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Ingrid Schubert erhängte sich

Neuer Selbstmord innerhalb der "Rote Armee Fraktion"

06.12.2002 15:12
unserem Korrespondenten Rudolf Großkopff

MÜNCHEN. Knapp vier Wochen nach den Selbstmorden von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stuttgart-Stammheim wurde am Wochenende ein weiteres Mitglied des 'harten Kerns' der 'Rote Armee Fraktion', die 33 Jahre alte Ingrid Schubert, in ihrer Zelle in der Haftanstalt München-Stadelheim erhängt aufgefunden. Nach dem Tod am Samstagabend wurde der Leichnam in der Nacht zum Sonntag obduziert. Obwohl die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, gehen die bayerischen Behörden davon aus, daß sich Ingrid Schubert selbst umgebracht hat. In dem vom Justizministerium veröffentlichten Ergebnis der Obduktion heißt es, es gebe 'keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden'.

Ingrid Schubert wurde am Samstag um 19.10 Uhr tot in ihrer Zelle aufgefunden. Sie hing an einem aus dem Bettlaken angefertigten Strick am Fenster. Die letzte der unregelmäßigen und nach den Selbstmorden von Stammheim verstärkten Kontrollen hatte 65 Minuten zuvor stattgefunden.

Schon vor der Obduktion, die in der Nacht zum Sonntag begann, teilte der Staatssekretär im bayerischen Justizministerium, Franz Neubauer (CSU), mit, alles deute auf einen Selbstmord hin. Es habe keine Hinweise auf eine solche Absicht gegeben. Es seien auch keine Briefe oder andere Schriftstücke gefunden worden, die Anhaltspunkte geben könnten.

Angehörige der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Bendler, die Ingrid Schubert in ihren Prozessen vertreten hatten, teilten am Sonntag mit, die Gefangene habe nie Selbstmordabsichten geäußert. Nach den Selbsttötungen von Stammheim habe sie einen solchen Gedanken sogar ausdrücklich von sich gewiesen. Rechtsanwalt Bendler hatte seine Mandantin zum letzten Mal am Donnerstag, also zwei Tage vor der Tat, gesehen.

Zwei Vertreter der Kanzlei nahmen anstelle des verreisten Anwalts Bendler an der Obduktion teil, ebenso ein von ihnen benannter Münchner Arzt. Geleitet wurde die Untersuchung vom Leiter des Münchner Instituts für Gerichtsmedizin, Professor Wolfgang Spann. Ihm assistierten vier Mitarbeiter. Zugegen waren weiterhin Oberstaatsanwalt Josef Heindl, der Erste Staatsanwalt Rebel und ein Richter.

Das offizielle Ergebnis der Obduktion lautete: 'Ingrid Schubert ist verstorben durch Gewalteinwirkung gegen den Hals wie bei typischem Erhängen. Es wurden die erforderlichen Organe und Gewebeproben entnommen, um eine chemisch-toxikologische und histologische Untersuchung durchführen zu können. Diese wurden bereits in Auftrag gegeben. Die Obduktion hat keine Feststellungen erbracht, die zu einem Selbstmord in Widerspruch stehen. Weiterhin wurden keine Feststellungen getroffen, die Anhaltspunkte für eine Fremdeinwirkung ergeben.'

Weitere Einzelheiten, auch über eine am Sonntag durchgeführte Untersuchung der Zelle, will das Münchner Justizministerium zu Wochenbeginn auf einer Pressekonferenz mitteilen. Am Sonntag beschränkte sich die Behörde auf mündliche Auskünfte und einen über Fernschreiber verbreiteten Bericht.

Staatssekretär Neubauer hatte in der Nacht zum Sonntag mitgeteilt, es sei auch die Frage geprüft worden, ob eine internationale Untersuchungskommssion die Leiche obduzieren solle. Nach Rücksprache mit Spann habe man davon abgesehen, da der Wissenschaftler darauf hingewiesen habe, daß die Ergebnisse desto exakter ausfielen, je schneller die Untersuchung stattfinde. Die anwesenden Rechtsanwälte und der von ihnen benannte Arzt widersprachen der Selbstmordthese bisher nicht und hatten auch keine Einwände gegen die Zusammensetzung des Obduktionsteams.

Ingrid Schubert stammte aus Ebern in Unterfranken (Bayern) und war früher Medizinalassistentin. Sie galt als 'Terroristin der ersten Stunde'. Mit Ulrike Meinhof und Irene Görgens befreite sie im Mai 1970 den damaligen Untersuchungshäftling Andreas Baader aus der Bibliothek des Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin-Dahlem. Bei dieser Aktion wurde ein 62jähriger Angestellter durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. Am 8. Oktober wurde Ingrid Schubert in Berlin verhaftet.

1971 bekam sie eine Freiheitsstrafe von sechs, 1974 von insgesamt 13 Jahren. Die Hauptvorwürfe lauteten auf versuchten Mord, Banküberfälle und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung. Sie verbüßte ihre Strafe zuerst in Frankfurt, dann in Stuttgart-Stammheim. In ihrer ehemaligen Stammheimer Zelle waren am Freitag 400 Gramm Sprengstoff gefunden worden. Nach München kam sie in diesem Sommer, als die Gefangenen von Stammheim in einen Hunger-und-Durst-Streik traten und es dort nicht genügend Möglichkeiten für die Zwangsernährung gab. Ingrid Schubert stand auf der Liste der elf Gefangenen, die durch die Entführung von Hanns-Martin Schleyer und des Lufthansa-Jets 'Landshut' freigepreßt werden sollten. Auch die Terroristen, die einen Anschlag auf die Bonner Botschaft in Stockholm verübten, wollten sie befreien.

In der Haftanstalt München-Stadelheim lebte sie als einzige Frau unter etwa 1800 Männern. Sie hatte eine abseits gelegene Einzelzelle. Seit der Aufhebung der Kontaktsperre nach dem Tod Schleyers hatte sie ständige Verbindung zur Außenwelt in Form eines kleinen Rundfunkgeräts. Außerdem bezog sie Zeitungen. In der letzten Woche erhielt sie unter anderem Besuch von ihrem Vater. Rechtsanwalt Bendler hatte nach dem letzten Gespräch am Donnerstag den Antrag gestellt, Ingrid Schubert wegen der 'großen psychischen Belastungen' durch die Isolation in Stadelheim wieder ins Frauengefängnis nach Frankfurt zu verlegen.

FR vom 14. November 1977

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