazi-Verstrickungen verurteilten Diplomaten diesen einen, befreienden Satz: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ Damit war die Absage der 68er an das Beschweigen der Nazi-Vergangenheit zum Bestandteil bundesdeutscher Staatsräson geworden.

Ob und wie sehr die revoltierenden Studenten von 1968 der historischen Aufarbeitung wirklich einen Dienst erwiesen haben, ist umstritten. Der Historiker Ulrich Herbert hat – arg zugespitzt – sogar von einer „zweiten Verdrängung“ gesprochen: Dass das bundesdeutsche System damals häufig mit „Faschismus“-Vorwürfen belegt, also leichtfertig mit der Nazi-Diktatur verglichen wurde, habe den Blick auf die historisch einmaligen Verbrechen des Hitler-Regimes eher getrübt. Aber dass andererseits die Auflehnung von 1968 dazu beitrug, das kollektive Beschweigen der Vergangenheit zu beenden, ist kaum zu bestreiten. So gesehen, war selbst der Richard von Weizsäcker des Jahres 1985 ein 68er.

AfD arbeitet sich an 1968 ab

Und Jörg Meuthen? Wenn es einen Grund gibt, einem Rassisten im Professorengewand dankbar zu sein, dann ist es sein Ausspruch, die AfD wolle „weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland“. Er zeigt: Die Propheten der politisch-gesellschaftlichen Restauration arbeiten sich bis heute an 1968 ab. Kann es ein besseres Zeugnis geben für die nachhaltige Wirkung der Studentenrevolte?

Spätestens der Generalangriff von rechts zeigt allerdings auch, dass die Errungenschaften der Nach-68er-Epoche immer wieder verteidigt werden müssen. Das allerdings wird nicht gehen, indem man den Aufbruch mystifiziert. Gerade, wer ihn verteidigt, sollte die Ambivalenz der 68er-Bewegung nicht ignorieren.

Ohne Zweifel hat sie (wenn auch nicht sie allein) den Anstoß zu einem großen gesellschaftlichen Liberalisierungsprojekt gegeben. Das heißt allerdings nicht, dass dieses Ergebnis den Motiven der Protestierenden einfach so entsprochen hätte. Sie wollten ja nicht nur den Muff der Ordinarien-Universität durch mehr Mitbestimmung ablösen; sie wollten nicht nur das Prügeln und Schweigen in vielen Familien durch neue, anti-autoritäre Formen der Erziehung ersetzen; sie wollten nicht nur ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis (und die meisten „bewegten“ Männer wollten das ohnehin erst, als die Frauen auch gegen sie rebellierten).

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 1968er-Bewegung

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum