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50 Jahre 1968 Sehnsucht nach Revolution

Mai 68 in Frankreich: Die politische Mitte erinnert sich an die zivilen Errungenschaften einer heftigen Revolte. Hitzig beanspruchen politische Extremisten Deutungshoheit.

Paris
21. Mai 1968 in Paris: Hamsterkäufe an einer Tankstelle als Ausdruck der Verunsicherung. Foto: afp

Paris, im Mai 2018. Zugreisen nach Frankreich sind gerade etwas riskant. Nur wenige Stunden vor dem Abfahrtstermin gibt die bestreikte Staatsbahn SNCF bekannt, ob sich ein TGV in Gang setzt oder ob man auf weniger komfortable Fortbewegungsmittel umsteigen muss. In Paris dann viel soziale Bewegung: Studierende rebellieren gegen verschärfte Aufnahmebedingungen, der schwarze Block randaliert am 1. Mai, Gewerkschaften klagen die Regierung der sozialen Kälte an. Eingerahmt wird das durch ikonische Bilder von der Mai-Revolte vor fünfzig Jahren im Fernsehen, in Dutzenden von Ausstellungen und Zeitungsbeilagen, alten und neuen Tagebüchern wie im tausendseitigen Konvolut „Journal de la commune étudiante“ von Alain Schnapp und Pierre Vidal-Naquet. Mai 68 auf allen Kanälen.

Re-Enactment ... Das Déjà-vu täuscht. So sehr die Staatsmacht seinerzeit ins Wanken geraten war, so wenig steht heute ein Generalstreik bevor. Die Gewerkschaften haben an Kraft verloren, nach radikaler Systemkritik steht den wenigsten Jungen der Sinn. Unbeirrt ballen die Galionsfiguren der Linken auf Demos die Fäuste gegen den verhassten Emmanuel Macron, dessen flapsige Rhetorik zusätzliche Angriffsflächen schafft. Ironisch heißen sie ihn Jupiter, Dracula oder Napoléon, hier und da auch „Mac Aaron“, womit „Antizionisten“ den früheren Rothschild-Banker meinen. An der Bastille haben sie ihm zum Jahrestag seiner Wahl ironisch eine Fete geschmissen: Jean-Luc Mélenchon, der Anführer von „La France insoumise“ (LFI), Francois Ruffin, Spiritus rector der globalisierungskritischen Bewegung „Nuit Debout“, Pierre Laurent, Chef der geschrumpften Kommunistischen Partei, und Olivier Besancenot, Stehaufmann der Linksradikalen, der jetzt dem „Nouveau Parti anticapitaliste“ (NPA) vorsteht. Alle beschwören die Einheit der Linken und pflegen dabei narzisstisch allerkleinste Differenzen. 

Die einen wollen die Reinszenierung des Mai 68 (nun aber richtig!), andere vermeiden schon das Epitheton „links“ für ihre populistische Sammlungsbewegung, die sich inhaltlich kaum noch vom Pseudo-Sozialismus des Front National abhebt. Die Wahl zum Europaparlament im nächsten Jahr wollen sie einzig für eine Abrechnung mit Macron nutzen, dessen Popularität und politische Basis schwinden. Sich in diesem Fegefeuer der Eitelkeiten und Illusionen einzureihen, fällt schwer, auch wenn man einige Ziele der Eisenbahner und Studierenden teilt. 

Reinszenierung auch in Nanterre, wo vor 50 Jahren angeblich „alles anfing“: verbarrikadierte Seminargebäude und Hörsäle, Klausuren fallen aus. Einige Dozenten lassen nachschreiben, andere Absolventen ohne formellen Leistungsnachweis bestehen. Eisenbahner rufen im Hörsaal zum gemeinsamen Kampf gegen die Verwandlung von Unis und Staatsbahn in Privatunternehmen auf, François Cusset, Soziologieprofessor in Nanterre, beschwört die Erinnerung an den letzten heißen Herbst 1995 geradezu hymnisch herauf.

Dany Cohn-Bendit, Ex-Soziologiestudent in Nanterre, Ikone, Rädelsführer, Hassfigur, möchte in Ruhe gelassen werden. Mit einem Sportjournalisten hat er seine Fußballbiografie „Unter den Stollen: der Strand“ geschrieben, mit einem 68er-Kameraden präsentiert er in Cannes den Film „La Traversée“, ein unsentimentales road movie durchs heutige Frankreich. Das sich seit 1968 gewaltig verändert hat. Die originellsten Reminiszenzen bringt derzeit die Provinz hervor, la France profonde, wo die Revolte das Verhältnis der Geschlechter und Generationen ebenso aufgewühlt hat und auch Rechte eine positive Bilanz des Mai 68 ziehen, während Nicolas Sarkozy noch „das Erbe von 68 liquidieren“ wollte. Es war dieses Fest der Solidarität, dieses Laboratorium sozialer Utopien. Eine Revolution zum Verlieben.

Und was wäre passiert, wenn die Revolution weitergegangen wäre und Erfolg gehabt hätte? Diverse Autoren haben das kontrafaktisch fürs Theater oder als politischen Roman durchgespielt. Die 99 Tage des Dany Cohn-Bendit wären nicht in einen linksradikalen Thermidor gemündet oder einen bonapartistischen Brumaire übergegangen – eher in ein grandioses Gelächter. Die Kommunisten zogen, als Charles de Gaulle die Stadt verlassen hatte, nicht zum Elysée und ließen als Ordnungsmacht die Macht liegen, Cohn-Bendit wurde ausgewiesen. Am 30. Mai hatte die Rechte wieder Tritt gefasst.

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