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Für die Schüsse lehnte er jede Verantwortung ab

Der Prozeß gegen das RAF-Mitglied Wagner endete mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe

01.01.2002 00:01
Peter Amstutz (Bern)

Am Freitag ist vor einem Gericht in Winterthur (Schweiz) das RAF-Mitglied Rolf Clemens Wagner wegen Mordes, Mordversuchs und schweren Raubes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Über das Verfahren gegen Wagner berichtet unser Schweizer Korrespondent. Als vor drei Wochen, am 8. September, der stets väterlich-geduldige Zürcher Oberrichter Otto Friedli in Winterthur das Geschworenengerichts-Verfahren gegen den deutschen RAF-Mann Rolf Clemens Wagner (3b) eröffnete, schien so gut wie alles klar. Hinter Stacheldraht und Panzerglas und fast kriegsmäßig bewacht, sollte sich ein 'Berufsterrorist' wegen Mordes, Raubes, Erpressung, Gefährdung des Lebens, Nötigung, Gewalt und Drohung gegen Beamte und noch eines halben Dutzends weiterer Straftaten verantworten.

Wagner befand sich seit dem 19. November vergangenen Jahres in den Händen der Zürcher Ermittlungsbehörden. Zusammen mit drei noch immer unbekannten und von ihm nie genannten Komplizen, von denen man selbst nicht weiß, ob sie Männer oder Frauen waren, raubte Wagner in der Zürcher Hauptfiliale der Schweizerischen Volksbank genau 548 068 Schweizer Franken. Bei der Flucht durch die Innenstadt und eine unterirdische Ladenstraße namens 'Shopville' wurde die unbeteiligte Passantin Edith Kletzhändler im Kugelwechsel zwischen der Polizei und den Bankräubern tödlich getroffen, und eine weitere Passantin sowie zwei Beamte erlitten Schußverletzungen.

Zu seiner Person, zur Roten Armee Fraktion (RAF), zur Tat selber und überhaupt auf Fragen substantieller Art mochte der Angeklagte Wagner nichts sagen. 'Läppisch' nannte er gleich am ersten, Prozeßtag solche Befragungen. Mit zusammengekniffenen Lippen saß der im Vergleich zu den Fahndungsbildern völlig verändert wirkende Mann zwischen zwei Polizeibeamten auf der Angeklagtenbank, die blaue Kunststoffmappe mit seinen Akten mit der Rechten krampfhaft festhaltend. Erst Stunden später blitzten die Augen hinter der dunklen Hornbrille, und der Angeklagte in Hose und Hemd begann, vor Zuhörern und Gericht die RAF-Philosophie detailliert auszubreiten. Die 'Enteignung von Finanzkapital', so die Umschreibung für Bankraub, sei als Beschaffungsaktion für RAF-Aktivitäten 'ein legitimes Mittel'. Die Schweiz als Teil der westlich-kapitalistischen Welt, so Wagners weitere Darlegungen, sei zwar nicht im Zentrum der RAF-Interessen zu vermuten, aber als Terrain für logistische 'Nachschubaktionen' habe dieses Nachbarland durchaus eine Bedeutung.

Für die tödliche Schießerei lehnte Wagner jede Verantwortung ab. Schuld am gewaltsamen Ende Unbeteiligter seien eben 'jene Leute, die im Dienst des Kapitalismus in einer Fußgängerzone das Feuer eröffnen', also die Polizei. Dies beweise auch nur, daß 'alle staatliche und weltliche Macht auf die Erhaltung dieser Macht ausgerichtet' sei. Deshalb sei es unerläßlich, 'mit Mitteln der Gewalt Breschen in diese Macht zu reißen, um einen Durchbruch zu erreichen'. So sei eben auch der Überfall von Zürich 'im Zusammenhang zu sehen als partielle Enteignung des Finanzkapitals', die mit strafrechtlichen Kriterien überhaupt nicht zu erfassen sei, belehrte Wagner das Gericht. Im übrigen protestierte er gegen die Haftbedingungen, erinnerte an die Menschenrechte, welche die Schweiz mit ihrer Gefangenenbehandlung verletze, und er forderte die Entfernung des Stacheldrahtverhaues rund um das Gerichtsgebäude.

Damit war im wesentlichen auch die Stoßrichtung schon skizziert, in der Wagners selbstgewählte Pflichtverteidigerin Doris Farner-Schmidhauser ihre Taktik aufbauen wollte. Zur Verwirrung der Geschworenen - eine Hausfrau, ein Bürochef, eine Sekretärin, ein Verkaufschef, ein Bankprokurist, ein Elektroinstallateur, ein Abteilungsleiter, ein Primarschullehrer und ein Gemeindeschreiber waren durch das Los bestimmt worden - trugen dann die mehrtägigen Befragungen der 60 Tatzeugen entscheidend bei. Es zeigte sich bald, daß die Verteidigung mit der These operieren wollte, die tödliche Kugel müsse aus einer Polizeiwaffe abgefeuert worden sein. Widersprüchliche Aussagen auch von Beamten, die an der Aktion beteiligt waren, und teils umstrittene Expertengutachten begünstigten diese Darstellung des Tathergangs durch die zierliche, angriffslustige junge Verteidigerin mit den langen, blonden Haaren.

Mal war der Täter blond, dann war sein Haar wieder schwarz, mal trug er einen Bart, dann einen Schnurrbart oder auch keines von beidem. Ein allzu klares Bild der Vorgänge ergaben solche Aussagen natürlich nicht. Im Verlaufe des Verfahrens wirkte Wagner angesichts dieser Entwicklung immer zuversichtlicher und auch kaltblütiger. Gemütsbewegungen oder gar Reue verriet er zu keiner Stunde des Prozesses. Nur einmal lachte er schallend heraus, als ein Bahnhofsbediensteter aus Zürich im Zeugenstand zur Erheiterung des ganzen Gerichts derartig offensichtlichen Unfug zu Protokoll gab, daß Staatsanwalt Marcel Bertschi jede Lust nach Anschlußfragen verlor... Zur Verwirrung der Zeugen hatte aber auch Wagner das Seine beigesteuert: Mit kurzgeschnittenem Haar saß er zur allgemeinen Überraschung an jenem Tag da, als die zur Aussage vorgeladenen Tatzeugen auftraten. Manche erkannten ihn so überhaupt nicht mehr.

Ausgesprochene 'Killermunition' sei in Zürich verwendet worden, berichtete Dr. Jakob Meier, Leiter des wissenschaftlichen Dienstes der Zürcher Stadtpolizei. Gefeuert hätten die Terroristen aus Colts 45 ATP, die 11,8-Millimeter-Hohlspitzmunition von hundertfacher Energie gegenüber normalen Faustfeuerwaffen ausspuckten. Diese panzerbrechenden Projektile seien eigens zum Beschießen von Personen in Fahrzeugen auf dem Markt. Der Vernichtungswille der Bande sei damit als belegt zu beurteilen, meinte Meier.

Der unnachgiebige, hart wirkende Winterthurer Staatsanwalt Bertschi folgte im wesentlichen solch belastenden Argumentationen und forderte die schärfste Strafe, die das Schweizer Gesetz kennt: Zuchthaus auf Lebenszeit wegen Mordes und qualifizierten Raubes. Freispruch auf der ganzen Linie mit Ausnahme weniger unwesentlicher Einzelpunkte indessen beantragte die Verteidigerin. Sie legte dar, Wagner habe sogar bewußt an den Menschen vorbeigeschossen, 'sonst wäre es ihm ein leichtes gewesen, mehrere von ihnen zu treffen'. Also müsse die Polizei für die Opfer des Bankraubs zur Rechenschaft gezogen werden.

Sarkastisch entgegnete der Staatsanwalt, diese Verteidigung basiere auf dem Prinzip: 'Tollwütiger wildernder Spaziergänger schlägt friedlichem Hund seine Wade ins Gebiß.' Es sei geradezu grotesk zu behaupten, dieser Bankraub wäre eigentlich ungefährlich abgelaufen, weil er so generalstabsmäßig geplant und von 'Könnern' ausgeführt worden sei. In seinem kurzen Schlußwort sprach Wagner dem Gericht jede Legitimation ab, überhaupt über ihn zu urteilen. Hier gehe es doch ohnehin nur darum, die RAF als Organisation der revolutionären Bewegung abzuurteilen. Nach dem Schweizer Prozeß wird nun in der Bundesrepublik Deutschland das Verfahren gegen Wagner wegen Mittäterschaft an der Entführung und Ermordung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer vorbereitet. Eine vorübergehende Auslieferung Wagners durch die Schweiz wird dafür erwogen.

FR vom 27. September 1980

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