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RAF Von ostdeutschen Spitzeln und abgehörten Telefonaten

Wie der RAF-Terrorist Jan-Carl Raspe angeblich DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte: Die Stasi-Akte „Primaner“ aus dem deutschen Herbst

Baader-Meinhof-Prozess in Stuttgart-Stammheim
Jan-Carl Raspe (Mitte) war eines der führenden Mitglieder der ersten Generation der Rote Armee Fraktion (1975). Foto: dpa

Auch die abgehörten Telefonate von Inka mit ihrer Tante in Westberlin liefern der Stasi keine Anhaltspunkte dafür, dass eine Flucht bevorstehen könnte. Stattdessen erzählt die Tochter beispielsweise bei einem Gespräch am 19. Mai 1975 vom Besuch ihrer Mutter bei Jan in Stammheim, wo die RAF-Häftlinge einen neuerlichen Hungerstreik planen würden. „Die Mutter fand ihn ganz wohlaussehend, doch die wollen ab morgen wieder hungern. Damit wollen sie erreichen, dass sie aus ihrer Einsamkeit befreit werden und wieder miteinander Hofgang machen können“, heißt es im Protokoll des Telefonats.

Im Mielke-Ministerium scheint man ein wenig ratlos zu sein, wie die Staatsmacht mit den angeblichen Fluchtplänen der Familie Raspe umgehen soll. Ein hartes Durchgreifen, wie es die Stasi in solchen Fällen häufiger praktiziert, ist keine Alternative. Die Reaktion auf eine mögliche Verhaftung der Verdächtigen ist schwer abzuschätzen – hat Jan-Carl Raspe aus dem Gefängnis heraus noch solchen Einfluss auf die RAF, eine Vergeltungsaktion in der DDR anzuordnen?

Ein „Sachstandsbericht“ zum Vorgang „Primaner“ vom November 1975 gibt schließlich Entwarnung. „Verbindungen zur Baader-Meinhof-Gruppe oder anderen linksradikalen Kreisen konnten, soweit sie über familiäre Belange hinausgehen, nicht festgestellt werden“, heißt es in dem Papier. Zudem „konnten keine Beweise zu dem bestehenden Verdacht des ungesetzlichen Verlassens der DDR erarbeitet werden“.

Ein Vierteljahr später, im Februar 1976, schließt die Stasi den Vorgang „Primaner“ ergebnislos ab. Charlotte und Inka Raspe werden „unter allgemeine operative Kontrolle gestellt“, heißt es in dem Vermerk. „Bei operativer Notwendigkeit wird die Bearbeitung erneut aufgenommen.“

Offenbar hat es diese operative Notwendigkeit aber nicht gegeben. Weitere MfS-Akten über die Mutter und die Schwester des RAF-Terroristen sind noch nicht aufgetaucht. Jan-Carl Raspe stirbt am 18. Oktober 1977 in Stammheim. Er hat sich wenige Stunden nach der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“, mit der seine Freilassung erpresst werden sollte, in den Kopf geschossen. Charlotte und Inka Raspe bleiben in der Familienvilla in der Parkstraße wohnen. 2001 stirbt die Mutter. Tochter Inka lehnt auf Anfrage ein Gespräch ab.

Auf dem weitläufigen Grundstück der alten Weißenseer Gärtnerei befinden sich heute ein Supermarkt und ein Hotel. Die alte Villa der Raspes ist verschwunden – in der Parkstraße 87/88 steht nun eine neugebaute Wohnanlage.

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