Lade Inhalte...

1968 Die verdiente Revolution

Die 68er in Ost und West hatten ähnliche Ziele. Doch während die Revolte im Westen bald zu Reformen führte, mussten die Ost-Umstürzler bedächtiger vorgehen.

Wolf Biermann und Robert Havemann
Der Marxist und Kernphysiker Robert Havemann (links) und der Liedermacher Wolf Biermann am 21. Januar 1972 in dessen Ostberliner Wohnung. Foto: dpa

Das Bonmot „Die West-68er wollten die Revolution und bekamen Reformen. Die Ost-68er wollten Reformen und bekamen stattdessen 21 Jahre später die Revolution“ enthält wie alle Verkürzungen viel Wahres. Und trotzdem stimmen die einst von Stefan Wolle verfassten Worte nicht ganz. Zwar sind inzwischen beide – die 68er West und die 68er Ost – in die Jahre gekommen, zuvor wurden jedoch aus Ost-68ern noch Ost-89er, die sogenannten „friedlichen Revolutionäre“. Sie bekamen die Revolution auch nicht, sie verdienten sie sich. Und zwar in einem mindestens 21 Jahre dauernden Prozess. Während dieser Zeit gab es zwischen den 68er-Strömungen in West und Ost vielfältige Parallelen und Begegnungen, was in den Rückblicken zu „50 Jahre 68“ bislang kaum vorkommt. 

Vermutlich bedeutete das Jahr 1968 für Osteuropa im Vergleich mit Westeuropa die größere Zäsur: Verursacht durch die Niederschlagung des Demokratisierungsversuchs in der Tschechoslowakei, des sogenannten Prager Frühlings, durch gepanzerte Sowjettruppen. Dies beerdigte den letzten grundsätzlichen Reformansatz innerhalb der Ostblockstaaten, auch in der DDR gab es Proteste dagegen. Und als sich in Westdeutschland die 68er erst mit der bundesdeutschen Regierungspolitik anzulegen begannen und später entweder der RAF verschrieben, die innere Emigration innerhalb des politischen Systems vollzogen oder ihren Marsch durch die Institutionen antraten, verabschiedeten sich nahezu zeitgleich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs immer mehr ähnlich Gesinnte von den dortigen Institutionen. 

In den 70er und 80er Jahren wurden Hunderte dieser mehr oder weniger freiwilligen Aussteiger zu Friedhofsgärtnern, Heizern, Hausmeistern oder Fensterputzern, obwohl sie zumeist studiert hatten, und befassten sich quasi nebenbei mit der Schaffung größerer politischer Freiräume.

Sie versuchten, das vorgefundene politische System „auszubeulen“, seine Beseitigung erschien ihnen eher irreal. Auch in Ostdeutschland war eine Generation herangewachsen, die keine selbst verursachte Schuld aus der Zeit des Naziregimes mit sich herumschleppte und deren nachkriegsbedingte Existenzangst sich ebenfalls in Grenzen hielt. Sie musste sich jedoch nicht – so wie ihr westdeutsches Pendant – von einer in großen Teilen nazibelasteten Vätergeneration distanzieren. Denn Nazis gab es offiziell ja nur im Westen, während im Osten eine angeblich unbelastete Väter- und Müttergeneration am Aufbau des wahren Kommunismus werkelte.

Die 68er Ost aber distanzierten sich im Laufe ihres Lebens mehr und mehr von dem vorgefundenen „Sozialismus“, vom dazugehörigen Funktionärsregime (in den sich wie sich später herausstellte auch viele früherer Nazis integriert hatten) und dessen greiser Regierung. Und sie distanzierten sich zum Teil radikal. Ähnlich radikal, wie es die bundesdeutsche 68er-Bewegung mit dem Angriff auf ihre Vätergeneration („Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“) versucht hatte. 

Das ging so weit, dass auch im Osten Sympathiebekundungen mit der westdeutschen 68er-Bewegung und deren Nachfolgern nicht selten waren und einige wenige gar RAF-ähnliche Aktionen gegen „die Bonzen“ im eigenen Land in Erwägung zogen, was sie aus guten Gründen jedoch wieder verwarfen.

Untertauchen konnte man in der DDR schließlich nur unter Obhut der Staatssicherheit, was einige westdeutsche RAF-Angehörige bekanntlich später auch taten. Frühere SED-Mitglieder wie Robert Havemann, Wolf Biermann oder Rudolf Bahro konnten die endgültige Distanzierung von ihren „Genossen“ noch nicht leisten, sie glaubten – wie die meisten 68er im Westen auch – bis in die 80er Jahre und trotz der Niederschlagung des Prager Frühlings weiter an die Möglichkeit einer Demokratisierung der real-kommunistischen Parteien. 

