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Es begann am Montag in Den Haag

Nach der Schießerei von Utrecht lebt Holland unter mehrfacher Terror-Drohung

01.01.2002 00:01
Hermann Bleich (Den Haag)

Über Nacht sind die Niederlande nervös geworden. Terroristen aus der Bundesrepublik agieren im Lande. Am Abend des Tages, an dem im Urteil von Assen südmolukkische Geiselnehmer mit relativ milden Strafen davonkamen, schossen mindestens zwei deutsche Terroristen in Utrecht einen 46 Jahre alten Polizeimeister nieder. Er starb am Tatort. Ein 35 Jahre alter Kollege von ihm wurde durch Bauch- und Lungenschüsse schwer verletzt. Einer der Täter ist verhaftet: Knut Folkerts. Er wird verdächtigt, an den Mordanschlägen gegen Bundesanwalt Siegfried Buback und den Chef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, beteiligt gewesen zu sein. Seine Begleiterin, die 28 Jahre alte Brigitte Mohnhaupt, konnte flüchten; aber die niederländischen Behörden glauben, daß sich noch weitere deutsche Terroristen in ihrem Land aufhalten und an der Tat von Utrecht beteiligt waren. Inzwischen sind Beamte des Bundeskriminalamtes in die Untersuchungen eingeschaltet worden.

Die Aktion der Terroristen hat freilich nicht am Donnerstagabend in Utrecht begonnen, sondern schon am Montagabend in Den Haag. Dort waren ein Mann und eine Frau, ganz offenkundig Deutsche, in Streit mit einem Autovermieter geraten. Sie wollten einen Wagen mieten; dem Verleiher kam ihr Führerschein indes nicht echt vor. Er verständigte kurz entschlossen die Polizei. Mitten in der Stadt stellten die Polizisten die beiden, und es kam zu einem kurzen Feuergefecht. Ein 21 Jahre alter Polizist wurde dabei verletzt und mußte in ein Krankenhaus gebracht werden. Täterin und Täter verschwanden - aber nicht ganz spurlos. Zwei Hinweise mindestens gab es nach dieser nächtlichen Schießerei in Hollands Regierungssitz: Die schießfreudigen Autosuchenden sprachen Deutsch, und sie hatten offenkundig die Absicht, nach Utrecht zu reisen. Die dortige Polizei wurde umgehend informiert.

Im Herzen der Stadt, gegenüber dem Messegebäude, wurden die beiden Deutschen erwartet. Rund zwanzig Polizisten hatten sich am Donnerstagabend aufgebaut, als Knut Folkerts und (wahrscheinlich) Brigitte Mohnhaupt - wie in Den Haag - abermals einen Autoverleih ansteuerten. Zwei Beamte saßen im Büroraum. Die anderen waren ringsum, gut gedeckt, in Stellung gegangen. Vor einigen Tagen hatte nämlich die Frau einen Wagen für Donnerstagabend bestellt. Wie in Den Haag legte sie einen falschen Führerschein vor, er lautete auf den Namen Ursula Dietrich.

Der genaue Hergang im Autoverleih läßt sich zur Stunde noch nicht rekonstruieren. Bekannt ist nur, daß der Täter - Knut Folkerts, wie sich bald herausstellte - mit einer "automatischen Faustfeuerwaffe" (Angabe der niederländischen Polizei) auf die beiden Beamten feuerte, den einen tötete und den anderen schwer verwundete. Seine Gefährtin entkam, er wurde festgenommen und am Freitagmorgen identifiziert.

Hängt die Schießerei mit dem Fall Schleyer zusammen? Die niederländischen Behörden können oder wollen darüber nichts sagen. Aber Gerüchte gehen um in den Niederlanden. Eins lautet, Schleyer sei von seinen Entführern irgendwo im Süden, in der Provinz Limburg, versteckt worden. Es heißt auch, die Gruppe, die in Den Haag und Utrecht Autos zu mieten versuchte (dabei hinterließ die Täterin in Den Haag Fingerabdrücke, die offenbar noch von der Polizei untersucht werden), sei mindestens vier Personen stark gewesen. Wenn aber nicht Einzelpersonen, sondern Gruppen jetzt in Holland aktiv werden, dann läßt das darauf schließen, daß die Angehörigen der Terroristenorganisation im Lande auch über Stützpunkte verfügen und sich dort verbergen können.

Deswegen befinden sich die Polizeiorgane in höchster Bereitschaft. Die Grenzposten und Flugplätze sind alarmiert. Die Haager Polizei läßt sich bei der Sicherung ausländischer Diplomaten seit Freitag von bewaffneten Gendarmen unterstützen. Wagen des diplomatischen Korps werden von jeweils zwei Polizeiwagen eskortiert. In Utrecht steht das Polizeipräsidium unter strengster Bewachung. Man schließt die Möglichkeit nicht aus, daß es von außen angegriffen werden könnte. Polizei ist aufmarschiert, und Schützen mit Karabinern haben sich auf dem Dach verschanzt.

Knut Folkerts ist mittlerweile nicht mehr in Utrecht. Er wurde in ein Gefängnis an einem geheimgehaltenen Ort verlegt. Die Polizeisprecher verhalten sich im übrigen wortkarg. Sie sagen allgemeine Sätze: "Die Untersuchungen laufen in alle Richtungen", oder: "Bei diesen Leuten handelt es sich um gefährliche Verbrecher, die offenbar besser mit Waffen umgehen können als ein gewöhnlicher Polizist in Holland, der auch noch das Risiko seines Einsatzes kennt" (Utrechts Polizeichef van Doesburg in einem Rundfunkinterview). Entsprechend wenig ist über den Hintergrund der Aktionen von Den Haag und Utrecht zu erfahren. Eine Lesart lautet, die Terroristen seien in die Niederlande geflohen, um sich dem Zugriff der deutschen Polizei zu entziehen; eine andere geht davon aus, daß sie gekommen seien, um nun auch hier gezielte und vorbereitete Aktionen zu unternehmen.

Unter den Mitgliedern der "Rote Armee Fraktion" (RAF), die in Deutschland inhaftiert sind, ist übrigens auch ein Niederländer: Ronald Augustin. Sein Rechtsanwalt, H. Bakker-Schut aus Utrecht, teilte am Freitag mit, er sei noch nicht von Knut Folkerts um seinen juristischen Beistand ersucht worden. Folkerts, von dem nach Polizeiangaben feststeht, daß er die tödlichen Schüsse im Utrechter Autoverleih abgegeben hat, hatte nach seiner Festnahme auf Kontakt mit einem Anwalt bestanden. Die Behörden werden wahrscheinlich Folkerts an die Bundesrepublik ausliefern. Man will ihn am liebsten bald loswerden; das Problem der molukkischen Terroristen beschäftigt auch nach dem Assener Urteil das Land schon mehr als genug.

Das ungute Gefühl, von mehrerlei Spielarten des Terrorismus bedroht zu sein, breitet sich aus. Um so intensiver laufen die Suchaktionen. Am Freitagnachmittag schien sich eine erste heiße Spur zu ergeben. In der Nähe von Rotterdam begann eine Großfahndung nach einem gelben Opel Kadett. In ihm, so vermutete man, könnte Brigitte Mohnhaupt geflohen sein. Das Fahrzeug habe gefälschte Kennzeichen. Doch die Aktion verlief ergebnislos: Es war ein falscher Alarm.

FR vom 24. September 1977

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