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RAF Von ostdeutschen Spitzeln und abgehörten Telefonaten

Wie der RAF-Terrorist Jan-Carl Raspe angeblich DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte: Die Stasi-Akte „Primaner“ aus dem deutschen Herbst

Baader-Meinhof-Prozess in Stuttgart-Stammheim
Jan-Carl Raspe (Mitte) war eines der führenden Mitglieder der ersten Generation der Rote Armee Fraktion (1975). Foto: dpa

Auch Inka Raspe darf ihren Bruder einmal treffen. Im Sommer 1974 reist die damals 25-Jährige zu ihrer Schwester nach München, um an der Beerdigung ihres Neffen teilzunehmen. Von München aus fährt sie nach Köln, besucht Jan-Carl Raspe. Bei der Gelegenheit, so erfährt es die Stasi ein Jahr später durch ihren eifrigen Spitzel „Karola“, soll ihr der Bruder versprochen haben, die „Schleusung“ in den Westen zu organisieren. „Er hätte trotz Haft sehr guten Kontakt zu Angehörigen der Gruppe“, berichtet IM „Karola“. Das habe Inka Raspe ihrem Freund, dem Ingenieur G. aus der Bauakademie, erzählt.

Der Stasi-Apparat läuft an, ein „Operativplan“ zum Vorgang „Primaner“ wird erarbeitet. Zielpersonen sind Mutter und Tochter Raspe sowie der inhaftierte RAF-Terrorist. Es geht darum, „durch zielgerichtete Maßnahmen ein umfassendes Bild über die beteiligten Personen zu erhalten“ und die Verdachtsmomente für eine Republikflucht „weiter zu verdichten“. Vor allem die Mutter will man im Auge behalten, weil deren „ständige Reisen ... in die BRD, die als Verwandtenbesuche abgedeckt werden, ... eine Verbindung zu der Baader-Meinhof-Gruppe (Mitglieder oder andere der Gruppe nahestehende Personen, z. B. Rechtsanwälte) möglich erscheinen“ lassen. Darüberhinaus sollen die Nachbarn der Raspes in Weißensee befragt sowie Post und Telefon überwacht werden.

In den überlieferten Akten des Vorgangs „Primaner“ finden sich zwei Briefe, die Raspe aus dem Gefängnis an seine Schwester geschrieben hat. In dem einen, verfasst am 17. Juni 1975, bestellt er Platten und Bücher bei seiner Schwester. „Vermutlich hast Du ja schon gehört, dass ich hier jetzt n Plattenspieler hab“, schreibt er aus seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim nach Ostberlin. „Versuch doch mal, was zu schicken ... Bach/Monteverdi/Händel/Gluck. ... Violinkonzerte von Brahms und die Sachen von Brecht/Weil – Opern, Songs etc.“. Natürlich alles in Stereo, denn er habe dort ein Stereogerät. „Was Du auch mal schicken kannst: Es gibt da in der blauen Marx-Engels Ausgabe zwei Bände mit Briefen.“

Die Stasi analysiert den Brief, kann aber keine versteckten Hinweise in der Musikbestellung erkennen. Auch ein anderer Brief an die Schwester, bereits im September 1974 noch aus dem Gefängnis in Köln-Ossendorf an die Parkstraße in Weißensee verschickt, scheint keine Verabredungen über eine Fluchthilfe zu enthalten. Im Gegenteil: Der Brief offenbart eher einen Konflikt zwischen den Geschwistern, weil Inka ihrem Bruder in einem Brief offensichtlich Vorwürfe gemacht hatte, sich der RAF angeschlossen zu haben. „Haste ja mitgekriegt, dass ich auf Deinen Brief, den letzten, Juli, nicht reagiert habe“, schreibt Jan-Carl Raspe seiner Schwester. „Ich habe ihn gelesen und weggeschmissen, weil ich mit dieser Art von Briefen nichts anfangen kann – sie gehen an mir vorbei, weil diese Person, Figur, die Du da in Deinen Vorstellungen konservierst oder richtiger: überhaupt erst herstellst, jedenfalls mit mir nichts zu tun hat.“

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