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RAF Von ostdeutschen Spitzeln und abgehörten Telefonaten

Wie der RAF-Terrorist Jan-Carl Raspe angeblich DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte: Die Stasi-Akte „Primaner“ aus dem deutschen Herbst

Baader-Meinhof-Prozess in Stuttgart-Stammheim
Jan-Carl Raspe (Mitte) war eines der führenden Mitglieder der ersten Generation der Rote Armee Fraktion (1975). Foto: dpa

Bei diesen Gelegenheiten habe die Rentnerin auch ihren Sohn, den inhaftierten Terroristen Jan-Carl Raspe, mehrfach im Gefängnis in Köln besucht. Die Stasi eröffnet nun eine sogenannte operative Vorlauf-Akte mit der Deckbezeichnung „Primaner“. Der Name ist ganz offenbar eine Anspielung auf Jan-Carl Raspe, der als Primaner – also als ein Schüler, der kurz vor dem Abitur steht – die DDR verlassen hatte. Geboren wurde Raspe am 24. Juli 1944 im österreichischen Seefeld. Sein Vater, der dort eine chemische Fabrik besaß, starb vier Monate vor der Geburt seines Sohnes an Angina pectoris. Nach Kriegsende ging die Mutter Charlotte Raspe mit ihrem kleinen Sohn zurück nach Berlin. Dort war sie 1906 geboren, als ein Kind des Gartenbaumeisters Grille, der in der Weißenseer Parkstraße eine große Gärtnerei betrieb. Mitten auf dem Grundstück stand eine alte Villa, in der Charlotte geboren und aufgewachsen war. Die DDR enteignete den Gartenbaubetrieb. Charlotte Raspe behielt nur das Haus mit Grundstück in der Parkstraße 87/88. Dort lebte sie zusammen mit ihren beiden Schwestern und ihren drei Kindern.

Jan-Carl Raspe besucht damals die Johannes-R.-Becher-Schule. Er ist ein guter Schüler, aber der Weg zum Abitur bleibt ihm versperrt. Wegen „mangelnder gesellschaftlicher Betätigung“ sei ihr Sohn für eine höhere Schule nicht geeignet, wird der Mutter an der Becher-Schule gesagt. Jan sei schließlich weder bei den Pionieren noch bei der FDJ aktiv gewesen. Die Mutter meldet ihren Sohn daraufhin in Westberlin an der Bertha-von-Suttner-Oberschule an. Ab Oktober 1958 fährt Jan-Carl Raspe jeden Tag mit der S-Bahn nach Westberlin zur Schule. Manchmal bleibt er auch über Nacht und schläft dann bei seinem Onkel Hans, dem Bruder seiner Mutter.

Als die Mauer gebaut wird, bleibt Raspe

Am 12. August 1961 übernachtet er wieder in Westberlin. Als am Tag darauf die Mauer gebaut wird, bleibt er dort. So hatte er das zuvor auch mit seiner Mutter besprochen. Er kann sie davon überzeugen, dass es für ihn besser sei, sein weiteres Leben im Westteil der Stadt zu verbringen. Dort könne er sein Abitur machen und anschließend studieren, was ihm in der DDR versagt wurde.

In Westberlin studiert Raspe an der FU, erst Chemie, dann Soziologie. Er schließt sich dem SDS an, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, sitzt später sogar im Vorstand. Der 2. Juni 1967, an dem Benno Ohnesorg von dem Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras erschossen wird, ist auch für ihn eine Zäsur. Raspe zieht mit Freunden zusammen, gründet die „Kommune II“ in Westberlin. Seine Mutter besucht ihn 1968 dort, sie ist bereits Rentnerin und darf in den Westen reisen. In der „Kommune II“, der er schon 1969 wieder den Rücken kehrt, lernt Jan-Carl Raspe Marianne Herzog kennen, mit der er sich 1970 der RAF anschließt. Während seine Freundin schon ein Jahr später wieder aussteigt, wird er einer der führenden Köpfe der sogenannten ersten RAF-Generation. Im Juni 1970 trifft er sich im Grunewald noch einmal mit seiner Mutter aus Ostberlin. Es wird ihr letztes Treffen sein für einige Jahre. Kurz darauf geht Raspe in den Untergrund, beteiligt sich an den Anschlägen und Überfällen der Baader-Meinhof-Gruppe. Am 1. Juni 1972 wird er nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Frankfurt am Main festgenommen.

In Ostberlin erfährt Charlotte Raspe aus dem Radio von der Festnahme ihres Sohnes. Für die Mutter hat die Festnahme von Jan-Carl Raspe auch etwas Gutes – nun kann sie endlich ihren Sohn wiedersehen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen erlauben ihr die westdeutschen Behörden Besuche im Gefängnis von Köln-Ossendorf, wo der RAF-Terrorist bis zu seinem Prozess in Stuttgart-Stammheim untergebracht ist.

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