Lade Inhalte...

RAF „Die RAF-Häftlinge waren schwer gezeichnet“

Der Mediziner und Buchautor Walter Möbius spricht in der FR über seine Erfahrungen mit den RAF-Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim.

Stammheim
Die RAF-Häftlinge saßen in der Justizvollzugsanstalt Stammheim ein. Foto: imago

Professor Möbius, Sie haben die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen behandelt. Wie kam es dazu?
Ich hatte mich als junger Assistenzarzt bereiterklärt, mit anderen Kollegen einen Reihum-Notdienst der baden-württembergischen Unikliniken zu übernehmen. Die Politik wollte um jeden Preis verhindern, dass einer der Häftlinge sich zu Tode hungerte wie 1974 Holger Meins. Manche meiner ärztlichen Kollegen sprachen sich daher für eine Zwangsernährung aus. Aber führen Sie einmal jemandem gegen seinen Willen und mit aggressiver Gegenwehr eine Magensonde ein. Das ist wirklich eine Tortur mit brachialer Gewaltanwendung und obendrein hoch riskant. Es kann zu Perforationen und Blutungen kommen. Der Magenschlauch droht bei Widerstand des Patienten in die Luftröhre zu gelangen – mit verhängnisvollen Komplikationen.

Sie waren also dagegen?
Für mein persönliches Handeln als Arzt habe ich einen solchen Zwang ausgeschlossen, ohne mich sonderlich um die juristischen Fragen zu kümmern oder um das Propaganda-Getrommel der RAF-Anwälte, die sagten: „Zwangsernährung ist Folter.“ In Wahrheit, muss man sagen, ist sie das auch. Ich habe unzählige Endoskopien gemacht. Ich weiß, wovon ich rede. Und jeder, der einmal eine Magenspiegelung bekommen hat, auch. Mir war damals eines klar: „Keine Macht der Welt kann mich dazu bringen. Aber ich tue alles medizinisch Notwendige, wenn die Patienten bewusstlos, in einem Schockzustand oder in akuter Lebensgefahr sind.“ Mein Vorschlag war, eine Infusion mit Nährlösung zu legen, wenn einer der Patienten vor Entkräftung bewusstlos werden würde. Infusionen sind risikoarm, auf längere Sicht aber dennoch ein schwieriges Unterfangen, wenn ein Patient grundsätzlich und erklärtermaßen nicht kooperieren will.

Haben Sie sich nicht als Werkzeug einer Politik gefühlt, die alles andere im Sinn hatte als die Gesundheit dieser Menschen?
Um das Patientenwohl ging es niemandem. Die Politik wollte nur eine Märtyrer-Geschichte vermeiden, die zu neuen Attacken auf den Staat Anlass gegeben hätte. Den Häftlingen selbst aber ging es ebenso wenig um ihre Gesundheit. Sie wollten mit allen Mitteln verhindern, dass sie kraft einer neuen Gesetzeslage voneinander getrennt und in verschiedene Haftanstalten verlegt würden.

Gab es Anzeichen für eine Suizid-Absicht?
Wiederholt, auch schon vor der Schleyer-Entführung. Wir Ärzte sprechen vom „ersten Wetterleuchten“ als Frühwarnzeichen, dass ein Mensch sich aufgibt und mit dem Gedanken an Selbstmord trägt. Das ist für alle in seiner Umgebung, auch für den behandelnden Arzt etwas ganz Schlimmes. Ich habe damals lange mit Helmut Henck gesprochen, dem Anstaltsarzt in Stammheim. Er sagte: „Meine größte Sorge ist, dass hier irgendwann eine Katastrophe passiert.“ Henck hat sich aus medizinischen und ethischen Gründen für Hafterleichterungen eingesetzt. Rückschauend, so hat er mir es später erzählt, habe er sich eingestehen müssen, dass die Stammheimer ihn lediglich ausgenutzt haben.

Wie haben Sie sie erlebt?
Die Häftlinge waren von ihren wiederholten Hungerstreiks schwer gezeichnet. Körperlich am besten ging es noch Andreas Baader. Aber die anderen beiden waren völlig entkräftet. Trotzdem hat Ensslin mich teils unflätig beschimpft. „Ihr seid alle Schweine! Ihr steckt alle unter einer Decke!“ Das war eine traumatische Erfahrung.

Inwiefern?
Weil ich überhaupt keine Möglichkeit hatte, mit ihnen in einen Arzt-Patient-Kontakt zu kommen. Für den Arzt ist das Gespräch mit seinem Patienten ja der entscheidende Ausgangspunkt für alles, was dann in der Behandlung passiert. Und normalerweise verbindet Patient und Arzt ein gemeinsames Interesse: Der Patient sucht Hilfe. Der Arzt möchte ihm helfen. In diesem Fall aber war es mir nicht möglich, den Häftlingen in irgendeiner Form zu bedeuten, dass ich ihnen helfen wollte. Das habe ich als besonders belastend empfunden.

Es gab nie so eine Art umgekehrtes Wetterleuchten – ein Aufflackern von Lebenswille oder Dankbarkeit für Ihr Wirken als Arzt?
Nein, die waren komplett zu.

Wie waren denn die Reaktionen draußen?
Die Bevölkerung war mehrheitlich der Meinung: „Wenn die sich zu Tode hungern wollen, umso besser! Lasst sie doch!“ Umgekehrt hatte ich nach dem Tod der Stammheimer Probleme mit unseren Intensivschwestern in der Uniklinik, weil die den Verdacht hatten, wir Ärzte hätten uns als Komplizen für ein staatliches Mordkomplott hergegeben. Das war eine Art von Mobbing, die mich in meinem Ethos als Arzt, aber auch rein menschlich ungeheuer getroffen hat – auch das eine traumatische Erfahrung, wie ich später gemerkt habe.

