Lade Inhalte...

„Das Jahr der Revolte“ Das elementare Recht auf Widerstand

Der heiße Mai 1968 in Frankfurt: Mit der Besetzung der Universität und einem alternativen Lehrplan begannen wichtige gesellschaftliche Umwälzungen. Auszüge aus dem Buch „Das Jahr der Revolte“

Römerberg
Die große Kundgebung gegen die Notstandsgesetze am 1. Mai auf dem Römerberg. Foto: Institut für Stadtgeschichte

In der Stadt beginnt die entscheidende Phase der Revolte, der Monat Mai. In diesen wenigen Wochen konzentrieren sich viele Hoffnungen. Der Lehrbetrieb an der Universität wird tatsächlich durch einen Streik zum Stillstand gebracht, alternative Vorlesungen entstehen, ein Ausbreiten der Bewegung scheint möglich. Parallel dazu erreicht der Aufstand der Studenten und Arbeiter in Frankreich mit dem Generalstreik vom 19. Mai seinen Höhepunkt. In Deutschland werden alle Aktionen auf einen Termin hin ausgerichtet: Am 30. Mai will die Koalition von CDU/CSU und SPD im Deutschen Bundestag die heftig bekämpften Notstandsgesetze beschließen, das wollen Gewerkschaften wie Studenten in jedem Fall verhindern.

Durchaus hoffnungsvoll verlief der Auftakt: die zentrale Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes am 1. Mai auf dem Römerberg. Es sprach der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Metall, Otto Brenner, der noch einmal das Nein des DGB zu den Notstandsgesetzen begründete. Vor mehr als 15 000 Menschen durfte dann aber, und das war durchaus ein Signal, Studentenführer Hans-Jürgen Krahl das Wort ergreifen.

Und der intellektuelle Kopf der Frankfurter Bewegung, wie stets in Rollkragenpullover und Sakko, hielt eine brillante Rede. In gestochen scharfen Worten, ohne sich auch nur einmal zu versprechen, prangerte er die „Volksverhetzung“ durch die Bild-Zeitung an, die den Menschen mit allen Mitteln einreden wolle, dass die Aktionen der Studenten „Terror“ seien. Die Studenten stellten dagegen „das Recht der Geschlagenen“ und nähmen ihr„elementares Recht auf Widerstand“ in Anspruch. Krahl zeichnete ein düsteres Bild von den Absichten der Bundesregierung, die „Vorsorge für einen neuen Faschismus“ treffe, „Schutzhaft und Arbeitslager“ für politisch unliebsame Gegner vorbereite.

Die Bundesregierung wolle das Grundgesetz in sein Gegenteil verkehren. Dagegen helfe nur ein politischer Streik an den Universitäten, der die Grundlage bilden werde für einen dann folgenden Generalstreik in Deutschland. Hier wurde noch einmal die Hoffnung deutlich, den Protest ausweiten zu können.

Im Publikum gab derweil der 28-jährige Günter Amendt dem Hessischen Fernsehen und seinem legendären Reporter Hans-Joachim Rauschenbach ein Interview. Amendt, damals Student der Soziologie und Politologie, sollte sich später als Sexualwissenschaftler einen Namen machen. Er kündigte vor der Kamera an, dass man den etablierten Lehrbetrieb an der Frankfurter Universität durch einen Streik lahmlegen werde.

Ziel sei eine „offene, autonome Universität“ mit einem alternativen Lehrplan, die dann auch den Arbeitern im Sinne einer „Volksuniversität“ offenstehen werde. Die Studenten hofften auf die Unterstützung gerade der Gewerkschaftsjugend. Und tatsächlich sagte dann auch eine Vertreterin der jungen Gewerkschafter, die neben Amendt stand, deren Solidarität zu. Auch der Physikstudent Martin Wentz war am 1.Mai auf dem Römerberg in der Menge. Er hielt den Protest gegen die Notstandsgesetze für richtig: „Die waren eine Fortsetzung des reaktionären Staates, den wir verändern wollten.“

Am 14. Mai sprang der Funke zunächst auf die Universitätskliniken in Niederrad über. Etwa 800 Medizinstudenten formierten sich dort zu einem Marsch über das weitläufige Gelände. Sie protestierten gegen Form und Inhalt des Medizinstudiums und insbesondere gegen die sehr schlechte Ausbildung der Medizinalassistenten.

Am 15. Mai begann der „aktive Streik“ an der Goethe-Universität, der zunächst auf zwei Tage angelegt war. Etwa 2500 Demonstranten gelang es tatsächlich, große Teile des Lehrbetriebes lahmzulegen. Unter die Studenten mischten sich auch Gewerkschafter, Schüler von etlichen Frankfurter Gymnasien, schließlich Mitarbeiter der großen Frankfurter Verlage Suhrkamp und S. Fischer.

Parallel dazu kam es in etwa zwei Dutzend Frankfurter Betrieben zu Arbeitsniederlegungen und Kundgebungen gegen die Notstandsgesetze. Der SDS hatte unter dem Stichwort „Politische Universität“ einen alternativen Lehrplan vorbereitet, der auch umgesetzt wurde. KD Wolff betont heute, dass dies 1968 nur in zwei deutschen Universitätsstädten gelungen sei, in Berlin und Frankfurt.

Insgesamt 24 Seminare konnten in der kurzen Zeit der Universitäts-Besetzung organisiert werden, mit Themenblöcken wie „Autoritärer Staat und Faschismus“, Geschichte und Gewalt“, „Analyse der BRD – Zur politischen Geschichte der APO“, oder „Autoritäre Schule und Widerstand“. In diesen Tagen schien plötzlich alles an Utopie möglich: eine neue Universität mit neuen, fortschrittlichen Inhalten. Bernd Schwibs, damals Student der Soziologie und Politologie, erinnert sich an das „Gefühl, das etwas anders sein kann: Die Welt kann eine andere sein.

Für eine kurze Zeit herrschte an der Universität aber auch ein rechtsfreier Raum. Die Studenten, die mit einer Intervention der Polizei rechneten, hatten eigene Wachen postiert, um rechtzeitig Alarm schlagen zu können.

Irmelin Demisch bewachte mit anderen „den Hinterausgang der Universität zum Senckenberg-Institut hin, dabei habe ich meinen späteren Ehemann kennengelernt.“ Sie lacht noch heute in der Erinnerung.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen