Lade Inhalte...

RAF „Die Regelverletzung wurde zum System“

18. Oktober 1977: Die RAF ermordet Hanns Martin Schleyer, in Stammheim begehen die angeklagten Terroristen Suizid. Ein Gespräch mit Stefan Aust.

Justizanstalt Stammheim
Hochsicherheitstrakt und Gerichtssaal (r.) in Stuttgart-Stammheim, hier auf einem Foto vom 14. Oktober 1997. Foto: dpa

Das änderte sich während ihrer Gefängniszeit?
Es gab zunächst Isolationshaft. Die Menschen beschäftigten sich nun auf einmal mit Haftbedingungen. Die RAF-Mitglieder waren plötzlich wieder die Opfer und die Sympathie für sie nahm zu. Wer im Knast sitzt, ist ein bisschen Opfer. Die nächste RAF-Generation ist durch die Haftbedingungen und den Prozess erst geschaffen worden. Es waren die Helfer von den Rechtsanwälten, die zum ersten Mal Kontakt zum Gefängnis hatten.

Und welche Rolle spielten die Medien?
Terrorismus ist immer Propaganda mit echten Toten. Dieser doppelten Problematik kann man sich nicht entziehen. Als Journalist muss man sich eingestehen, dass man in gewissem Sinne auch benutzt worden ist und den Terroristen eine Bedeutung gegeben hat, die sie sonst nicht gehabt hätten. Aber die Alternative wäre Verschweigen. Das geht auch nicht.

Gibt es denn einen Vergleich zwischen dem Deutschen Herbst und Nine-Eleven in den USA, was die Wirkung auf die Gesellschaft angeht?
Der Deutsche Herbst hat schon in der kollektiven Erinnerung ähnliche Spuren hinterlassen wie Nine-Eleven bei den Amerikanern. Mit einem Unterschied: die deutsche Regierung hat einmal Gewalt angewendet, als sie die Passagiere der Landshut befreit hat, was mit dem Einsatz der GSG 9 glücklich ausgegangen ist. Die Amerikaner haben Rache geübt. Und ein Sprichwort sagt: Wer auf Rache sinnt, sollte gleich zwei Gräber ausheben. Der Krieg der USA dauert heute noch an.

Hatten Sie selbst Sympathie für die Ideen der RAF?
Nein, überhaupt nicht. Ich war von Anfang so nah dran und hatte so viel Einblick, dass ich nie eine Spur Sympathie für den Terrorismus empfunden habe. Mein Aufenthalt in Amerika gab mir einen Vorgeschmack für das, was da rauskommen konnte. Die Zeile des „Spiegel“-Artikels von damals: „Der Kampf der 6 gegen 6 Millionen“ von Heinrich Böll, habe ich für absurd gehalten. Das war kein Krieg, sondern eine wahnwitzige Mord- und Selbstmordaktion der RAF.

Gab es für Sie selbst eine gefährliche Situation?
Baader und Mahler wollten mich mal erschießen, das war haarscharf. Dann gab es sehr viel später, als ich mit Bernd Eichinger der RAF-Film gemacht habe, einen Anschlag auf unser Haus mit Farbeimern und Steinen, die vor dem Bett meiner Kinder gelandet sind. Das war schon sehr unangenehm.

Wer die RAF verstehen will, muss „Moby Dick“ lesen.
Gudrun Ensslin hatte sich die Decknamen für die RAF ausgedacht, um im Gefängnis die Postüberwacher in die Irre zu leiten. Und fast alle Namen entlehnte sie Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. Der dämonische, monomanisch-rasende Kapitän „Ahab“ stand für Baader, „Starbuck“ für Holger Meins, „Zimmermann“ für Jan-Carl Raspe, „Quiqueg“ für Gerhard Müller, „Bildad“ für Horst Mahler, „Smutje“ für Ensslin selbst.

Der Wal Moby Dick ist im Buch eine Parabel?
Ja, ein chiffrenhafter Symbolkomplex, der hier noch einmal als Chiffre eingesetzt wird. Der Wal ist der Leviathan, und der Leviathan ist das Sinnbild für den Staat, wie der Philosoph Thomas Hobbes ihn in seiner Theorie konzipierte. Die RAF wollte diese Pappmaske der trügerischen Erscheinungswelt zerschlagen. Leider nicht im Roman sondern in der Wirklichkeit.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen