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Ein Revolver, ein Notizbuch, zwei Pässe

Operationsfeld Rhein-Main: Die Festnahme Rolf Heißlers in Frankfurt

01.01.2002 00:01
Karl-Heinz Krumm

Rolf Heißler, einer der meistgesuchten deutschen Terroristen, kam um 8.15 Uhr, mit einer Tüte frischer Brötchen unter dem Arm und einem Stapel Zeitungen. Ahnungslos betrat er die unter dem Tarnnamen 'Riem' im Oktober vergangenen Jahres in der Frankfurter Textorstraße 79 angemietete, kleine Einzimmerwohnung. Als die dort seit vier Stunden postierten zwei Beamten eines hessischen mobilen Einsatzkommandos ihn anriefen, soll er zu seinem Revolver gegriffen haben. Einer der Beamten schoß sofort: Mit einem Kopfschuß wurde Heißler wenige Minuten später in die Frankfurter Universitätsklinik transportiert. Den entscheidenden Tip, daß es sich bei der Parterrewohnung in der Textorstraße um eine 'konspirative Wohnung' handeln könnte, hatten die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes erst am Freitagnachmittag erhalten. Ihre sofortigen Recherchen in dem alten, überwiegend von Ausländern bewohnten Gebäude ergaben eine Reihe von Auffälligkeiten. So hatte der Mieter 'Riem' anstandslos 1500 Mark für die Übernahme des dürftigen und verwohnten Mobiliars bezahlt. Und als die Zielfahnder, die mit Unterstützung zahlreicher Kollegen bis vier Uhr morgens die verdächtige Wohnung beobachteten, ohne einen Hinweis zu erhalten, daß sich in dem engen Appartement zu dieser Zeit jemand aufhielt, schließlich Flur und Wohnung genauer inspizierten, entdeckten sie einen versteckten Wohnungsschlüssel. In der Wohnung selbst fanden sie wenig: ein paar alte Möbel, einige Kleidungsstücke, sonst nichts. Schlußfolgerung: Es mußte sich um eine konspirative Wohnung handeln, die nur als Unterschlupf diente. Nach den Erkenntnissen der Fahnder verfügen die Terroristen gleichzeitig immer über mindestens ein Dutzend Wohnungen - als Ausweichquartiere, als Stützpunkte für die Vorbereitung neuer Anschläge. Allein seit September des vergangenen Jahres wurden im Bundesgebiet acht solcher konspirativer Wohnungen in Düsseldorf, Hamburg, Dortmund, Göttingen und Nürnberg entdeckt.

Auch die bei Heißler gefundenen Gegenstände lassen möglicherweise nicht allzu viele Schlußfolgerungen zu. Geld im Wert von knapp 1500 Mark, ein Notizbuch mit chiffrierten Angaben, ein Revolver, ein italienischer und ein französischer Ausweis, dessen Fotos allerdings jenen Bildern sehr ähnlich sehen, die nach den tödlichen Schüssen auf zwei holländische Zollbeamte in Kerkrade in einem Paß gefunden wurden.

Wo Heißler sich in der Nacht zum Samstag aufhielt, ob und wo er vielleicht ein Fahrzeug geparkt hat, ob auch terroristische Komplizen die Frankfurter Wohnung aufgesucht haben, Antworten auf all diese wichtigen Fragen stehen noch aus.

Mit der überraschenden Festnahme Heißlers scheint sich eine These der Ermittler zu bestätigen, daß der Rhein-Main-Raum als ein wichtiges Operationsfeld der Terroristen zu bewerten ist.. Erfahrene Fahnder erinnern daran, daß die Revolutionären Zellen als gelegentliche Rekrutierungsbasis der Terroristen in Frankfurt sehr aktiv sind. Außerdem glauben sie zu wissen, daß bereits im Januar Terroristen versuchten, in Frankfurt eine konspirative Wohnung anzumieten.

Damals hatte eine Frau, die sich als 'Monika Horchen' ausgab, einen Mietvertrag zum 1. April abgeschlossen und gebeten, alle bis zu dieser Zelt eingehenden Briefe postlagernd nach Amsterdam zu schicken. Als der oder die verdächtigen Personen (bei der Anmieterin, glaubt die Polizei, habe es sich um Monika Helbing gehandelt) möglicherweise merkten, daß auch die Ermittler von der Wohnung Wind bekommen hatten, kündigte ein Mann Anfang März den Mietvertrag. Telefonisch teilte er mit, daß die Mieterin Horchen bei einem Verkehrsunfall in Holland ums Leben gekommen sei. Allerdings wurde 'Monika Horchen' später noch in Frankfurt erkannt.