Dabei waren es ausgerechnet die jahrelange Verfolgung von Havemann, der Rauswurf des Liedersängers Biermann aus der DDR und das harte Gerichtsurteil von acht Jahren Gefängnis gegen Bahro Ende der 70er Jahre, was vielen späteren 89er-Protagonisten genau diesen Glauben austrieb. Nach Havemanns Tod Anfang 1982 wurden solche Illusionen immer seltener. Nachfolgende Systemkritiker setzten so gut wie keine Hoffnungen mehr in eine Reformfähigkeit des SED-Regimes und wandten sich neuen politischen Strömungen zu. Diese wirkten – meist unter der Oberfläche einer breiteren öffentlichen Wahrnehmung – an der Delegitimierung der ostdeutschen Regierung und bereiteten in jahrelanger „Kleinarbeit“ den Mauerfall vor. Sie gründeten die unabhängigen DDR-Friedens-, Frauen-, Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen. 

In diesen Strömungen wurde vieles versucht, was auch die West-68er versucht hatten: Leben in selbst organisierten politischen und persönlichen Zusammenhängen bis hin zu Kommunen, die Kreation neuer Kunst- und Musikformen, die Nutzung neuer sexueller Freiräume oder die Ablehnung des offiziell geförderten Kulturbetriebs und des Konsumdenkens. Dabei blickten die Ostler über die Westmedien immer auch ein bisschen über die Mauer hinüber. Was auf der anderen Seite vor sich ging war mehr als interessant, es faszinierte auch. Hinzu kommt: Viele dieser Ost-68er und späteren „89er“ waren lange vor der Wiedervereinigung ihren westlichen Pendants, also jenen, die sich dort aus den 68ern entwickelt hatten – persönlich begegnet, vollkommen abgeschottet war die DDR bekanntlich nie. 

In Berlin waren dies vor allem Politiker der Alternativen Liste Westberlins beziehungsweise der Grünen, Journalisten, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Studenten und viele andere Intellektuelle, die nach Ostberlin zu Besuchen einreisten. Hinzu kamen – zwar durch Reisesperren erschwert – vielfältige Kontakte zu aus der DDR Ausgebürgerten. Den Ostlern war längst klar, dass zu einer freieren parlamentarischen Demokratie differenzierte Oppositionsgruppen und -parteien gehörten. Sie selbst wollten jedoch nicht so genannt werden. Auch als „Bürgerrechtler“ bezeichnete sie damals niemand, sie selbst auch nicht, das „Bürgerliche“ und vor allem das kleinbürgerliche SED-Regime waren ihnen eher verhasst. Die wenigen Berühmtheiten unter ihnen wurden „Dissidenten“ genannt, die vielen weniger Berühmten bezeichnete erst die spätere Geschichtsschreibung als Bürgerrechtler oder Oppositionelle. 

Einer der wichtigsten dieser weniger Berühmten – der Oppositionelle Reinhard Schult – meinte Anfang der 80er Jahre, als wir in der Nachfolge der Lektüre von Bahros Hauptwerk „Die Alternative. Zur Kritik des realexistierenden Sozialismus“ die Gründung einer Partei mit Namen „Die Alternative“ diskutierten: „Das lassen wir mal lieber. Auf sowas warten die nur, dann können sie uns endlich dorthin abschieben wo sie uns haben wollen, als Gegner in den Knast.“

Hinzugefügt sei, dass Schult bereits einen längeren Gefängnisaufenthalt hinter sich hatte. Diese Episode veranschaulicht, unter welch extrem unterschiedlichen Bedingungen Oppositionelle in Ost und West unterwegs waren. Im Westen hätten die 68er und ihre Nachfolger ruckzuck eine neue Partei gründen können. Was ja 1980 mit den Grünen auch geschah. Wohingegen die Ost-89er noch im Sommer jenes entscheidenden Wendejahres die Gründung einer Partei verwarfen und stattdessen einen „Verein“ mit Namen Neues Forum anmeldeten. Da war auch Reinhard Schult ganz vorne mit dabei und der Rest war und ist dann deutsch-deutsche Wiedervereinigungsgeschichte. 

Zum Schluss nochmal zurück zum Eingangs-Bonmot von Stefan Wolle und warum es nur teilweise stimmt: Die West-68er wollten die Revolution (im Westen) und – ohne dass die meisten ihrer Protagonisten es wollten – haben sie durch ihre Ausstrahlung und ihre Einflüsse über den Eisernen Vorhang hinweg mit dazu beigetragen, dass es 21 Jahre später die friedliche Revolution im Osten gab. Dank gilt dafür auch ihnen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum