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Hanns-Martin Schleyer ist tot

Leiche in einem Auto im Elsaß entdeckt / RAF erklärt sich für verantwortlich

01.01.2002 00:01

FRANKFURT A. M./MÜLHAUSEN. Der vor sechs Wochen bei einem blutigen Überfall in Köln entführte Präsident der deutschen Arbeitgeberverbände, Hanns-Martin Schleyer, ist tot. Seine Leiche wurde am Mittwochabend im Kofferraum eines Audi 100 mit deutschem Kennzeichen gefunden, der in der 130 Kilometer südlich von Straßburg gelegenen Stadt Mülhausen abgestellt worden war. Auf den Wagen war die Polizei durch anonyme Anrufe aufmerksam gemacht worden, in denen die Ermordung Schleyers mitgeteilt und die Straße genannt wurde, in der das Auto mit der Leiche zu finden sei. Die Bundesregierung äußerte "Erschütterung und Zorn" über die Ermordung. In einer vor der Presse in Bonn abgegebenen Erklärung sagte Regierungssprecher Bölling, die Polizei werde mit aller Kraft nach den Mördern fahnden. Die Polizei war von mehreren Telefonanrufern alarmiert worden. Ein Beamter in Mülhausen erklärte, ein Anrufer habe sich als Deutscher ausgegeben, ein anderer als Mitarbeiter einer Nachrichtenagentur.

Das Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erhielt kurz vor 17 Uhr einen anonymen Anruf. Eine junge Frau sagte: "Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet." dpa alarmierte das Bundeskriminalamt, das sofort die französischen Behörden benachrichtigte. Derselbe Wortlaut steht in einem Kommunique, das die französische Zeitung "Liberation" bereits am Mittwochnachmittag erhielt. Als Absender war das "Kommando Siegfried Hausner RAF" angegeben.

Bei dem in Mülhausen in der Rue Charles Peguy gefundenen Fahrzeug handelt es sich um einen Audi 100 mit dem Bad Homburger Kennzeichen HG-AN 460. Die französische Polizei ging bei der Öffnung des Wagens sehr vorsichtig vor. Sicherheitsexperten befürchteten eine Sprengladung in dem Fahrzeug. Das Auto wurde deshalb zu einem "sicheren Ort" transportiert, um es ungefährdet untersuchen zu können. Die Spezialisten für diese Aufgabe wurden aus Colmar geholt. Die Anwohner wurden von der Polizei aufgefordert, ihre Fensterrolläden herunterzulassen. Der Audi stand nach Augenzeugenberichten vor einem zum Abbruch vorgesehenen Haus, das nur noch von Clochards bewohnt ist.

Erst um 20.50 Uhr begannen die Sprengstoffspezialisten der Polizei damit, den grünen Wagen auf ein Abschleppfahrzeug aufzuladen. Zunächst hatte der Polizeifeuerwerker eine Leine um den Wagen gebunden, um aus einigen Metern Sicherheitsabstand ruckartig an dem Wagen zu ziehen und ihn in Schaukelbewegungen zu versetzen. Danach schlug der Beamte zunächst ein Seitenfenster ein, um dann nacheinander sämtliche vier Türen des Wagens zu öffnen. Anschließend öffnete er die Motorhaube.

Erst um 21.17 Uhr kam die Bestätigung von der Polizei, daß die Experten nach Herausreißen des Rücksitzes eine Leiche gefunden haben, und daß es sich um Schleyer handelt. Die Polizei in Mülhausen erklärte, Schleyer sei die Kehle durchgeschnitten worden.

Nach Auskunft der Kriminalpolizei in Mülhausen ist der grüne Audi bereits im Laufe des Dienstagnachmittags oder -abends in der Seitenstraße hinter dem Mülhausener Krankenhaus abgestellt worden. Die Feststellungen der Polizei gründen sich auf Aussagen der Straßenanwohner.

Der grüne Audi 100 GL wurde vor etwa 14 Tagen in Bad Homburg gekauft, wie die Behörden ermittelten. Käufer soll nach bisherigen Erkenntnissen Rolf Heißler gewesen sein.

Die Nachricht war am Mittwoch um 16.21 Uhr telefonisch dem Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur übermittelt worden. Die Stimme einer offenbar jüngeren Frau begann ihr vorbereitetes Kommunique mit den Worten: "Hier RAF". Die Frau sprach normales Schriftdeutsch, ohne Dialekt. Ihre Stimme war ruhig, ohne jede spürbare Erregung. Die gute Tonqualität der Übermittlung könnte auf einen Anruf aus der näheren Umgebung Stuttgarts schließen lassen. Bitten der aufnehmenden Sekretärin um Wiederholung einzelner Passagen wurde höflich und kommentarlos entsprochen. Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit ihrer Mitteilung erbringen könne, antwortete sie sehr knapp: "Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben."

