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Sein Bild der 68er

Hofheim Thilo Götze Regenbogen zeigt, "was gewöhnlich unter den Tisch fällt"

20.08.2008 00:08
BARBARA HELFRICH

Sorgfältig ausgespülte Joghurtbecher lagern neben ungezählten Büchern und Teedosen. Bananenkisten stapeln sich übereinander, lassen nur schmale Durchgänge frei, die Thilo Götze Regenbogen "labyrinthisch" nennt. Das Wort Chaos geht ihm leicht über die Lippen, um sein Atelier in der Hofheimer Innenstadt zu beschreiben. Er komme aus einfachsten Verhältnissen, etwas wegzuwerfen sei daher seine Sache nie gewesen, erklärt der 59-Jährige.

Für seine "autobiografische Montage" mit dem Titel "68.69 Dylan Adorno Govinda" hat der Künstler einige Zeitdokumente aus seiner umfangreichen Sammlung ausgewählt und sorgfältig in zwei Vitrinen arrangiert. Die Ordnung der Exponate steht dabei in scharfem Kontrast zum übrigen Sammelsurium in Thilo Götze Regenbogens Atelier, genannt "Raum 1 Forschungsinstitut für Gegenwartskunst".

In einer der Vitrinen liegt ein Plattencover von Ravi Shankar neben einem Taschenkalender von 1968, aufgeschlagen beim 11. Mai. "Sternmarsch" hat Thilo Götze Regenbogen für diesen Tag notiert und grün umrandet. Zur Demonstration gegen die Notstandgesetze in Bonn kam er damals aus Kaiserslautern, wo er an der Meisterschule Gebrauchsgrafiker lernte. Kontroversen über Lehrinhalte und ein halbjähriger Streik der Schüler, während dessen sie den Unterricht selbst gestalteten, bestimmten seine Ausbildungszeit.

Als 20-Jähriger bekannte sich Thilo Götze Regenbogen zum Buddhismus. 1970 wurde er bei einem Autounfall schwer verletzt. Noch im Krankenhaus beschloss er, nicht Grafiker zu werden, sondern Kunstlehrer. Nach dem Studium in Mainz unterrichtete er bis 2002 an der Hofheimer Main-Taunus-Schule.

Seine eigenwillige Ausstellung zur 68er-Zeit, die er selbst Akzent nennt, hat zwei Teile. Der erste ist noch bis Ende September zu sehen, der zweite Teil wird nach einer Umbauzeit am 25. Oktober eröffnet. In den Blickpunkt rücken will Thilo Götze Regenbogen drei Personen, die ihn geprägt haben, den Musiker Bob Dylan, den Philosoph und Soziologen Theodor Adorno und den buddhistischen Weisheitslehrer Lama Anagarika Govinda, die ihn alle als "Mehrfachtalente" faszinieren. Teil des Projekts sind auch Möbel, etwa das "psychedelische" Küchenregal, von Thilo Götze Regenbogen mit Öl- und Lackfarben gestaltet und bis heute in Gebrauch. An der Wand hängt unter anderem eine Kalligrafie und ein eigenes Bild, das die spirituelle Sinnsuche thematisiert. Außerdem ein Original von Joseph Beuys: eine leere Holzkiste mit dem Titel "Intuition".

"Ich will zeigen, was gewöhnlich unter den Tisch fällt", begründet Thilo Götze Regenbogen seine persönliche Rückschau auf die 68er, die er für spirituell, politisch und künstlerisch bedeutsam hält. Die RAF werde in der Rezeption dieser Zeit oft zu Unrecht in den Mittelpunkt gerückt, meint er. Und die umstrittenen Parallelen, die der Historiker Götz Aly zwischen NS-Zeit und Studentenbewegung zieht, seien "einseitig zugespitzt", wohl aus Werbegründen um Bücher zu verkaufen.

Dass Thilo Götze Regenbogen seit Jugendzeiten alles sammelt und bewahrt, kam auch den Machern der 68er-Ausstellung zu Gute, die noch bis Ende August im Frankfurter Historischen Museum zu sehen ist. Drei Mal kamen die Kuratoren in sein Hofheimer Atelier, wählten nach Stunden des Stöberns in Bananenkisten und Regalen drei dutzend Exponate aus. Darunter Handzettel, die bei Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze verteilt wurden, Plattencover und Thilo Götze Regenbogens Bob Dylan-Fan-Heft. Als Teenager hat er Bilder des Sängers aus Zeitungen ausgeschnitten, auf kariertes Papier geklebt und daneben selbst aus dem Amerikanischen übersetzte Liedtexte geschrieben. Im Historischen Museum ist auch ein olivgrüner Parka ausgestellt, den Thilo Götze Regenbogen von 1968 bis 1980 trug. Mit Siegeln und bunten Bändchen hat er ihn verziert und an den Taschen mit Jeansstoff ausgebessert. Die Alltagsjacke, die zum Museumsstück arrivierte, hat in Thilo Götze Regenbogens Sammlung die Nummer 1339. Seinen Besitz zu sichten, zu ordnen und zu archivieren, beschäftigt den Hofheimer Künstler seit langem. Als sein "Raum 1" vor fünf Jahren von Kriftel nach Hofheim übersiedelte, trennte er sich aus Platzgründen von etlichen Plakaten, Zeitschriften und Papieren. Er hat sie öffentlich und zu Musik verbrannt, aus dem Abschied eine Performance gemacht.

"68.69 Dylan Adorno Govinda" in der Kurhausstraße 2 in Hofheim kann nur nach Vereinbarung unter der

Telefonnummer 0 61 92 / 432 09 besucht werden. Thilo Götze Regenbogen bietet zum Thema auch Seminare und Kunstsitzungen an.

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