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RAF-Terror „Der Staat war mitverantwortlich“

Die Historikerin Petra Terhoeven über die Gefährdung der Demokratie, die Opfer-Stilisierung der RAF-Terroristen und warum das linke Milieu in die Solidarisierungsfalle getappt ist.

Urteile im Kaufhausbrandstifter-Prozeß
Ein Leben im Untergrund: die RAF-Terroristen Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Foto: dpa

Frau Professor Terhoeven, wie lebendig ist der „Mythos RAF“ mit seiner, wie Sie es nennen, „morbiden Faszination“ 40 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“?
Der Mythos selbst, glaube ich, existiert nicht mehr, oder doch nur noch in sehr kleinen Subkulturen. Das hat damit zu tun, dass wir heute – Gott sei Dank – sehr viel intensiver als früher auf die Opfer schauen. Dass das so lange gedauert hat, hat aber tatsächlich mit dem Mythos zu tun. Ein Charakteristikum der RAF-Geschichte ist nämlich, dass der von den Tätern selbst genährte Opferkult, ihre „Selbstviktimisierung“, den empathischen Blick auf die tatsächlichen Opfer überblendet und verdeckt hat. Nur wegen der Selbststilisierung der Täter zu Märtyrern konnte die Täter-Faszination überhaupt so dominant werden, und es ist bezeichnend, dass die RAF ihr größtes Unterstützerpotenzial letztlich aus einer Mitleidsstrategie bezog.

Der RAF konnte gar nichts Besseres passieren als „Stuttgart-Stammheim“, wo die prominentesten Täter – Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe – vor Gericht standen und nach ihrer Verurteilung einsaßen?
Dieses Gefängnis wurde im In- und Ausland zum Symbol einer perfekt funktionierenden deutschen Vernichtungsmaschinerie. Das ist eine glatte Farce, wenn man bedenkt, dass die Insassen im Hochsicherheitstrakt privilegierte Haftbedingungen hatten, in deren Genuss davor und danach kein Strafgefangener in der Bundesrepublik jemals gekommen ist. Richtig an der RAF-Propaganda ist, dass es anfänglich überzogen harte Haftbedingungen gab – insbesondere in Köln-Ossendorf, wo Ulrike Meinhof und Astrid Proll einsaßen. Aber das hat sich sehr schnell geändert.

Warum hat die Propaganda trotzdem funktioniert?
Dazu haben wesentlich einige Anwälte der RAF-Täter beigetragen. Etwa wenn sie die Haftbedingungen ihrer Mandanten auch dann noch als „Folter“ bezeichneten, als sie längst wussten, dass davon nicht mehr im Mindesten die Rede sein konnte. Die Anwälte tragen damit auch eine zentrale Mitverantwortung für das Nachwachsen der zweiten RAF-Generation. Ein so kluger Mann wie Otto Schily – da bin ich sicher – weiß das auch. Immerhin gibt er inzwischen zu, seine Kollegen und er hätten damals „nicht alles richtig gemacht“. Grimmige Koinzidenz der Ereignisse: Am Tag der Entführung Hanns-Martin Schleyers, dem 5. September 1977, befanden sich Schily und Hans-Christian Ströbele gerade in Rom auf einem Hearing zu den menschenverachtenden Verhältnissen in Stuttgart-Stammheim. Gerade im Ausland hat der Opfermythos der RAF aufgrund der Erinnerungen an Zweiten Weltkrieg und deutsche Besatzung besonders gut gegriffen, was wiederum den Größenwahn der Stammheimer Gruppe befeuerte. Aber es ging ihr und ihren Anwälten in Wahrheit gar nicht – oder nicht ausschließlich – darum, die Haftbedingungen zu verbessern. Vielmehr sollte ja daran gerade der faschistische Charakter des Staates offenbar werden. Man wollte sich sozusagen noch im Nachhinein bestätigt fühlen.

 

 

Sie sprechen von „Größenwahn“ der RAF-Prominenz?
Für Baader oder Ensslin, die im Gegensatz zu Ulrike Meinhof außerhalb der „Szene“ anfangs kaum bekannt waren, wurde die mediale Aufmerksamkeit im Kaufhausbrand-Prozess von 1968 zu einem Schlüsselerlebnis. Wenn man erst einmal so prominent geworden ist, fällt es sehr schwer, sich mit dem Gedanken einer neuen Bedeutungslosigkeit abzufinden. Insofern ist die RAF zum Teil auch groß geschrieben worden. Ich veranschlage den Anteil der medialen Eigenlogik an der Geschichte der RAF jedenfalls sehr hoch.

