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Die 1968er Frankfurt, die Hauptstadt der Revolte

Frankfurt war einst die Hauptstadt der Rebellion und wirkt bis heute als ein politisches Labor der Bundesrepublik.

Frankfurt
Daniel Cohn-Bendit 1968 vor der Paulskirche: Demo gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Leopold Senghor. Foto: N.N. (Institut für Stadtgeschichte)

Wer heute in Frankfurt mit denen spricht, die vor 50 Jahren an der Revolte des Jahres 1968 teilgenommen haben, der hört Worte der Wehmut. Aber auch des Stolzes, eines selbstbewussten Blicks zurück. Von Lust ist die Rede und von Freude, von einer Zeit, die Kraft gegeben habe für ein ganzes Leben. Die Frauen und Männer von 1968 stehen zu dem, was sie auf den Weg gebracht haben.

Bei den gesellschaftlichen Veränderungen, die damals ihren Anfang nahmen, hat Frankfurt in Deutschland eine Vorreiterrolle gespielt. Gerade in der Philosophie und in der Kultur, in der Literatur und im Theater, waren die Kräfte der Umwälzung hier vielleicht noch stärker als in Berlin. Dass Frankfurt ein politisches Labor sein kann für Deutschland – auch das zeigte sich früh.

Später gingen von hier prägende Entwicklungen aus: Der Aufstieg der Grünen von der Bewegung zur Regierungspartei, die Annäherung der ehemals verfeindeten politischen Kulturen von CDU und Grünen bis hin zur gemeinsamen Regierung. Nur die Vollendung ist 2017 in letzter Minute noch gescheitert: ein schwarz-grünes Bundeskabinett.

Die bürgerliche Gesellschaft hat sich nach 1968 grundlegend gewandelt. Die philosophische Basis dafür wurde an der Goethe-Universität gelegt. Hierher kehrten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zurück, nach ihrer Flucht vor der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Sie brachten aus dem Exil ein Buch mit, das eine wichtige Basis der Revolte werden sollte: Ihre 1947 noch in Amsterdam veröffentliche „Dialektik der Aufklärung“.

Wenige Jahre später schrieb Adorno dann in Frankfurt die „Minima Moralia“, die er Horkheimer widmete. Eine Analyse der Entfremdung des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft. Und hier finden sich Sätze wie der eine, den alle 68er noch heute zitieren: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Auf viele Söhne und Töchter des Bürgertums übte dieses Frankfurt der Kritischen Theorie eine magische Anziehungskraft aus. Auch auf den 20-jährigen Joseph Fischer aus dem kleinen Gerabronn in Baden-Württemberg. Er kam Ostern 1968 mit seiner frisch angetrauten Ehefrau auf dem Hauptbahnhof an – und stürzte sich gleich in die Demonstrationen gegen den verhassten Springer-Verlag. Fischer hatte sich gegen seine Frau durchgesetzt, die eigentlich Berlin bevorzugt hatte. Wäre der Metzgerssohn dort zum Landesumweltminister und zum Bundesaußenminister aufgestiegen?

Ein anderer junger Mann, der 23-jährige Daniel Cohn-Bendit, traf am 15. Juni in Frankfurt ein. Er war vom französischen Staat ausgewiesen worden, der ihn als Rädelsführer der studentischen Mai-Revolte bezeichnete. Und Cohn-Bendit entschied sich, ohne zu zögern, binnen weniger Stunden für die Zuflucht im liberalen Frankfurt. Das hatte er schon in den 50er Jahren kennengelernt, als sein Vater dort als Anwalt vor Gericht für Entschädigungen von Überlebenden des Holocaust stritt.

In Frankfurt unterhielt der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) 1968 seine winzige Zentrale, von der aus zwei Brüder, die Vorsitzenden KD und Frank Wolff, immer wieder aufbrachen, um die Revolte im ganzen Land anzufachen.

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