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Speitel und Hans-Joachim Dellwo sagen sich von der RAF los

Am ersten Prozeßtag Tätigkeit als Kuriere für inhaftierte und illegal operierende Terroristen zugegeben

06.12.2002 15:12
unserem Korrespondenten Peter Henkel

STUTTGART. Am ersten Tag ihres Prozesses vor dem Oberlandesgericht Stuttgart haben die beiden früheren Terroristenhelfer Volker Speitel und Hans-Joachim Dellwo begründet, warum sie sich von der Roten Armee Fraktion losgesagt und zur Aussage bereit erklärt haben. Beide Angeklagten haben dabei ihre Rolle als Kuriere zwischen dem inhaftierten harten Kern der RAF um Andreas Baader und illegal operierenden Terroristen zugegeben. Speitel wird auf Grund seiner eigenen Aussage von der Bundesanwaltschaft außerdem Mitwirkung bei der Vorbereitung des Überfalls auf die Deutsche Botschaft in Stockholm vorgeworfen.

Volker Speitel, seit 1969 mit der vor einigen Wochen bei einem blutigen Schußwechsel in Dortmund festgenommenen Angelika Speitel verheiratet, sagte, das mindeste, was einem bevorstehe, der sich von der RAF löse, sei die 'soziale Ächtung' durch die Gruppe. Der letzte Punkt in seinem 'Ernüchterungprozeß' sei die Entführung der Lufthansamaschine 'Landshut' nach Mogadischu gewesen, die er als 'verbrecherische Aktion' charakterisierte. Damit habe die RAF gezeigt, daß sie ihren Grundsatz aufgegeben habe, 'niemals gegen das Volk' zu kämpfen. Er selbst habe mitgeholfen, eine 'halblegale Struktur' aufzubauen, mit der die Situation der gefangenen RAF-Mitglieder durch Öffentlichkeitsarbeit hätte verbessert werden sollen.

Im Sommer 1974 habe er selbst als Mitarbeiter des Büros Croissant in Stuttgart anläßlich des Hungerstreiks der Baader-Meinhof-Häftlinge den Eindruck gehabt, es werde eine 'totale Isolation' vorgenommen, die zerstörend für die Häftlinge gewesen sei. Außerdem sei Holger Meins 'praktisch vor unseren Augen gestorben', ohne daß etwas unternommen worden sei. Als ihn dann der frühere Rechtsanwalt Siegfried Haag gefragt habe, ob er zu einer Befreiungsaktion bereit sei, habe er zugestimmt. Er selbst habe dann die Botschaft der Bundesrepublik in Bern ausgeforscht, ob sie für eine Geiselnahme in Frage komme. Zwei Monate vor dem Überfall in Stockholm sei er abgesprungen, weil er nicht zur Erschießung von Geiseln bereit gewesen sei und die geplante Aktion für ein 'Kamikaze-Unternehmen' gehalten habe. Später jedoch sei er zum Büro Croissant zurückgekehrt, wo der selbst die Waffen, mit denen Baader und Jan Carl Raspe im Oktober 1977 Selbstmord begingen, in die Handakten des Rechtsanwaltes Arndt Müller eingebaut habe. Speitel sagte aus, Müller sei nicht gesagt worden, was er befördere. Unter anderem seien auch eine Kochplatte und ein Bügeleisen auf diesem Weg in die Haftanstalt geschmuggelt worden.

Hans-Joachim Dellwo, ein Industriekaufmann, dessen Bruder Karl-Heinz wegen des Überfalls in Stockholm eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, erklärte, er habe mit seiner Arbeit für das Stuttgarter Anwaltsbüro den Staat dazu bringen wollen, mit einer 'Fundamental-Opposition' zu leben. Der Tod von Holger Meins und überhaupt die 'unzumutbaren Haftbedingungen' hätten damals in ihm das Bild von einem Staat entstehen lassen, 'gegen den man mit allen Mitteln kämpfen durfte'. Eine Gruppe, deren 'Politik sich auf die Befreiung von Gefangenen reduziert', sei 'nichts anderes, als ein blindwütiger Haufen'. Er selbst sei auch nie zu den sogenannten 'Illegalen' abgetaucht und habe seine Kuriertätigkeit unmittelbar nach dem Mord an Jürgen Ponto eingestellt. Speitel und Dellwo waren im Herbst vergangenen Jahres verhaftet worden.

FR vom 18. November 1978

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