Sofort nach Bekanntwerden der Nachricht flog nach Auskunft von Regierungssprecher Klaus Bölling ein Hubschrauber des Bundeskriminalamtes nach Mülhausen. Von Bonn aus seien Telefondirektleitungen nach Mülhausen und Straßburg geschaltet worden. Kurz nach Eintreffen der ersten Meldungen trat in Bonn der kleine Krisenstab unter Vorsitz von Bundeskanzler Helmut Schmidt zusammen. Um 20.30 Uhr schloß sich eine Sitzung des großen Krisenstabes auch unter Beteiligung der Vertreter der Opposition und der verantwortlichen Ländervertreter an. Der Familie Schleyer in Stuttgart war die Nachricht seit l8 Uhr bekannt, wie ein Polizeibeamter im Hause Schleyer sagte.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Ermordung Schleyers lief der Fahndungsapparat der Sicherheitsbehörden an. Sie hatten, wie Regierungssprecher Klaus Bölling am Abend vor Journalisten sagte, in den vergangenen sechs Wochen "ein dichtes Netz an Beweisen" geknüpft. Ein längst vorbereiteter Film über 16 verdächtige Personen wurde kurz vor Mitternacht im Fernsehen gesendet.

Rund eineinhalb Stunden nach der ersten Todesnachricht gab das Bundeskriminalamt die Namen von 16 Personen bekannt, die es der Täterschaft oder der Mittäterschaft verdächtigt. Die Liste umfaßt Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Adelheid Schulz, Angelika Speitel, Siegrid Sternebeck und Willy Peter Stoll, die sämtlich auch im Zusammenhang mit dem Ponto-Mord gesucht werden. Weiter wird gefahndet nach Christian Klar, einem der mutmaßlichen Buback-Mörder, sowie Brigitte Mohnhaupt, die den in den Niederlanden verhafteten Knut Folkerts begleitet haben soll. Auf der Liste mutmaßlicher Täter stehen weiter die Namen Rolf Heißler, der im Austausch gegen Peter Lorenz freigepreßt worden war, sowie Friederike Krabbe, wahrscheinlich eine Verwandte der Stockholm-Attentäterin Hanna Elise Krabbe. Als weitere Tatverdächtige gelten dem Bundeskriminalamt Christoph Wackernagel und Rolf Clemens Wagner, dem Sprengstoffanschläge angelastet werden.

Der Teilnahme an der Schleyer-Ermordung dringend verdächtig sind laut BKA der frühere Croissant-Sozius Jörg Lang, die aus dem Berliner Frauengefängnis entflohene Inge Viett, Elisabeth van Dyck, die im Zusammenhang mit Waffendiebstählen gesucht wird, sowie Juliane Plambeck, die schon seit Jahren zur Terroristenszene gezählt wird. Gegen alle 16 Personen liegt Haftbefehl vor. Sie sollen am Buback-Mord, am Überfall auf Jürgen Ponto, dem mißlungenen Raketenanschlag auf die Bundesanwaltschaft, den Morden von Köln, der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" und der Ermordung Schleyers teilgenommen haben. Acht von ihnen waren nach Erkenntnissen des BKA in die Entführungsfälle Schleyer und Lufthansa-Maschine direkt verwickelt. Die Polizei hat bisher im Zusammenhang mit den Entführungsfällen Schleyer und Lufthansa-Maschine acht konspirative Wohnungen, 13 Kraftfahrzeuge und zahlreiche weitere Beweismittel sichergestellt.

Das Bundeskriminalamt kündigte noch am Mittwochabend an, daß Fotos, Fahndungsplakate und Faltblätter mit Beschreibungen der 16 Gesuchten veröffentlicht werden Das BKA nennt folgende Einzelheiten:

Friederike Krabbe mietete in Köln den Terroristenunterschlupf, von dem aus die Entführung Schleyers und der Mord an seinen vier Begleitern geplant und ausgeführt wurde. Willy Peter Stoll war am Überfall auf Schleyer direkt beteiligt und sorgte für die Abfassung und die Verteilung der Erpresserbriefe der Entführer, ermittelte das BKA. Zusammen mit Günther Sonnenberg soll Stoll den Überfall von Karlsruhe vorbereitet haben, in Verbindung mit dem in Holland festgenommenen Knut Folkerts raubte er in Frankfurt ein Waffengeschäft aus. Mit einer der dabei erbeuteten Waffen soll Folkerts in Utrecht einen Polizisten erschossen haben Eine weitere Waffe wurde von den Schleyer-Entführern nach dem Überfall von Köln am Tatort zurückgelassen.

An den deutsch-französischen Grenzübergängen wurden am Abend die Posten durch französische paramilitärische Polizeieinheiten verstärkt. Der französische Innenminister Christian Bonnet berief in Paris eine Sondersitzung hoher Polizeioffiziere ein, um eine Intensivierung der Terroristenbekämpfung zu beraten. Nach der Festnahme des Baader-Meinhof-Anwalts Klaus Croissant ist die Ermordung Schleyers schon der zweite Fall, durch den Frankreich eng in die Aktionen des deutschen Terrorismus verwickelt wurde.

STUTTGART. Überraschend verweigerte am Mittwoch die CDU-Fraktion des Stuttgarter Landtags ihr Einverständnis zu dem geplanten einvernehmlichen Antrag auf Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Erst nach einem Bericht der CDU-Landesregierung, der bis zum 26. Oktober vorliegen soll, will die CDU-Fraktion darüber entscheiden, ob die mysteriösen Umstände, die den - so amtlich - Selbstmord der drei Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ermöglichten, von Parlamentariern untersucht werden müssen. SPD und FDP wollen in

der Plenarsitzung des Landtags am heutigen Donnerstag trotzdem auf der sofortigen Einsetzung dieses Untersuchungsausschusses bestehen.

Zu tumultartigen Szenen kam es, als SPD-Oppositionsführer Erhard Eppler zwar versicherte, daß er nicht an der Integrität von Justizminister Traugott Bender (CDU) zweifle; trotzdem fordere er den Rücktritt des Justizministers nur aus einem einzigen Grunde nicht schon heute: "Der Fall hat Dimensionen erreicht, die weit über das hinausreichen, was bei einem Ressortminister abgeladen werden kann."

Eppler bedauerte, daß sich die CDU-Fraktion der Aufforderung der drei Bonner Parteivorsitzenden, sofort und gemeinsam einen Untersuchungsausschuß zu bilden, verschlossen habe. "Wir werden nicht ruhen, ehe wir wissen, wie die Schußwaffen in die Zellen von Baader und Raspe gekommen sind. Man kann sich nur mit Schaudern vorstellen, was mit diesen Pistolen hätte geschehen können. Da muß auch die letzte Ritze ausgeleuchtet werden, damit sich keine Legenden zu Lasten der Bundesrepublik bilden können", sagte Eppler.

Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) hatte zuvor in seiner Regierungserklärung gefordert, man müsse jetzt die Gunst der Stunde nutzen und alle Anstrengungen unternehmen, um feste und wirksame Abmachungen bei der internationalen Bekämpfung des Terrorismus zu treffen. Zu den Todesfällen in Stammheim sagte der Regierungschef "Unmißverständlich stelle ich fest: Wo schuldhaftes Verhalten vorliegt, werden wir die nötigen Konsequenzen unnachsichtig ziehen."

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Jürgen Morlock wies darauf hin, daß der ehemalige Berliner Justizsenator Oxfort schon beim Bekanntwerden vermutlicher Schwachstellen nicht gezögert habe, mit seinem Rücktritt die politische Verantwortung zu übernehmen.

Justizminister Bender gab zu Beginn der Sitzung weitere Einzelheiten über die Untersuchung der Stammheimer Selbstmorde bekannt. Bei der Pistole, mit der Andreas Baader sich nach amtlicher Darstellung erschossen hat, handelt es sich nicht, wie am Dienstagnachmittag noch von ihm bekanntgegeben worden war, um eine Waffe der Firma Heckler und Koch, sondern um eine Pistole ohne eingestanztes Fabrikat.

Bender sagte, daß sich Gudrun Ensslin in ihrer Zelle mit einem Elektrokabel erhängt habe. Weiter erklärte Bender, daß seit der Kontaktsperre nur noch Anstaltspersonal, und zwar immer nur zu zweit, Kontakt mit den Häftlingen gehabt habe. Bender versicherte, "in Bälde" habe man Hinweise darauf, wie die Gefangenen von dem Geiseldrama erfahren hätten. Erste Teilergebnisse lägen vor. Wegen einer möglichen Beeinträchtigung der weiteren Untersuchungen könne er diese aber noch nicht bekanntgeben.

Aufmerksamkeit erregte die Aussage des Ministers: "Wir müssen die Sonde einer kritischen Vernunft an törichte und infame Unterstellungen legen. Das wird sich schon deshalb empfehlen, weil die Gefangenen nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen vorweggenommene Mordvorwürfe hinterlassen haben." Angeblich wurden bei der ersten Durchsuchung in Stammheim Zellenpapiere gefunden, in denen der Satz steht: "Wenn wir tot sein sollten, sind wir ermordet worden."

Im Norddeutschen Rundfunk sagte Regierungssprecher Klaus Bölling am Mittwoch: "Wir alle können nicht begreifen, wie es möglich gewesen ist, daß die in Stammheim Einsitzenden zu Waffen gekommen sind. Das geht einfach nicht in den Kopf."

FR vom 20. Oktober 1977

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