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Krisenregie

Johannes Schaaf suspendiert sich als Codirektor des Schauspiels

01.01.2002 00:01
Helmut Schmitz

FRANKFURT A. M. Johannes Schaaf, Regisseur am Schauspiel Frankfurt und Mitglied von dessen Dreierdirektorium, hat sich von letzterer Funktion bis zum 4. April suspendieren lassen, dem Premierentermin für den von ihm inszenierten 'Kirschgarten'. Vorausgegangen war diesem Entschluß eine Vollversammlung von Schauspiel Frankfurt. Auf ihr wurde abermals einhellig eine Polizeiaktion Ende letzter Woche 'unverhältnismäßiger Gewaltanwendung' geziehen. Sie war gegen zahlreiche Demonstranten gerichtet, die in der Pause von 'Iphigenie' mit Billigung Schaafs von der Bühne des Schauspiels aus einen Protest gegen die Haftbedingungen im Hungerstreik befindlicher 'politischer Gefangener' verlesen hatten und hernach ins Foyer gezogen waren, um sich häuslich niederzulassen. Von dort entfernte sie die Polizei auf Grund eines gemeinsamen Eingreifens von Kulturdezernent Hoffmann und Oberbürgermeister Wallmann, die das Hausrecht ('städtische Bühnen') an sich zogen.

Im Gegensatz zu seinen Kodirektoren Eos Schopohl und Wilfried Minks wollte Schaaf sich dem Protest des Ensembles gegen diese Räumung mittels Polizeieinsatz sowie darüber hinaus der Solidarisierung mit den Forderungen der Demonstranten nicht anschließen. Dies kritisierte die Vollversammlung, sprach Johannes Schaaf gleichwohl aber - dazu angeregt vom anwesenden Kulturdezernenten - am späten Dienstagabend mit großer Mehrheit das Vertrauen aus.

Die Begründung der zeitlich begrenzten Demission (Probenurlaub) Schaafs vom Direktorium wird allgemein als Kompromiß eingeschätzt. Dieser jüngste Konflikt in einer langen Kette voraufgegangener wird - sollte er nicht tragfähig sein, was Hoffmann selbst nicht mehr zu glauben scheint - den Kulturdezernenten nun dazu veranlassen, 'nach einer radikalen Lösung' Ausschau zu halten. Die Frankfurter Bevölkerung, so erklärte er dazu der FR weiter, habe Anspruch auf funktionierendes und 'gutes Theater'.

Auf diese Weise das gegenwärtig von Schauspiel Frankfurt veranstaltete als schlechtes Theater apostrophierend, mochte sich Hoffmann noch weitergehend zu der angepeilten 'radikalen Lösung' offiziell nicht näher äußern. Eine Entscheidung immerhin müsse - so oder so - wohl 'in den nächsten zehn Tagen' fallen. Augenscheinlich sieht der Kulturdezernent nunmehr weder Dreierdirektorium noch Mitbestimmung als unverzichtbar an.

Die Erklärung des Frankfurter Schauspielensembles lautet:

Am 21. 3. 81 hat eine Gruppe junger Leute die Gelegenheit einer Aufführung des Schauspiels Frankfurt benutzt, um eine Menschenrechtsforderung zu stellen, mit der wir uns solidarisieren möchten: Erleichterung der Haftbedingungen für die politischen Gefangenen, die seit sechs Wochen im Hungerstreik stehen. Einige von ihnen sind jetzt in Lebensgefahr.

Die Gruppe von zwanzig bis dreißig jungen Leuten hat sich ruhig und diszipliniert verhalten. Sie wollten über Nacht im Haus ausharren, um am nächsten Tag die Öffentlichkeit über ihr Anliegen weiter zu informieren und danach das Haus verlassen.

In den frühen Morgenstunden des 22. März 1981 ist mit unverhältnismäßiger Gewaltanwendung das Theater polizeilich geräumt worden. Das Hausrecht wurde der Theaterleitung durch die städtischen Behörden weggenommen. Das Ensemble des Schauspiels Frankfurt protestiert gegen die gewaltsame Räumung des Theaters.

FR vom 26. März 1981

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