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RAF Polizeispitzel an billigen Särgen

Bilder und Filme über die RAF gibt es viele. Sie bezeugen die fatale Entfremdung zwischen dem Staat und kritisch Denkenden.

Ulrike Meinhof
Ulrike Meinhof war selbst Filmemacherin. Foto: Imago

Die Geschichte des RAF-Terrors und der tiefen Verunsicherung über den Rechtsstaat, die mit ihm einherging, ist auch eine Bild- und Filmgeschichte. Zwei prominente RAF-Mitglieder, Ulrike Meinhof und Holger Meins, waren selbst Filmemacher. Als der Regisseur Eberhard Itzenplitz 1970 für den Südwestfunk Ulrike Meinhofs Drehbuch „Bambule“ verfilmte, wurden Fernsehspiele noch vorrangig mit ihren Autorinnen und Autoren identifiziert. Die geplante Ausstrahlung am 24. Mai 1970 wurde abgesetzt wegen der Beteiligung Meinhofs an der Befreiung Andreas Baaders zehn Tage zuvor. Erst 1994 konnte das anspruchsvolle Sozialdrama aus einem Berliner Heim für adoleszente Mädchen in den dritten Programmen erstausgestrahlt werden, obwohl selbst NS-Propagandafilme wie „Triumph des Willens“ zeitweilig als bildschirmtauglich galten. Man kann darin ein Symptom sehen für die vielfach als Doppelmoral empfundene Verunsicherung in der Auseinandersetzung mit den ideologischen Kontexten des RAF-Terrorismus. 

Behutsam hatte Meinhof mehrere Fallstudien, die sie als Reporterin recherchiert hatte, dramatisiert und zu einem Zeitrahmen von 24 Stunden verdichtet. In der deutschen Filmgeschichte kann man das Drama auch als Fortschreibung von Leontine Sagans Klassiker „Mädchen in Uniform“ betrachten.

Meinhofs Sozialdrama bleibt unter Verschluss

Auch das schmale Filmwerk von Holger Meins, der 1974 im Hungerstreik starb, nachdem der zuständige Gefängnisarzt die künstliche Ernährung auf 400 Kalorien pro Tag reduziert hatte, beginnt mit einer radikalen Sozialstudie: In seinem 13-minütigen Studentenfilm „Oskar Langenfeld 12x“ begleitet er einen an TBC erkrankten Obdachlosen bei seinem täglichen Überlebenskampf; kurz nach Ende der Dreharbeiten starb der Mann. Mehr Aufmerksamkeit erfuhr 1968 Meins’ Agitprop-Kurzfilm „Wie baue ich einen Molotow-Cocktail“. 

Das Klima im Herbst 1977 fand seinen unmittelbaren Niederschlag in einem Kollektivfilm von elf namhaften Regisseuren, der bereits im März 1978 bei den Berliner Filmfestspielen Premiere hatte: „Deutschland im Herbst“. 

Die Montage aus dokumentarischen und inszenierten Episoden liefert ein Zeitbild des damaligen gesellschaftlichen Klimas. In der bis heute bekanntesten Episode verwickelt Rainer Werner Fassbinder, der sich selbst spielt, erst seinen zeitweiligen Lebensgefährten und dann seine Mutter in heftige Diskussionen, die totalitäre Ansichten seiner Gesprächspartner bloßlegen. Am Ende plädiert die Mutter für einen Alleinherrscher – aber einen, „der lieb ist“: eine Formulierung, die auch auf den populären Zuspruch zum derzeitigen Demokratieabbau in mehreren europäischen Staaten passen würde.

Ein provokantes Statement

Ebenso eindringlich wie Fassbinders Inszenierung sind die dokumentarischen Aufnahmen, die Volker Schlöndorff für den Film von der Trauerfeier und dem Begräbnis Hanns Martin Schleyers sowie der Beisetzung der Stammheimer RAF-Toten gelangen. Sie rücken in ihrer Klarheit die gespenstische Stimmung in greifbare Nähe. Ein Gastronom erzählt, warum er sich aus humanitären Gründen an Gudrun Ensslins Vater wandte, nachdem er gehört hatte, dass sich seine Kollegen weigerten, das Begräbnis-Essen auszurichten. 

Nachdem die Terroristen in billigen Särgen zu Grabe getragen werden, setzt die Schlussmusik des Films ein noch heute provokantes Statement: Es ist die von Joan Baez gesungene Hymne „Here’s To You“, die Ennio Morricone über die zu Unrecht hingerichteten italo-amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti geschrieben hat. Doch auch wenn man die Parallele zum historischen Justizmord nicht teilt, war die zentrale Aussage des Films konsensfähig genug, dem Filmteam ein Bundesfilmband in Gold einzutragen: Begraben wurde nicht weniger als das Vertrauen in die junge Demokratie.