„Terrorismus ist eine Kommunikationsstrategie“

Wie schätzen Sie den Anteil der staatlichen Reaktion auf den RAF-Terror ein?
Heute weiß man, wie marginal die tatsächliche Bedrohung war – insbesondere, wenn man sie mit der Gefahr vergleicht, die heute von rechtem oder islamistischem Terror ausgeht. Insgesamt wurden überhaupt nur 500 Angeklagte wegen RAF-Mitgliedschaft verurteilt, 60 bis 80 davon waren zuvor im Untergrund. Es gab 26 lebenslängliche Haftstrafen. Die islamistische Szene in Deutschland allein umfasst heute mehr Gefährder, als die RAF in allen drei Generationen zusammen an Mitgliedern hatte. Schon diese Zahlen belegen, wie sehr Staat und Gesellschaft überreagiert haben. Andererseits ist genau diese Überreaktion typisch für das Phänomen des Terrorismus: Man kann mit einem relativ geringen realen Machtpotenzial ein unglaubliches Bedrohungsgefühl erzeugen. Terrorismus ist letztlich eine Kommunikationsstrategie.

Der RAF-Terror war zu keinem Zeitpunkt – auch nicht im „Deutschen Herbst“ – staatsgefährdend?
Aber nein! Nun muss man zugunsten der staatlichen Akteure allerdings auch sagen: Sie wussten nicht, wie die Sache ausgehen würde. Und sie wussten oder erahnten zumindest die internationale Dimension des Terrors – speziell die intensive Verbindung der RAF zu palästinensischen Organisationen, die spätestens nach dem Attentat 1972 auf das israelische Olympia-Team offensichtlich war. 1976 waren Palästinenser gemeinsam mit Deutschen an der Entführung einer Air-France-Maschine nach Entebbe beteiligt, im „Deutschen Herbst“ 1977 dann entführten sie die „Landshut“. Unter diesem Eindruck war es schwer, das Bedrohungspotenzial des linken Terrors richtig zu beurteilen. Die massive Reaktion der Staatsspitzen ist aber auch dadurch zu erklären, dass sie selbst im Visier waren. Die Leute hatten schlicht Angst ums eigene Leben. Helmut Schmidt, Helmut Kohl, auch Schleyer selbst – sie hatten schon vor dem „Deutschen Herbst“ darüber gesprochen, was im Falle ihrer Entführung geschehen solle. Schleyer erklärte dazu ganz klar, dass er nicht ausgetauscht werden wolle.

Lag in den Reaktionen des Staates mit neuen Fahndungsmethoden und verschärften Gesetzen eine Art von politischer Instrumentalisierung des RAF-Terrors?
Instrumentalisierungen gab es en masse. Stärker, als es landläufig im Bewusstsein ist, würde ich hier die damalige Opposition in die Verantwortung nehmen. Die CDU/CSU hat von Anfang versucht, das Thema Linksterrorismus hochzukochen und die RAF zu dämonisieren – im Dienste ihres eigenen politischen Ziels, der Rückeroberung der Macht. Ihr Angriff auf die sozialliberale Koalition folgte dem so simplen wie wirkungsvollen Strickmuster, dass letztlich eben doch „die Sozis“ hinter der Gewalt der RAF steckten und dass das linksintellektuelle Milieu schon um 1968 viel zu viel Verständnis für die „Radikalen“ aufgebracht habe. Die Sozialdemokratie ließ sich davon immer wieder in die Enge treiben. Umso wichtiger war es für die SPD-geführte Regierung Schmidt, die RAF zur Strecke zu bringen. Dazu dienten die damals verabschiedeten Sicherheitsgesetze und die massive Verstärkung der Polizei. Es gab aber auch, weil Sie ja nach Instrumentalisierungen fragen, eine unheilvolle Symbiose zwischen Sicherheitsapparaten und Terroristen.

Die Behörden brauchten die Terroristen?
Wenn man eines aus der RAF-Geschichte lernen kann, dann ist es die Gefährdung der Demokratie durch ihre „Beschützer“. Wir wissen heute, dass der Gang linker Aktivisten in den Untergrund 1968 vom Westberliner Verfassungsschutz aktiv begleitet wurde, in dem er die Leute mit Waffen versorgte, um sie erst recht in die Illegalität zu drängen und zu kriminalisieren. Der Staat selbst war also mitverantwortlich dafür, dass die in der linken Bewegung angelegte Gewalt sich nicht mehr einhegen ließ. Der Angriff auf demokratische Ideale durch einen ungenügend kontrollierten Verfassungsschutz ist ein Kontinuum bis in unsere Tage.

„Es ging um die Selbstermächtigung zum gewaltsamen Kampf“

Das ist die eine Seite der Symbiose. Wofür aber brauchten die Terroristen den Sicherheitsapparat?
Für ihr Feindbild. Der sozialrevolutionäre Terror der RAF wollte ja eine möglichst harte Reaktion des Staates provozieren, um ihm so „die Maske vom faschistischen Antlitz reißen“ zu können. Deshalb war maximale Härte des Staates aus Sicht der RAF sogar erwünscht. Sie steigerte und unterfütterte das dann noch einmal durch ihre Opfer-Stilisierung.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier RAF

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