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Antwort auf Götz Aly Tunnelblick aufs Totalitäre

Gegen den Drang zur denunzierenden Verallgemeinerung - eine Antwort auf Götz Alys Thesen über die 68er.

10.04.2008 00:04
PETER SCHNEIDER
WIRECENTER
Parallelen zu 1933? Polizeieinsatz gegen Hausbesetzer und deren Unterstützer in Frankfurt am Main, 1973. Foto: ap

Das derzeit lauteste Geschütz der Anti-68er ist Götz Aly mit seinem Pamphlet "Unser Kampf". Die 68er seien, so Götz Aly, in Wahrheit die Wiedergänger der "33er" gewesen, jener nationalsozialistischen Studenten, die Hitler und den Vordenkern der Vernichtung den Weg geebnet hatten. (Sein Buch wurde denn auch von allen Zeitungen spätestens am Tag nach der Veröffentlichung mit einer wenn auch in der Regel kritischen Rezension gewürdigt.)

Freilich musste Aly, um seine Anklage zu stützen, gleich mehrere verunstaltende Operationen an seinem Objekt vornehmen. Zunächst einmal schneidet er die deutschen 68er aus dem Zusammenhang des weltweiten Aufbruchs heraus. Die Tatsache, dass sie praktisch all ihre Protestformen aus Amerika übernahmen, kommt in Alys "Analyse" gar nicht vor. Wer Aly liest, gewinnt den Eindruck, der Protest gegen den Vietnamkrieg sei eine antiamerikanische Marotte gewesen. Hatten die deutschen 68er nicht gerufen: USA-SA-SS, fragt er.

Aly untersucht nicht, wie repräsentativ dieser widerliche - aus einem Film von Godard übernommene - Spruch für die APO war, die damals den weitaus amerikanisiertesten Teil der deutschen Bevölkerung ausmachte. Er erklärt auch nicht, wie und warum dieselben Studenten, denen er in den ersten Kapiteln seines Buches noch bescheinigt, sie wären weit demokratischer, europa- und amerikafreundlicher gewesen als der Rest der Bevölkerung, ein paar Seiten später plötzlich antisemitisch, antiamerikanisch und totalitär geworden sein sollen. Tatsächlich hat unter rund 30 000 Rebellen ein solcher Prozess stattgefunden, aber nicht als uniformer Wandel der 68er, sondern jenes Teils, zu dem Aly sich gesellte. (Bei der Bundestagswahl 1976 erzielten der KBW 21 000, die KPD 8000 und die trotzkistische GIM 2000 Stimmen.)

Es wäre die Aufgabe eines Historikers gewesen, diesen Prozess der Manipulation und Selbstmanipulation darzustellen und zu fragen, warum ein erheblich größerer Teil der Rebellen der totalitären Verführung nicht erlag und sich jenseits der selbst ernannten maoistischen Eliten und der RAF mit politisch bescheideneren Projekten abgab: mit der Organisierung von Kinderläden, mit der Emanzipation der Frauen, mit der Gründung von Bürgerinitiativen, die Ende der 70er Jahre mehr Mitglieder zählten als die Parteien.

Die zweite Operation betrifft die Einengung der 68er-Bewegung auf die Phase ihrer maoistischen Verirrung. Vergeblich sucht man in Alys Buch nach Spuren der voran- und nachgehenden antiautoritären Empörung und Ausgelassenheit. Es ist, als hätte er nie ein Lied von Bob Dylan oder Joan Baez gehört, nie eine Haschischzigarette inhaliert, nie die neuen sexuellen Freiheiten genossen, die sich die 68er eroberten.

Das entscheidende Problem von Alys "Analyse" ist jedoch, dass er seine Rolle als ehemaliger Aktivist und die Rolle des nachträglich urteilenden und einordnenden Historikers unentwegt vermischt.

An einer Stelle seines Buches bekennt Aly sich als einer der Anführer der sogenannten "Schweinejagd" im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Die Idee der "Schweinejagd" bestand darin, missliebige Professoren (nach einer Institutsbesetzung am 24. Juni 1971) zu den Fenstern des Seminarraums zu tragen und sie symbolisch aus dem Fenster zu stürzen. In Alys Buch liest man darüber: "Der Raum lag im Erdgeschoss. Die Fenster blieben zu. Hinausgeworfen wurde niemand, allerdings wurden einige der Eingeschlossenen auf ihren Stühlen hin und her getragen und Parolen an die Wände gesprüht. Am Ende kam es irgendwo im Treppenhaus noch zu einer kleinen Schlägerei."

Und Götz Aly? Das Ich des Anstifters verschwindet alsbald im unpersönlichen Plural. Er schreibt: "Einige der Eingeschlossenen wurden auf ihren Stühlen hin- und her getragen… Es kam zu einer kleinen Schlägerei…" Kein Wort darüber, ob Aly selbst einen der Stühle getragen hat oder in die "kleine Schlägerei" im Treppenhaus verwickelt war.

In einem Flugblatt der Reformsozialisten im Sommer 1971 lese ich: "Anfang dieser Woche wurde im OSI ein Steckbrief gegen Schwan und verschiedene Reformsozialisten verteilt, in dem die GSO (Grundsemester-Organisation) unverhüllt proklamierte: ,Jagt die Schweine raus!'… Sako-Oberaktionist Aly (Sako - Sozialistisches Arbeitskollektiv) forderte … dazu auf, gewaltsam in Schwans Büro einzudringen und sich die dortigen Gegenstände anzueignen."

