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68er-Bewegung „Der kritische Bezug ging verloren“

Die Autorin Ulrike Heider über das Gefühl der Befreiung und die Frankfurter Szene, die Entpolitisierung der Spontis und über die Altgrünen Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer.

Cohn-Bendit und Fischer
„Später gelang es ihnen, die grüne Partei mehr und mehr nach rechts zu rücken“: Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer beim hessischen Parteitag 1987 in Frankfurt. Foto: dpa

Frau Heider, reden Sie gelegentlich mit Daniel Cohn-Bendit? Oder mit Joschka Fischer? Das könnte ja ganz heiter zugehen, Sie werfen ausgerechnet den „Spontis“ in Ihrem Buch „antisoziale Muffigkeit“ vor. 
Ich habe den Verzicht auf bürgerliche Umgangsformen und verlogene Höflichkeitsrituale unter Antiautoritären zunächst als Befreiung empfunden. Im Laufe der siebziger Jahre allerdings entwickelten vor allem die Spontis eine Unfreundlichkeit und Grobheit im Umgang miteinander, die mit den ursprünglichen Motiven ihrer Konventionsverachtung nichts mehr zu tun hatte.

Wir kommen auf Ihre Kritik später noch mal zurück. Aber gegen den Nonkonformismus der 68er, gegen die Anti-Spießer-Attitüde und die Ablehnung aller Autoritäten hatten und haben Sie nichts einzuwenden, oder?
All das hat mich beflügelt und bis heute geprägt. Ich bewunderte die Souveränität, mit der sich meine radikalen Freunde über bürgerliche Sexualmoral, bürgerliche Verschwiegenheit und bürgerliches Konkurrenzverhalten hinwegsetzten, und änderte meine eigene Lebenshaltung.

Sie beschreiben Ihre Kindheit und Jugend als ziemlich glückliches Leben in einem liberalen, antifaschistischen Umfeld. Was gab es da zu rebellieren?
Mein Vater war kein Nazi gewesen, was ich erst im Nachhinein richtig zu schätzen weiß. Damals aber warf ich ihm vor, dass er während der Nazizeit nicht ins Ausland gegangen ist. Meine Eltern waren keine typischen Spießer, sondern umgaben sich mit Künstlern und Bohemiens. Trotzdem erwarteten sie von mir, dass ich einen wohlhabenden Mann heiraten würde, um eine Familie zu gründen und in einem repräsentativen Haus zu leben. Ich hatte nie einen Kinderwunsch, wollte nie heiraten und hatte kein Bedürfnis, luxuriös zu leben. Spätestens als meine Mutter mich ein „Flittchen“ schimpfte, weil ich – mit immerhin 21 Jahren – die sexuelle Unschuld verloren hatte, hatte ich Grund zum Rebellieren.

Das „Kolbheim“, einen Frankfurter Kristallisationspunkt der Bewegung, nennen Sie „einen der wenigen Orte, an denen ich mich je zu Hause gefühlt habe“. Steckt darin vielleicht ein Kernelement der Revolte: das alternative Leben nicht nur als politisches Statement, sondern auch als „Heimat“, um einen wieder in Mode gekommenen Begriff zu verwenden?
Das Gefühl von Heimat war und ist mir ebenso fremd wie das des Patriotismus. Im Kolbheim fühlte ich mich zu Hause, weil es mir gut ging. Anders als vorher in der Familie und nachher unter bestimmten Spontis, gab es dort eine Fülle von Kommunikationsmöglichkeiten, intellektuellen Anregungen und gemeinsamen Aktivitäten. Und das ohne jegliche Kontrolle oder Einschränkung der Privatsphäre.

Würden Sie sagen, dass Sie und andere 68er sich bis heute in dieser „Heimat“ eingerichtet haben, unabhängig von dem Ort, an dem Sie leben? Ist das der „gute“ Teil des 68er-Erbes, das Sie gern weitergeben würden?
Vor meiner Politisierung hatte ich darunter gelitten, Deutsche, das heißt Angehörige eines Mördervolks, zu sein. Davon befreit haben mich der Kosmopolitismus und der Internationalismus der Neuen Linken. Wir fühlten uns als „heimatlose Gesellen“, verbunden durch die gemeinsame Empörung über das Unrecht auf der ganzen Welt. Das gehört tatsächlich zum Besten am Erbe der 68er-Bewegung. Die spätere Identifikation mit dem Nationalismus antikolonialer Befreiungsbewegungen widersprach dem.

„Alle waren berauscht von der Wandelbarkeit der Zeiten“, schreiben Sie. Halten Sie einen solchen „Rausch“, womöglich mit Einfluss auf die ganze Gesellschaft, heute noch einmal für möglich?
Die Kritik stirbt nicht aus, es können jederzeit neue Protestbewegungen entstehen. Ende der sechziger Jahre allerdings kamen uns die Zeitumstände entgegen. Da war die Prosperität der reichen Länder zusammen mit einer allgemeinen Reformbereitschaft und dem politischen Tauwetter im Ostblock. Dazu kamen die Erfolge der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und der beginnenden Studentenbewegungen von Japan bis zur BRD und die imponierenden Aktionen der amerikanischen Vietnamkriegsgegner. KD Wolff sagte mir in einem Interview, er habe geglaubt, dass die damaligen Herrschenden es nicht mehr lange machen würden.

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