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RAF „Die RAF-Häftlinge waren schwer gezeichnet“

Der Mediziner und Buchautor Walter Möbius spricht in der FR über seine Erfahrungen mit den RAF-Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim.

Stammheim
Die RAF-Häftlinge saßen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim ein. Foto: imago

Haben Sie sich angesichts der Bereitschaft der RAF-Häftlinge zum eigenen Tod gefragt, ob Sie diese Willenserklärung nicht akzeptieren müssten?
Ich habe als Arzt in einer psychiatrischen Klinik in fast jedem Nachtdienst Suizidversuche erlebt. Die meisten waren abnorme, überschießende Reaktionen auf – wie auch immer geartete – Erlebnisse. Von schlechten Schulnoten über Liebeskummer, die Insolvenz der Firma bis zur Mitteilung einer tödlichen Krankheit. Die Spannbreite ist riesig. In der akuten Situation meinen die meisten es ernst mit ihrer Suizidabsicht. Retrospektiv sagen fast ebenso viele, „bloß gut, dass es nicht geklappt hat.“ Für welche Sicht entscheiden Sie sich dann als Arzt? Ich glaube, der Arzt muss dem Leben verpflichtet bleiben.

Bei den Stammheimern war es aber doch klar ein politisches Manifest.
Diese „Klarheit“ sehe ich nicht. Es ist eine höchst komplizierte Frage, was da psychopathologisch passiert ist – im Zusammenspiel von Hungerstreik und massiver Gewichtsabnahme mit schwersten Mangelerscheinungen, Isolation, Schlaflosigkeit, Stress und Drogen, mit denen die RAF-Leute heftigst hantiert haben. Ich will damit nichts entschuldigen, aber es ist ein Co-Faktor, der für das Verstehen wichtig ist. Das ist meines Wissens nie öffentlich diskutiert worden. Dabei liegt die Frage angesichts der Umstände sehr nahe.

Ist die naheliegendste Erklärung nicht die Todesverachtung von Terroristen, die eigentlich eine Lebensverachtung ist – die Verachtung des Lebens ihrer Opfer, aber auch des eigenen Lebens?
Es gibt offenbar in der genetischen Disposition des Menschen eine Alles-oder-nichts-Logik. Sie verbindet fundamentalistische Gewalttäter mit Suchtkranken. Wir haben uns daran gewöhnt, die Ursachen in der Umwelt zu suchen: in der Erziehung,  der Familie, frühkindlichen Traumata. Vielleicht müssen wir hier eine Kombination aus genetischer Disposition und Umwelteinflüssen berücksichtigen. So haben Forschungen an den Gehirnen von Massenmördern auffällige Gemeinsamkeiten ergeben. Sie könnten die mörderisch-selbstmörderische Entschlossenheit von Terroristen „bis zum Letzten“ biologisch erklären helfen. Mag sein, dass das müßig ist. Aber wir könnten im Fall inhaftierter islamistischer Terroristen viel schneller mit dem Thema wieder konfrontiert sein, als uns lieb ist.

Was ist Ihre Schlussfolgerung?
Dass wir uns vorbereiten müssen – nicht erst dann, wenn irgendwann die ersten Selbstmordattentäter gefasst und eingesperrt werden, sondern schon vorher. Wir brauchen eine intensive Betreuung des Personals im Justizvollzug. Wir brauchen vielleicht auch eigene Ethik-Kommissionen, die die Justiz beraten. Es wird darauf hinauslaufen, dass man solche U-Häftlinge oder Strafgefangene Tag und Nacht beobachtet. Heute hat man dafür technische Möglichkeiten, die es in den siebziger Jahren noch nicht gab. Etwa mit Hilfe von Wärmebild- oder Infrarot-Kameras, die nachts auf verdächtige Bewegungen reagieren. Ich hielte das unter den gegebenen Umständen für eine legale Überwachungsmethode. Wir können es als Gesellschaft ja nicht zulassen, dass ein Mensch gewaltsam zu Tod kommt, der in Gewahrsam des Staates ist. Unabhängig davon, was er sich vorher hat zuschulden kommen lassen. Jedenfalls rate ich dringend dazu, dass wir als Gesellschaft über solche Fragen sprechen. Sonst holen sie uns ein und überfallen uns in Momenten, in denen wir unfähig sind, vernünftig zu reagieren.

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