Aber auch andere Erkenntnisse bestärken den Verdacht, daß sich zumindest einige der gesuchten Terroristen häufig im Rhein-Main-Gebiet aufhalten. So fanden die Ermittler nach dem Banküberfall in Darmstadt am 18. März dieses Jahres in dem Fluchtauto der drei Täter - zwei Frauen und ein Mann - auf einem Schein der Glücksspirale einen Fingerabdruck des gesuchten Christian Klar. Auch die Spur Heißlers, ein Mitglied der Rote-Armee-Fraktion der ersten Stunde und bereits 1971 in München wegen Bankraubs zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt, führte schon früher in den Frankfurter Raum. Jedenfalls glauben die Fahnder, zuverlässige Hinweise dafür zu besitzen, daß Heißler 1977 im Taunus den Pkw vom Typ Audi erwarb, in dem später der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer tot gefunden wurde.

Heißler gehörte zu jenen fünf Terroristen, deren Freilassung die Entführer des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz am 3. März 1975 erzwangen. Zusammen mit Rolf Pohle, Verena Becker Gabriele Kröcher-Tiedemann und Ingrid Siepmann wurde er damals nach Süd-Jemen ausgeflogen. Nach seiner Festnahme in Frankfurt befindet sich von den 1975 Freigepreßten nur noch Ingrid Siepmann auf freiem Fuß: Rolf Pohle wurde in Athen festgenommen und schließlich in die Bundesrepublik ausgeliefert, Verena Becker wurde im Mai 1977 zusammen mit Günter Sonnenberg bei Singen gefaßt, Gabriele Kröcher-Tiedemann, in Begleitung von Christian Möller, Ende des gleichen Jahres an der französisch-schweizerischen Grenze.

Die Spur Heißlers war in den vier Jahren, die immerhin zwischen Freilassung und Festnahme vergingen, gelegentlich wieder aufgetaucht. Nach einer intensiven Ausbildung in Camps der Palästinenser oder anderen Gruppen im arabischen Raum entdeckten die Ermittler Ende 1978 Hinweise, daß er längst in die Bundesrepublik zurückgekehrt war. Andere Indizien sprechen dafür, daß er auch in den Überfall auf die Bezirkshauptmannschaft in Landeck in Tirol am 12. November verwickelt war; jedenfalls benutzten nicht nur Peter Stoll und Rolf Clemens Wagner später die bei diesem Überfall erbeuteten Ausweise, sondern auch Heißler.

Mit Rolf Clemens Wagner war Heißler ohnehin sehr eng verbunden. Nach langen Recherchen fanden nämlich die BKA-Zielfahnder heraus, daß Wagner mit einem Liechtensteiner Paß unter dem Namen Risch häufig über Belgrad nach Warschau flog. In seiner Begleitung befand sich oft ein zweiter Mann mit einem holländischen Paß: Rolf Heißler.

Immerhin führten diese detaillierten Erkenntnisse im Sommer 1978 dazu, daß Rolf Clemens Wagner, Brigitte Mohnhaupt, Sieglinde Hofmann und Peter Boock in Belgrad festgenommen werden konnten. Auch nach der Freilassung dieser vier gesuchten Terroristen durch die jugoslawischen Behörden im November 1978 glauben deutsche Ermittler Grund zu der Annahme zu haben, daß die Jugoslawen auch Heißler und andere deutsche Terroristen damals zunächst festgenommen hatten oder zumindest hätten festnehmen können. Ihre These: Wagner und die anderen drei wurden den bundesdeutschen Behörden zum Austausch für Exilkroaten angeboten, die anderen, darunter Heißler bald wieder entlassen, weil Belgrad keine Störungen seiner Beziehungen zu den jungen arabischen Ländern nehmen wollte.

Heißler nämlich soll inzwischen fließend Arabisch sprechen und ausgezeichnete Kontakte zu den arabischen Widerstands- und Befreiungsgruppen unterhalten. Daß auch er sich im Sommer 1978 in Jugoslawien aufhielt, scheint den Ermittlern nicht nur wegen der engen Bindungen zu Wagner wahrscheinlich. Nach dem feinen Raster der Ermittlungen hatten sich damals die führenden deutschen Terroristen offensichtlich zu einer Lagebesprechung in Belgrad verabredet.

FR vom 11. Juni 1979

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