Woran?
Ich hatte über lange Zeit einen immer wiederkehrenden Alptraum: Ich stand als Angeklagter vor Gericht, und der Richter brüllte und schrie auf mich ein. Als wäre ich selbst einer von den Terroristen.

Tatsächlich gehören Sie selbst zur Generation der 68er. Hatten Sie Sympathien für die RAF?
Viele Motive der RAF habe ich geteilt, die Methoden auf keinen Fall. Ich habe ihren Weg in den Terror ja mitverfolgt. Schon bei den gewaltsamen Befreiungsaktionen, erst recht dann bei den Mordanschlägen war es für mich vorbei mit der Sympathie. Gewalt lehne ich kategorisch ab. Mein Berufsethos als Arzt verpflichtet mich auf den Schutz des Lebens. Trotzdem war auch ich davon überzeugt, dass sich einiges ändern müsste in der deutschen Gesellschaft. Und wäre ich jünger gewesen, hätte ich mir sehr wohl vorstellen können, dabei intensiver mitzumischen. Verkrustete Strukturen, zum Teil Überbleibsel des autoritären Nazi-Dünkels, gaben damals berechtigten Anlass zu Protesten. Heute müssen uns Aufflackern und Verbreitung völkisch-rassistischen Gedankenguts aufschrecken.

Haben Sie sich angesichts der Bereitschaft der RAF-Häftlinge zum eigenen Tod gefragt, ob Sie diese Willenserklärung nicht akzeptieren müssten?
Ich habe als Arzt in einer psychiatrischen Klinik in fast jedem Nachtdienst Suizidversuche erlebt. Die meisten waren abnorme, überschießende Reaktionen auf – wie auch immer geartete – Erlebnisse. Von schlechten Schulnoten über Liebeskummer, die Insolvenz der Firma bis zur Mitteilung einer tödlichen Krankheit. Die Spannbreite ist riesig. In der akuten Situation meinen die meisten es ernst mit ihrer Suizidabsicht. Retrospektiv sagen fast ebenso viele, „bloß gut, dass es nicht geklappt hat.“ Für welche Sicht entscheiden Sie sich dann als Arzt? Ich glaube, der Arzt muss dem Leben verpflichtet bleiben.

Bei den Stammheimern war es aber doch klar ein politisches Manifest.
Diese „Klarheit“ sehe ich nicht. Es ist eine höchst komplizierte Frage, was da psychopathologisch passiert ist – im Zusammenspiel von Hungerstreik und massiver Gewichtsabnahme mit schwersten Mangelerscheinungen, Isolation, Schlaflosigkeit, Stress und Drogen, mit denen die RAF-Leute heftigst hantiert haben. Ich will damit nichts entschuldigen, aber es ist ein Co-Faktor, der für das Verstehen wichtig ist. Das ist meines Wissens nie öffentlich diskutiert worden. Dabei liegt die Frage angesichts der Umstände sehr nahe.

Ist die naheliegendste Erklärung nicht die Todesverachtung von Terroristen, die eigentlich eine Lebensverachtung ist – die Verachtung des Lebens ihrer Opfer, aber auch des eigenen Lebens?
Es gibt offenbar in der genetischen Disposition des Menschen eine Alles-oder-nichts-Logik. Sie verbindet fundamentalistische Gewalttäter mit Suchtkranken. Wir haben uns daran gewöhnt, die Ursachen in der Umwelt zu suchen: in der Erziehung,  der Familie, frühkindlichen Traumata. Vielleicht müssen wir hier eine Kombination aus genetischer Disposition und Umwelteinflüssen berücksichtigen. So haben Forschungen an den Gehirnen von Massenmördern auffällige Gemeinsamkeiten ergeben. Sie könnten die mörderisch-selbstmörderische Entschlossenheit von Terroristen „bis zum Letzten“ biologisch erklären helfen. Mag sein, dass das müßig ist. Aber wir könnten im Fall inhaftierter islamistischer Terroristen viel schneller mit dem Thema wieder konfrontiert sein, als uns lieb ist.

Was ist Ihre Schlussfolgerung?
Dass wir uns vorbereiten müssen – nicht erst dann, wenn irgendwann die ersten Selbstmordattentäter gefasst und eingesperrt werden, sondern schon vorher. Wir brauchen eine intensive Betreuung des Personals im Justizvollzug. Wir brauchen vielleicht auch eigene Ethik-Kommissionen, die die Justiz beraten. Es wird darauf hinauslaufen, dass man solche U-Häftlinge oder Strafgefangene Tag und Nacht beobachtet. Heute hat man dafür technische Möglichkeiten, die es in den siebziger Jahren noch nicht gab. Etwa mit Hilfe von Wärmebild- oder Infrarot-Kameras, die nachts auf verdächtige Bewegungen reagieren. Ich hielte das unter den gegebenen Umständen für eine legale Überwachungsmethode. Wir können es als Gesellschaft ja nicht zulassen, dass ein Mensch gewaltsam zu Tod kommt, der in Gewahrsam des Staates ist. Unabhängig davon, was er sich vorher hat zuschulden kommen lassen. Jedenfalls rate ich dringend dazu, dass wir als Gesellschaft über solche Fragen sprechen. Sonst holen sie uns ein und überfallen uns in Momenten, in denen wir unfähig sind, vernünftig zu reagieren.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen