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RAF „Die Regelverletzung wurde zum System“

18. Oktober 1977: Die RAF ermordet Hanns Martin Schleyer, in Stammheim begehen die angeklagten Terroristen Suizid. Ein Gespräch mit Stefan Aust.

Justizanstalt Stammheim
Hochsicherheitstrakt und Gerichtssaal (r.) in Stuttgart-Stammheim, hier auf einem Foto vom 14. Oktober 1997. Foto: dpa

Herr Aust, Sie haben mit dem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ das bedeutendste Buch über die RAF geschrieben. Wie nah waren Sie an der RAF dran?
Ich habe mich in den letzten Monaten hingesetzt und das Buch um gut 100 Seiten erweitert und autobiographische Kapitel eingebaut, in denen ich erkläre, wie ich mit denen in Berührung gekommen bin. Ich komme aus Stade, einer Kleinstadt in Norddeutschland. Auf der Schule habe ich mit dem jüngeren Bruder von Klaus Rainer Röhl, dem Herausgeber von „Konkret“, die Schülerzeitung gemacht. Er war auch dort zur Schule gegangen und war der Ehemann von Ulrike Meinhof. Deswegen kannte ich sowohl Klaus Rainer Röhl als auch Ulrike Meinhof, als ich noch zur Schule ging. Da Röhl die Schülerzeitung interessant fand, hat er mich nach dem Abitur gefragt, ob ich nicht bei „Konkret“ anfangen wollte. Also habe ich 1966 bei „Konkret“ angefangen, zur Zeit des Beginns der Studentenbewegung. So war ich sehr nahe dran an den politischen Bewegungen der Zeit und habe nicht nur Ulrike Meinhof kennengelernt, sondern auch Rudi Dutschke, Horst Mahler, Otto Schily, Jan-Karl Raspe. Dadurch hatte ich viele Vorabinformationen, obwohl ich zu der Zeit zu einem linken Monatsmagazin gegangen bin, weil ich Zeitung machen wollte und nicht, weil ich besonders links gewesen wäre. Ich war immer der Meinung, dass es gut ist, dass es eine solche Zeitschrift gibt, ich aber nicht alles gut finden muss, was da drinsteht.

Wie war der Schritt von der Studentenbewegung hin zur RAF?
Das war ein langsamer Prozess. Das erste war eine außerparlamentarische Opposition, eine Opposition von links, so wie wir – zumindest bis zur Bundestagswahl – eine rechte APO haben. Obwohl das inhaltlich ja nicht zu vergleichen ist: Es war eine Opposition gegen den Vietnam-Krieg, gegen das Verschweigen der Nazi-Vergangenheit. Es gab damals noch viele Nazis in Schulen oder der Justiz. Zudem gab es eine große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger – und große Koalitionen haben immer die Eigenschaft, dass sich am Rand Radikalisierungen bilden, wie auch jetzt. Kiesinger war der erste und letzte Bundeskanzler, der Mitglied der NSDAP gewesen war. Der Vietnam-Krieg spielte eine ungeheure Rolle, weil die bei uns bis dahin als Helden geltenden Amerikaner ihren Sündenfall erlebten – und wir erlebten ihn mit. Um überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen, hat man Demonstrationen nicht dort gemacht, wo die Polizei sie zugelassen hatte, sondern dort, wo sie diese nicht zugelassen hatte. Wie Peter Schneider einmal gesagt hatte: Wir mussten erst einmal den Rasen betreten, dessen Betreten verboten war, um überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen. Die Regelverletzung wurde zum System. Und von ihr bis zur Anwendung von Gewalt ist ein schrittweiser Eskalationsprozess. So bildete sich schon während der Studentenbewegung so etwas wie eine Gewaltmentalität heran. Und als die Studentenbewegung wieder abflaute, haben einige versucht, die Fackel des Protestes buchstäblich weiterzutragen, indem sie angefangen haben, Feuer zu legen und Bomben zu werfen. Eine Entwicklung, die es in vielen Ländern gegeben hat – am radikalsten in solchen Staaten, die eine faschistische Vergangenheit hatten: Japan, Italien und  Deutschland.

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