Sieht man die Menge der anwesenden Fotografen bei der Trauerfeier, wird klar, dass es sich nicht allein um Journalisten handeln konnte. Mit immensem Aufwand wurden erkennungsdienstliche Aufnahmen der Teilnehmer erstellt, die erst kürzlich der Öffentlichkeit bekannt wurden. 
Noch bis zum morgigen 3. September zeigt der Fotokünstler und -historiker Arwed Messmer viele bislang unbekannte Dokumente zum RAF-Terrorismus im Essener Folkwang-Museum. Mehrere Jahre arbeitete er in Archiven, um aus vernachlässigten Bildquellen ein neues Bild der Ära zwischen 1967 und dem Herbst 1977 zu generieren.

Die Toten von Stammheim

Geradezu unbeschwert wirkt eines der frühesten Beispiele, eine Serie grellbunter Ganzkörper-Porträts, die ein Polizeifotograf von den teils kostümierten Teilnehmern eines Happenings am 9. August 1967 anfertigte. Am Rande des Berliner Begräbnisses des Widerstandskämpfers Paul Löbel hatten sie die Freilassung des Kommunarden Fritz Teufel gefordert. Neben Rainer Langhans, Dorothea Ridder und Ulrich Enzensberger findet sich auch, in roter Uniformjacke, ein seltenes Bild Andreas Baaders.



Den Toten von Stammheim ist der zentrale Raum der Ausstellung gewidmet. Auch hier irritiert sofort die Farbe: Man kennt einige wenige schwarzweiße Polizeifotos, die seinerzeit an den „Stern“ geleakt wurden, anschließend um die Welt gingen und dem Maler Gerhard Richter als Vorlage zu seinem RAF-Zyklus dienten. Die meisten der durchweg farbig aufgenommenen Bilder blieben jedoch unbekannt, bis Messmer die Originalnegative im Staatsarchiv Ludwigsburg scannte und neue Abzüge herstellte. Nun kann man durch den gesamten Bestand blättern, lediglich die Bilder der Toten und der schwer verletzt überlebenden Möller wurden aus Respekt durch Beschreibungen ersetzt. 

„Es ist nur dem persönlichen Einsatz einzelner Beamter zu danken, dass es viele dieser Bilder noch gibt“, sagt Messmer im Gespräch. „Wenn eine Akte geschlossen wird, verlieren die Beweismittel ihren Wert und werden bald darauf vernichtet. Es sei denn, irgendjemand erkennt die historische Bedeutung.“ 

Während schon damals der Plattenspieler von Andreas Baader das Interesse der „Stern“-Redakteure und Gerhard Richters weckte – er hörte zuletzt Eric Clapton –, lenkt Messmer den Blick nun auf Raspes und Ensslins Musikgeschmack, indem er die entsprechenden Fotos reproduziert. Es verschlägt einem die Sprache: Während Raspe zuletzt Bach hörte, dreht sich auf Ensslins Plattenteller, den der Polizeifotograf diagonal ins Bild setzte, zuletzt Bob Dylans „Desire“-Album. Kurz nach dem Song „Hurricane“, der Hymne an den zu Unrecht wegen Mordes verurteilten Boxer Ruben Carter, liegt die Nadel auf den Rillen. 

Auch eine Reihe von Spielfilmen hat seither die RAF-Geschichte zum Thema gemacht, keiner konnte völlig überzeugen. Christopher Roths „Baader“ (2002) nimmt sich große historische Freiheiten für ein „Biopic“, das dem Porträtierten möglicherweise sogar gefallen hätte – dankbar nimmt er die Selbststilisierung des Terroristen auf, der sich gern in der Tradition von Filmstars wie Jean-Paul Belmondo als Outlaw „außer Atem“ präsentierte. Auch Uli Edel tappt in diese Falle der genretypischen Überhöhung in seinem aufwendigen Geschichtsdrama „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (2009). 

Baaders Porträt hätte ihm gefallen

Seriöser, doch mitunter etwas hölzern geriet Andres Veiels Dramatisierung der Vorgeschichte des RAF-Terrorismus im Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ (2011). Außer den historischen Bilddokumenten selbst bieten einige Interviewfilme den besten filmischen Zugang zum Thema. Neben Andres Veiels minutiöser Aufarbeitung des Herrhausen-Attentats („Black Box BRD“, 2001), verdient besonders „Die Anwälte“ Beachtung, den Birgit Schulz 2009 fertig stellte. Die Selbstäußerungen der ehemaligen RAF-Anwälte, die später in die Politik gingen, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele sowie des heutigen Neonazis Horst Mahler, überbrücken Jahrzehnte – und erklären besser als viele Essays, weshalb der RAF-Terror die Mentalitätsgeschichte der Deutschen bis heute beeinflusst. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier RAF

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