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68er in Wiesbaden Brennende BHs in Wiesbaden

Kim Engels, Mitglied im Vorstand des Frauenmuseums, hat zum Jubiläumsjahr 50 Jahre '68 die Geschichte der Frauenbewegung in Wiesbaden aufgearbeitet.

68er Jahre in Wiesbaden
Kim Engels vor der Elly-Heuss-Schule, wo 1968 und später die Demonstranten die Transparente ausrollten. Foto: Michael Schick

Heute steht am Platz der Deutschen Einheit eine moderne Sporthalle. Kaum vorstellbar, wie die Freifläche früher ausgesehen hat. Für 1968, das Jahr der Revolte, hatte der Platz eine besondere Bedeutung. Denn er war so groß, dass sich hier vor den Demonstrationen Tausende Menschen sammeln, die Transparente ausrollen und von dort in die Innenstadt ziehen konnten. In der benachbarten Elly-Heuss-Schule gab es zuvor manchmal „Teach-ins“. Dies war etwa bei der Demonstration gegen die Notstandsgesetze am 16. Mai 1968 der Fall. Und dies war auch in den Jahren der Frauenrevolte so, erzählt Kim Engels aus dem Vorstand des Wiesbadener Frauenmuseums. Die Juristin sichtete während der vergangenen zwei Jahre Berge von Akten, Protokollen, Plakaten und Aufrufen, um die Geschichte der Frauenbewegung zum Jubiläumsjahr aufzuarbeiten. 

„Die Frauen begannen einige Jahre später, für ihre eigenen Rechte auf die Straße zu gehen“, sagt sie, „aber der Platz der Deutschen Einheit war auch ihr Sammlungsort.“ Engels hat einen kleinen Stadtspaziergang zu den Orten ausgearbeitet, die 1968 und in den Folgejahren für die Wiesbadener Geschichte des Kampfs um Emanzipation eine Rolle spielten. Zu besonderen Anlässen bietet das Frauenmuseum den Spaziergang öffentlich an. Im November soll eine Ausstellung „Glamour, Avantgarde und Latzhose“ diese Jahre beleuchten. 

Auftakt der Wiesbadener Frauenrevolte war am 20. Februar 1971, als sich nach einem Zeitungsaufruf der Interessenkreis Frauenemanzipation gründete, zu dem Heike Hoffmann-Stubbenhagen, Eva Schuster, Annedore Prengel und Marita Maxeiner gehörten. Ihre Themen waren wie überall in der Republik die Abschaffung des Paragrafen 218, der Mutterbegriff und die Kinderfeindlichkeit in der Gesellschaft. Sie organisierten große Demonstrationen wie etwa jene am 20. November 1971 gegen das Abtreibungsverbot, gegen den Muttertag oder gegen Gewalt gegen Frauen. 

Der Mauritiusplatz diente der Aktion. Mitten in den Einkaufsstraßen gelegen wurde er als Ort für Aufklärung, Büchertische und Unterschriftensammlungen genutzt. Es ging bunt, wild und improvisiert zu,  BHs wurden verbrannt. Kim Engels zeigt Fotos aus den späten 70er Jahren, auf denen Info-Stände und Frauen mit Plakaten zu sehen sind, bunt angezogen, das typische Emanzipations-Lila auf Transparenten im Hintergrund. Plakate und Flugblätter waren mit eigenen Zeichnungen und handschriftlich gestaltet. 

Legendär waren auch die Demonstrationen zur Walpurgisnacht quer durch die Stadt. Mit Fackeln, Besen und langen Röcken tanzten die Frauen unter dem Motto „Wir erobern uns die Nacht zurück, gegen jede Form von Vergewaltigung, Angriff und Belästigung“ durch die Einkaufsstraßen. „Die Diskussionskultur war ausgeprägt“, entnimmt Engels den Protokollen. „Das kollektive Wir stand im Vordergrund, erst später spaltete sich die Bewegung auf.“ Die Frauen hätten sich Zeit genommen, um anderen zuzuhören, sich selbst zu finden und eine für Frauen freiere Zukunft zu entwerfen. Die Selbstfindungsseminare in Wiesbadener Privatgärten mögen aus heutiger Sicht befremdlich anmuten. Für Kim Engels waren sie notwendig. 

Die Frauenbewegung hat die Gesellschaft verändert. Mit Kartons und Tüchern hatten die Frauen 1977 noch ein kleines Frauenhaus auf dem Mauritiusplatz aufgebaut, um ihre Forderung nach Schutz für misshandelte Frauen zu veranschaulichen, für die die Gruppe „Frauen helfen Frauen“ stand. 1981 besetzten sie eine leerstehende Villa, die noch heute als Frauenhaus dient. Kurz darauf räumte die Polizei das Haus und ging dabei offenbar nicht zimperlich vor. 28 Frauen verloren ihr Obdach. Der Polizeieinsatz rief Proteste breiter Bevölkerungskreise hervor. 
Dass die Stadt später die Trägerschaft ihrer beiden Frauenhäuser nicht an den Verein, sondern an die Arbeiterwohlfahrt und einen privaten Träger vergab, gehört laut Engels zu den bitteren Erfahrungen der Bewegung. Dennoch waren erste Schritte getan. 

Die Aktivitäten des Interessenkreises Frauenemanzipation führten zu einem lebendigen Stadtleben mit Frauenbuchläden, Frauenkneipen und Beratungsstellen. Am Kranzplatz öffneten Kinderläden, in der Adlerstraße im Bergkirchenviertel das erste Frauenzentrum und die Frauenwerkstatt, heute Trägerverein des Frauenmuseums. Der Interessenkreis beendete 1979 seine Arbeit, das Frauenzentrum schloss 1983, der Frauenbuchladen Sappho in der Luxemburger Straße ist seit 2001 Geschichte. „Vieles ist im Mainstream aufgegangen“, sagt Engels. „Das ist auch gut so.“ 

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