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RAF „Die Regelverletzung wurde zum System“

18. Oktober 1977: Die RAF ermordet Hanns Martin Schleyer, in Stammheim begehen die angeklagten Terroristen Suizid. Ein Gespräch mit Stefan Aust.

Justizanstalt Stammheim
Hochsicherheitstrakt und Gerichtssaal (r.) in Stuttgart-Stammheim, hier auf einem Foto vom 14. Oktober 1997. Foto: dpa

Gab es Vorbilder der Radikalisierung?
Es war der Versuch, den Krieg gegen die Amerikaner, gegen den Vietnam-Krieg, gegen den Kapitalismus in die Metropolen zu treiben. Die ersten Anschläge galten amerikanischen Institutionen in Deutschland. Ich war drei Jahre bei „Konkret“ und bin dann für ein halbes Jahr nach Amerika gegangen und habe dort die Anfänge der gewalttätigen Bewegungen miterlebt. Ich war in San Francisco und habe die Black-Panther-Bewegung kennengelernt und genau angeschaut, wie sich die Bewaffnung vollzog und was die Folgen davon waren. Ich war im Sommer 69 in New York und bin in eine der Gründungsveranstaltungen der „Weathermen“ gegangen. Es war ein kleiner Kreis und habe mich zu Wort gemeldet und gesagt: Wenn ihr nachmacht, was die Black Panther gemacht haben, wird es euch so ergehen, wie ihnen, ihr werdet Menschen erschießen oder ihr werdet erschossen. Als ich dann zurückkam und es mit der RAF langsam losging, hatte ich eine gewisse Vorerfahrung aus der amerikanischen Entwicklung.

War es einfach, Terrorist der RAF zu werden?
Es wäre sehr leicht gewesen. Man muss ja nur in den Untergrund gehen. Es spielten bei vielen Leuten Zufälle eine Rolle, sie waren zur falschen Zeit an der falschen Stelle. Ulrike Meinhof war bei der Baader-Befreiung beteiligt, aber es war eigentlich nicht geplant gewesen, dass sie aus dem Fenster springt und mit in den Untergrund geht. Es war eine Entscheidung von dem Bruchteil einer Sekunde. So erging es auch anderen. Man benötigte natürlich eine gewisse Mentalität, um mit seinem vorherigen Leben zu brechen, mit seiner Familie oder seinen Kindern. Das haben auch nicht so viele gemacht.

Wie waren die RAF-Mitglieder?
Ich habe Andreas Baader und Gudrun Ensslin nie kennengelernt. Aber Ulrike Meinhof hat sicher eine gewisse Ähnlichkeit mit Ensslin gehabt, weil beide einen sehr starken evangelischen Hintergrund hatten. Wie Vater Ensslin mal gesagt hat, als er auf das Kaufhaus-Attentat und die Rolle seiner Tochter gesprochen hat: Er hat von einer „ganz heiligen Selbstverwirklichung im Sinne des heiligen Menschentums“ gesprochen. Das heißt, es war immer eine sehr stark religiöse Komponente in der Geschichte. Hier hatten Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin eine starke Gemeinsamkeit. Gudrun Ensslin war die entschiedene, die von Ulrike Meinhof bewundert wurde, während Andreas Baader auch Gangster hätte werden können.

Wenn wir nun zum Deutschen Herbst 1977 schwenken. Wie waren die Haftbedingungen für die RAF-Mitglieder Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe?
Zu Beginn waren die Bedingungen sicherlich schlechter als dann in Stuttgart-Stammheim. Untersuchungshaft ist nie ein Vergnügen. Bei der RAF hat sie sehr, sehr lange gedauert. Sie hat 1972 angefangen und 1977 war das Urteil immer noch nicht rechtskräftig. Das ist eine lange Zeit.

Und wie war die Situation für die Gefangenen in den Zellen?
Sie verlangten von den RAF-Mitgliedern draußen, befreit zu werden. Sie drohten sogar damit, den Nachfolgegruppen den Namen RAF zu entziehen. Die RAF-Gruppen draußen waren zwar selbstständig und konnten Entscheidungen fällen, Abläufe absprechen, Morde und Entführungen planen. Doch der Wunsch der Insassen von Stammheim war ihnen Befehl.

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