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RAF „Die RAF-Häftlinge waren schwer gezeichnet“

Der Mediziner und Buchautor Walter Möbius spricht in der FR über seine Erfahrungen mit den RAF-Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim.

Stammheim
Die RAF-Häftlinge saßen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim ein. Foto: imago

Wie haben Sie sie erlebt?
Die Häftlinge waren von ihren wiederholten Hungerstreiks schwer gezeichnet. Körperlich am besten ging es noch Andreas Baader. Aber die anderen beiden waren völlig entkräftet. Trotzdem hat Ensslin mich teils unflätig beschimpft. „Ihr seid alle Schweine! Ihr steckt alle unter einer Decke!“ Das war eine traumatische Erfahrung.

Inwiefern?
Weil ich überhaupt keine Möglichkeit hatte, mit ihnen in einen Arzt-Patient-Kontakt zu kommen. Für den Arzt ist das Gespräch mit seinem Patienten ja der entscheidende Ausgangspunkt für alles, was dann in der Behandlung passiert. Und normalerweise verbindet Patient und Arzt ein gemeinsames Interesse: Der Patient sucht Hilfe. Der Arzt möchte ihm helfen. In diesem Fall aber war es mir nicht möglich, den Häftlingen in irgendeiner Form zu bedeuten, dass ich ihnen helfen wollte. Das habe ich als besonders belastend empfunden.

Es gab nie so eine Art umgekehrtes Wetterleuchten – ein Aufflackern von Lebenswille oder Dankbarkeit für Ihr Wirken als Arzt?
Nein, die waren komplett zu.

Wie waren denn die Reaktionen draußen?
Die Bevölkerung war mehrheitlich der Meinung: „Wenn die sich zu Tode hungern wollen, umso besser! Lasst sie doch!“ Umgekehrt hatte ich nach dem Tod der Stammheimer Probleme mit unseren Intensivschwestern in der Uniklinik, weil die den Verdacht hatten, wir Ärzte hätten uns als Komplizen für ein staatliches Mordkomplott hergegeben. Das war eine Art von Mobbing, die mich in meinem Ethos als Arzt, aber auch rein menschlich ungeheuer getroffen hat – auch das eine traumatische Erfahrung, wie ich später gemerkt habe.

Woran?
Ich hatte über lange Zeit einen immer wiederkehrenden Alptraum: Ich stand als Angeklagter vor Gericht, und der Richter brüllte und schrie auf mich ein. Als wäre ich selbst einer von den Terroristen.

Tatsächlich gehören Sie selbst zur Generation der 68er. Hatten Sie Sympathien für die RAF?
Viele Motive der RAF habe ich geteilt, die Methoden auf keinen Fall. Ich habe ihren Weg in den Terror ja mitverfolgt. Schon bei den gewaltsamen Befreiungsaktionen, erst recht dann bei den Mordanschlägen war es für mich vorbei mit der Sympathie. Gewalt lehne ich kategorisch ab. Mein Berufsethos als Arzt verpflichtet mich auf den Schutz des Lebens. Trotzdem war auch ich davon überzeugt, dass sich einiges ändern müsste in der deutschen Gesellschaft. Und wäre ich jünger gewesen, hätte ich mir sehr wohl vorstellen können, dabei intensiver mitzumischen. Verkrustete Strukturen, zum Teil Überbleibsel des autoritären Nazi-Dünkels, gaben damals berechtigten Anlass zu Protesten. Heute müssen uns Aufflackern und Verbreitung völkisch-rassistischen Gedankenguts aufschrecken.

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