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68er-Bewegung in Polen Erst die Knüppel, dann die Repression

In Polen sind Rassismus und Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch. Die rechte Haltung ist nicht komplett neu - wie das Beispiel der brutalen Unterdrückung der 68er-Rebellion zeigt.

Warschau
Warschau, 8. März 1968: Polizisten attackieren Studenten, die zuvor für die Freilassung von Adam Michnik und anderen Inhaftierten demonstriert hatten. Foto: dpa

Das Jahr 1968 begann in Polen vielversprechend, entflammt durch die schönen Künste als Funken: Theater. Die Aufführung des Dramenzyklus’ „Dziady“ (Die Totenfeier) des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz war Ende 1967 Teil der 50. Jubiläumsfeiern anlässlich der russischen Oktoberrevolution. Doch das Stück unter der Regie der Theaterikone Kazimierz Dejmka entfaltete eine ganz eigene Dynamik – angesichts der zeitgleichen Unruhen in der damaligen Tschechoslowakei erfuhr es massiv an Zuspruch; dies aber nicht im Sinne des Regimes. Die politisierten Theaterbesucher interpretierten das Stück als antisowjetisches Manifest – und die Staatsmacht setzte das Stück ab. Für die bereits in den Jahren zuvor vor allem an der Warschauer Universität gesäten und inzwischen reifen Früchte des Zorns unter den Studierenden war dies der zündende Funke, auf die Straße zu gehen. „Unabhängigkeit ohne Zensur“, hieß die erste Losung, erdacht von dem jungen Regimekritiker Karol Modzelewski. 

Bereits am letzten Tag der Aufführung, dem 30. Januar 1968, kam es zu Straßenprotesten, die Polizei verhaftete einige Dutzend Teilnehmer. Die Entrüstung nahm zu – die Studierenden sammelten Unterschriften gegen Zensur. Und Geld für die Inhaftierten. Unter den Eingesperrten war der damals 22-jährige Adam Michnik der bekannteste; er sollte in der weiteren Geschichte seines Landes noch eine entscheidende Rolle spielen. Eine Welle der Solidarität mit den Warschauer Pionieren des Protests erfasste noch im März andere Hochschulen großer Städte. Die größte Demonstration ergoss sich am 8. März auf Warschaus Straßen – doch ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften, offiziell vor allem das „Arbeiter-Aktiv“, knüppelte die Teilnehmer nieder. 

Polizei reagiert unglaublich brutal auf Proteste  

Seweryn Blumsztajn kann sich noch genau an die damaligen Ereignisse erinnern. „Wir hatten keine Ahnung davon, dass sie so brutal zuschlagen werden, so etwas hat es seit der Zeit des Stalinismus nicht mehr gegeben“, sagt der Journalist, der seinerzeit einer der führenden Figuren des Protestes war, im Gespräch. „Ich hatte fast den Eindruck, dass sie uns provozieren wollten, doch sie haben nicht mit so viel Widerstand gerechnet“, sagt Blumsztajn. Die Studierenden, aber auch Lehrpersonal, Schriftsteller und andere Intellektuelle forderten die Abschaffung der Zensur und freie Jugend- und Studentenorganisationen. Krystyna Piotrowska war zu diesem Zeitpunkt im zweiten Studienjahr auf der Akademie der schönen Künste in Krakau. „Wir organisierten Streiks und Manifestationen an der Uni, es ging um Demokratie und Redefreiheit“, sagt die Künstlerin und Grafikerin im Gespräch. „Doch die jüdischen Fragen der Auseinandersetzung haben wir in Krakau zunächst nicht wahrgenommen.“ 

Solidarität mit polnischen Inhaftierten

Die „jüdischen Fragen“, von denen Piotrowska spricht, sollten in der Folgezeit entscheidend werden. Denn die Protestler zeigten sich solidarisch mit den Inhaftierten, von denen ein Teil Polinnen und Polen und zugleich Jüdinnen und Juden waren. Genau diesen Umstand nutzte die Staatsmacht in den kommenden Monaten als entscheidendes Vehikel, die Proteste zu ersticken – und lenkte die Schuld für die Unruhen auf die „Zionisten“. Das Fanal dazu war der Parteitag der herrschenden Einheitspartei PVAP am 19. März 1968. Parteichef Wladyslaw Gomulka hielt an jenem Tag eine flammende Rede: bei den Protesten hätte „ein Teil der akademischen Jugend mitgewirkt, die jüdischer Herkunft oder Nationalität ist“. Durch den Zionismus, so Gomulka unter tosendem Beifall und Zwischenrufen der Parteikader, könne eine Gefahr aus „unterschiedlichen reaktionären Quellen im Land, von außen unterstützt durch Zentren der internationalen, antikommunistischen Reaktion“ entstehen. Daher sei die Staatsführung bereit, allen in Polen, „die Israel als ihr Vaterland erachten, Ausreisepässe auszustellen“. 

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