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50 Jahre 68 Black Power in Mexiko

Die Faust in die Luft - bei den Olympischen Spielen 1968 wurden die schwarzen Sprinter Tommie Smith und John Carlos zu Ikonen des Widerstands

Tommie Smith und John Carlos
Ein Bild geht um die Welt: Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) in Protesthaltung. Peter Norman unterstützt sie schweigend. Foto: imago

Manche Ereignisse existieren im eigenen Kopf nur als ein Bild. Dieses eine Bild ist alles, was wir noch von einem Vorkommnis „wissen“. Der Black-Power-Protest während der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt ist so ein historischer Moment, verdichtet im Foto von der Siegerehrung im 200-Meter-Lauf der Männer. Sie ist aus verschiedenen Perspektiven abgebildet worden, aber zum ikonographischen Dokument wurde die Aufnahme des „Life“-Fotographen John Dominis. Wir sehen Peter Norman (Australien/Silber), Tommie Smith (USA/Gold) und John Carlos (USA/Bronze) im Halbprofil am Ende der Zeremonie, in der die Nationalhymne des Siegers gespielt wird und die Landesfahnen der Medaillengewinner hochgezogen werden.

Wer von den Umständen nichts weiß, könnte auf die Idee kommen, Norman, der Weiße von den Dreien, distanziere sich mit durchgedrücktem Rücken von den Demonstranten hinter ihm. Die, Smith und Carlos, recken jeder eine schwarz behandschuhte Faust, senken aber die Köpfe wie in Demut oder Trauer, oder gar schuldbewusst?

Alles falsch. 

Die beiden US-Amerikaner hatten den Australier von ihrem Protestvorhaben unterrichtet. Norman, der die Schwarzen in ihrem Aufbegehren gegen den Rassismus in den USA unterstützte, besorgte sich schnell noch den Aufkleber des Olympic Project for Human Rights (OPHR), den Carlos und Smith trugen, und pappte sich ihn auf die Jacke seines Trainingsanzugs. In der OPHR-Bewegung hatten sich schwarze Athleten organisiert, die einen Boykott der Spiele erwogen hatten. Weil Carlos und Smith nur ein Paar Handschuhe dabei hatten, riet Norman ihnen, das Paar zu teilen. Ohne Schuhe, nur in schwarzen Socken betraten die US-Amerikaner das Siegerpodest. In einer Erklärung werden die beiden später unter anderem sagen: „Solange wir machen, was die Weißen wollen, behandeln sie uns als gute Jungen. In Wirklichkeit aber halten sie uns für Zirkuspferde, die man mit Erdnüssen belohnt.“ 

Die US-Sprinter bekamen die Wut der Sportpolitiker zu spüren. Auf Druck des stockkonservativen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), des US-Amerikaners Avery Brundage, schickte das Nationale Olympische Komitee (NOK) der USA Carlos und Smith umgehend nach Hause. Es war jener Brundage, der als Präsident des US-NOK nichts dabei gefunden hatte, das US-Team bei den Spielen 1936 im faschistischen Deutschland starten zu lassen, Spielen, bei denen deutsche Athleten während der Siegerehrung die rechte Hand zum „Heil Hitler“-Gruß hoben.

Auch die Viertelmeiler Lee Evans, Larry James und Ron Freeman protestierten 1968 in Mexiko-Stadt bei ihrer Siegerehrung über 400 Meter, sie trugen schwarze Baretts und reckten ihre Fäuste. Da die USA aber noch die ausstehende 4x400-Meter-Staffel gewinnen wollten (was sie auch taten), wurden diese Demonstranten nicht nach Hause geschickt.

Ein anderer schwarzer Athlet verlor in Mexiko-Stadt dauerhaft an Sympathie. Der erst 19 Jahre junge George Foreman schwenkte nach seinem Goldmedaillengewinn im Schwergewichtsboxen eine kleine Stars-and-Stripes-Fahne im Ring. Mehr Distanzierung von seinen protestierenden Sportskameraden schien nicht denkbar. Als Muhammad Ali und Foreman im „Rumble of the jungle“ 1974 in Kinshasa aufeinandertrafen, geriet der Fight auch zum ideologisch aufgeladenen Kampf zwischen Black Panther und Onkel Tom.

Das Ikonografische ihres Protestes verdankten Smith und Carlos auch dem stark wachsenden Interesse des Publikums an großen Sportereignissen. Die Olympischen Spiele 1964 in Tokio waren die ersten, die live per Satellit übertragen wurden, jedoch nur in die USA. Vier Jahre später konnte man zum ersten Mal fast überall auf der Welt Olympische Spiele im Fernsehen live und in Farbe sehen. Es waren die Spiele, in denen Bob Beamon seinen „Fabel“-Weltrekord von 8,90 Meter sprang und ein weißer US-Amerikaner namens Dick Fosbury zum Erstaunen – auch der Fachwelt – den Hochsprung gewann, in dem er rückwärts über die Latte floppte.

Aus klimatischen Gründen fanden die 68er Spiele in der Hauptstadt Mexikos sehr spät statt, erst in der zweiten Oktoberhälfte eines Jahres, in dem Dramen des Aufstands und der politischen Gewalt im Monatstakt geschahen. Die Vereinigten Staaten waren wie schon in den Jahren zuvor so auch 1968 Ort vieler Revolten und Straßenkämpfe. Die Apartheidspolitik regierender Kreise, vornehmlich in den Südstaaten, stieß auf den zunehmend selbstbewusst agierenden afroamerikanischen Widerstand, der sich mit einer gnadenlos reagierenden Exekutive Auseinandersetzungen lieferte, bei denen schwere Verletzungen und Tote zur Tagesordnung gehörten. 

Im Abstand nur weniger Wochen wurden in der ersten Hälfte des Jahres erst der Schwarzen-Führer und Bürgerrechtler Martin Luther King und dann der demokratische Justizminister Robert Kennedy ermordet. 

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