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Andres Veiel „RAF-Mitglieder folgen einem elitären Korpsgeist“

Filmemacher Andres Veiel über das Preußische am Schweigen der RAF und wie das Prinzip „Wahrheit statt Rache“ da heraushelfen könnte.

Fahndungsplakat Baader-Meinhoff-Gruppe
1972: Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes. Foto: dpa

Der Kampf der RAF wird häufig  als Generationenkonflikt gelesen. Die Eltern der 1. Generation schwiegen über ihre Rolle während der NS-Zeit. Hat dieses Schweigen etwas mit der Radikalisierung der Einzelnen zu tun?  
Man muss differenzieren. Andreas Baader und Gudrun Ensslin hatten beide Väter, die nicht schuldhaft in den Nationalsozialismus verstrickt waren, vielmehr einen halben Schritt in den Widerstand gingen. Ensslins Vater war Teil der Bekennenden Kirche und wusste, dass sich das System in eine menschenverachtende Richtung entwickelte. „Hitler mag groß sein, aber Gott ist größer“, predigte er sinngemäß, was ihm ein Verfahren eingebracht hat.

Er meldete sich schließlich freiwillig zur Front und entging so einer möglichen Haftstrafe. Er hatte erkannt, aber nicht konsequent gehandelt. Es bedarf eines enormen moralischen Antriebs, aus einem halben Schritt einen ganzen zu machen. Baaders Vater stand im Kontakt zur Weißen Rose, erlebte, wie Sophie und Hans Scholl zum Tode verurteilt wurden: „Jetzt müssen andere weiter machen“, wird er zitiert, doch seine Frau war mit Andreas schwanger – und er ist zurück an die Front und eben nicht in den Widerstand. Bei Baader als auch Ensslin existierte sicherlich der Wunsch, stolz auf den Vater zu sein, aber es nicht richtig zu können.

Wer, wenn nicht die Eltern, war dann der Feind?
In meinen Gesprächen habe ich festgestellt, dass die Eltern eher ausgenommen wurden und der Feind in den Strukturen des Staates gesehen wurde.  Dort gab es eine sichtbare personelle Kontinuität zwischen dem Dritten Reich und der BRD: im Außenministerium, in der Justiz – Kiesinger als hochrangiges Mitglied im Reichspropagandaministerium konnte unangefochten Bundeskanzler werden. Ein Kernsatz von Gudrun Ensslin lautete: „Ich möchte mir nicht den Vorwurf machen, etwas erkannt und nichts getan zu haben.“ Das bezieht sich unmittelbar auf ihren Vater, der etwas erkannt und nichts getan hat. In „Wer wenn nicht wir“ (2011, A. Veiel) gibt es eine mir kolportierte Replik des Vaters: „Du sehnst den Faschismus ja richtig herbei. Was ist, wenn er gar nicht kommt?“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier RAF

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