Statt seiner eigenen Verrennung und ihren Motiven nachzugehen, begibt Aly sich allzu rasch in den Schutz der Verallgemeinerung: "Eine solche gewalttätige Aktion war seinerzeit an deutschen Universitäten nicht ungewöhnlich…" Das ist nicht falsch. Aber wie viele von den weit über hunderttausend Aktivisten der APO haben damals Professoren mit Gewalt in einen symbolischen Fenstersturz verwickelt?

Am triftigsten ist Alys Kapitel über antisemitische Töne und Aktionen in der Studentenbewegung ausgefallen. Aus Fairness hätte er auf seinen Vorgänger Henryk Broder hinweisen können, der einen entsprechenden Nachweis bereits in den siebziger Jahren geführt hat. Aber auch in dieser Sache schwächt Aly seine Argumentation durch seinen Drang zur vorschnellen denunzierenden Verallgemeinerung. So zitiert er eine wirre, nicht ganz falsche Erklärung von Ulrike Meinhof, der Antisemitismus sei seinem Wesen nach antikapitalistisch gewesen, und schließt: "Damit war die Flucht aus der historischen Verantwortung vollzogen." Und eine Zeile weiter: "Da sich die neue Linke auf diese Weise von den nationalsozialistischen Verbrechen abwandte, hatte sie es nicht weit…"

Man reibt sich die Augen: Weil sich Ulrike Meinhof, die damals bereits auf dem Weg in den bewaffneten Kampf war, von den nationalsozialistischen Verbrechen abwandte, hat sich mit ihr die gesamte neue Linke davon abgewandt? Dürfen Historiker so arbeiten?

Nicht weniger kurzschlüssig verhält es sich mit der Anklage Alys, die 68er hätten die Aufklärung des Holocaust eher behindert als befördert. Das Projekt der 68er in aller Welt war nicht die wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit, sondern die Gestaltung einer freieren Gegenwart und Zukunft. Hatten die deutschen 68er kein Recht dazu, weil sie "Täter-Kinder" waren? Im Übrigen war der Protest gegen den Vietnamkrieg durchaus von einem antifaschistischen Impuls getragen. Wie kann es sein, fragten sich die deutschen 68er, dass unsere einstigen Befreier ein Volk der Dritten Welt mit Napalm und Agent Orange bombardieren - und der Nachfolgestaat des Dritten Reichs ihnen logistisch dabei hilft?

Von den emanzipatorischen Impulsen der Rebellen, von ihrer Glückssuche und ihrem Weltbeglückungswahn ("make love not war") ist bei Aly kaum die Rede. Mit Tunnelblick bleibt er auf das Segment der Totalitären fixiert, zu dem er selbst gehörte, und versucht sich zu exkulpieren, indem er die 68er insgesamt als Wiedergänger "der 33er" denunziert. In seinem Findungsstolz über die von ihm entdeckten Parallelen verpasst er die einfachsten Fragen: Wie viele 68er stammten eigentlich von Nazi-Tätern ab? Waren solche Kinder dazu verdammt, unbewusst die Botschaften und Verhaltensmuster ihrer Täter-Väter zu reproduzieren? Gab es nicht auch Kinder von Nazigegnern und jüdischen Verfolgten in den Reihen der 68er? Und schließlich: Stimmen die Agendas der beiden "Bewegungen" und ihre politischen Ausgangsbedingungen in einem einzigen relevanten Punkt tatsächlich überein?

Es fällt nicht leicht, eine Erklärung für diese Missachtung der wissenschaftlichen Regeln anzugeben. Vielleicht steckt sie in einer Szene, die Aly gegen Ende seines Buches rekonstruiert. Bei der Besetzung der staatlichen Kunstschule in Berlin durch die SA-Studentenschaft wurde eine Prüfung "gewaltsam unterbrochen", die Professoren wurden "aus den Prüfungsräumen entfernt", die mit den Professoren sympathisierenden Studenten "gewaltsam zurückgedrängt" und eine vier Meter hohe Hakenkreuzfahne aufgerichtet. Als Aly diese Szene rekonstruierte, muss ihn die Frage heimgesucht haben: Hatte er als einer der Anführer der "Schweinejagd" im OSI nicht das Gleiche getan? Das Gleiche oder dasselbe? Und war auf dem vom "Wiedergänger" Aly mitverfassten Aufruf zur "Schweinejagd" nicht eine Karikatur zu sehen, auf der ein besonders großes Schwein namens Richard Löwenthal zu sehen war - eines jüdischen Professors, der in die USA geflohen und nach Deutschland zurückgekehrt war, um den jungen Deutschen die Demokratie beizubringen?

Womöglich, so spekuliere ich, sind es der Schock und die Scham über diese frappante Ähnlichkeit seiner eigenen Schandtat mit der der SA-Studenten gewesen, die dem erfahrenen Rechercheur Götz Aly und Holocaust-Experten die Handwerkszeuge des Historikers aus den Händen geschlagen haben. Statt seinem höchst angebrachten Schuldgefühl nachzugehen, flüchtet er sich in ein General-Verdikt der ganzen Generation und setzt alles mit allem gleich: die Bücherverbrennung mit der Verbrennung von Bildzeitungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, Rudi Dutschke mit Joseph Goebbels und den Dichter F. C. Delius mit Baldur von Schirach.

Wäre Götz Aly in seiner Untersuchung länger bei sich und seiner Scham geblieben, hätte er vielleicht gefunden, dass er ein von Ehrgeiz und Selbstüberschätzung verblendeter junger Mann, aber kein Jungnazi war - und dass nicht alle 68er sich so verrannt hatten wie er selber.

Götz Alys Buch "Unser Kampf - 1968" ist im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, erschienen.

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