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RAF „Die Regelverletzung wurde zum System“

18. Oktober 1977: Die RAF ermordet Hanns Martin Schleyer, in Stammheim begehen die angeklagten Terroristen Suizid. Ein Gespräch mit Stefan Aust.

Justizanstalt Stammheim
Hochsicherheitstrakt und Gerichtssaal (r.) in Stuttgart-Stammheim, hier auf einem Foto vom 14. Oktober 1997. Foto: dpa

Letztlich endete es dennoch im kollektiven Selbstmord. Glauben Sie an die verbreitete Mordthese, der Staat habe die RAF-Terroristen getötet?
Nein, ich bin nie davon ausgegangen, dass sie ermordet worden sind, das ist völliger Quatsch. Es gab viele Anzeichen dafür, dass sei selbstmordgefährdet waren. Das haben sie ja auch selbst gesagt. Man muss halt wissen, dass Terrorismus immer eine suizidale Komponente hat. Die RAF-Mitglieder haben in ihren Briefen oft Bertolt Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“ zitiert: „Furchtbar ist es, zu töten, aber nicht andere nur, auch uns töten wir.“ Wenn man das mit dem islamistischen Terrorismus vergleicht, gibt es hier Parallelen. Hungerstreik, den eigenen Körper zur Waffe machen, sich selbst zu opfern. Das spielt immer eine große Rolle.

War die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut ein Bruch in den Zielen der RAF?
Das war erst der zweite Schritt, der erste war die Entführung von Hanns Martin Schleyer. Zuvor hatte die Bewegung 2. Juni den Politiker Peter Lorenz entführt, um andere Mitglieder freizupressen. Sie haben es in dem Fall nicht überreizt, unter den Freigepressten war kein einziger, der wegen Mordes angeklagt war. Die Schwelle für den Staat, hier nachzugeben, war nicht so hoch. Die RAF hat allerdings mit der Entführung von Schleyer diese Schwelle zu hoch gesetzt, der Staat konnte nicht darauf reagieren, weil ja in den Monaten zuvor Ponto und Buback von der RAF getötet worden waren. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte gar keine andere Wahl, als sich nicht darauf einzulassen. Die Palästinenser haben die Maschine Landshut in Eigenregie entführt. Das haben sie nur mit der RAF abgestimmt. Diese Aktion hat allerdings die Grenzen dessen massiv verschoben, was die RAF sich einmal zum Ziel gesetzt hatte.

Die Reaktion der Bundesregierung war richtig?
Ich glaube, die Bundesregierung konnte sich nicht auf die Forderungen einlassen, es war vorher zu viel passiert.

Wie wirkte die RAF in die Öffentlichkeit – gab es eine Anziehungskraft?
Es gab unterschiedliche Phasen. Am Anfang, als die RAF nur Banken überfallen hatte, gab es noch eine Menge Sympathien im Umfeld der Studentenbewegung und in linke Kreise hinein. Das nahm zu, als Petra Schelm bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde. Das änderte sich jedoch, als es etwa nach dem Bombenanschlag im Springer-Haus viele Verletzte gab, darunter auch einige Schwerverletzte. Ulrike Meinhof wurde bei Polizei später ja auch von einem Linken verraten, das zeigt, dass die Unterstützung sehr nachließ.

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